Ein Afrikaner in Europa – Hans Paasche

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Ein Afrikaner in Europa – Hans Paasche – Ernährung

Einleitung:

Der deutsche Autor und Weltreisende Hans Paasche beschreibt in dieser seiner fiktiven Geschichte die Forschungsreise eines jungen, vegan lebenden Afrikaners um die Jahrhundertwende durch Europa.

In einem Brief an seinen Fürsten beschreibt Lukanga Mukara die Eindrücke, die er bei seiner Reise durch Deutschland gewonnen hat, und deren Bewohner er als Wasungu bezeichnet.

Um als Leser*in die Anschauungen Lukangas besser zu verstehen, sei darauf hingewiesen, dass es eine Vielzahl von Menschen und Völkern gibt, die sich seit jeher fleischlos ernähren.

Brief:

Lieber Mukama!

Dein königliches Herz erzürnt sich, weil ich Dir noch nicht geschrieben habe, was die Wasungu so alles essen. Großer und mächtiger Herr! Gebiete deinem Volk zwei Tage Schweigen, damit das Furchtbare, das ich dir jetzt schreibe, in deinem Verstand Platz finden möge.

Die Wasungu sind Seelenesser, sie sind Kannibalen!

Sie vermischen die Nahrung, die ihnen die Erde spendet, sogar mit Teilen verschiedener Tierarten. Besonders Schweine, Rinder und Pferde werden getötet und in viele kleine Teile zerschnitten und zerhackt.

Haustiere werden besonders gern geschlachtet und gegessen. Ihr Fleisch wird heimlich unter alle Nahrung gemischt. Niemand würde es kaufen, wenn er es wüsste. Und wenn jemand es anbietet, deshalb wird es sehr klein geschnitten und mit anderen Fleischstücken in Tonnen gesammelt, dann wird es sogar in die Därme von Rindern hinein gepackt und anschließend verkauft.

An einigen Orten vermischen die Wasungu das Fleisch auch mit Mehl und Fett und essen es dann aus flachen Muschelschalen. Nur Menschen dürfen hier nicht geschlachtet und gegessen werden….

Einmal sah ich einen Mann, der aufgeschnittene Kälberleichen, die noch ganz blutig waren, von einem Wagen auf die Schulter nahm und in einem Haus so aufhängte, dass jeder, der vorbei ging, die Leichen sehen konnte und auch sehen musste.

Männer, Frauen und Kinder gingen dort vorbei und alle waren fröhlich, obwohl sie das Ganze sahen. Der Mann hängte dann auch die inneren Teile der Tiere auf und schrieb Zahlen darunter, weil er dafür Geld haben wollte, wenn er sie verkauft.

Die Leichen selbst werden, wenn sie jemand kauft, in Teile geschnitten bzw. gerissen, als seien sie Früchte. Sogar das Blut der Tiere wird hier auch noch verkauft und gegessen.

Die Wasungu essen, nein das ist nicht ganz richtig: sie schlucken! Alles, was sie in ihren Mund nehmen, ist hierfür schon vorbereitet, damit es einfach hinunter geschluckt werden kann und nicht gegessen werden muss. Sicherlich gibt es unter den Wasungu auch einige, die sich darauf verstehen, Nahrung zu essen; aber die Meisten sind Schlucker!

Ihre Sprache kennt hauptsächlich nur zwei Worte für die Nahrungsaufnahme: »Essen« und »Fressen«. Die Schlucker sagen zwar von sich selbst, dass sie essen und nur die Tiere fressen. Aber als ich wieder einen Schlucker fressen sah, zeigte ich ihm, wie ein Rind auf der Weide Kräuter sucht. Anschließend sagte ich zu ihm, er solle doch auch lieber so »fressen«, wie die Tiere. Da wurde er sehr böse und drohte mir sogar Prügel an.

Die Wasungu machen besonders Schweine, die sie später als Leichen zu sich nehmen wollen, künstlich krank, damit diese ganz dick werden. Ja, sie zwingen die Tiere sogar dazu, immer ganz hastig, wie sie selber auch, zu schlucken und dann nur zu ruhen. So mästen sie die Tiere! Und wie die Schweine, so mästen sie sich zum großen Teil auch selbst.

Das Mästen erreichen sie durch vielerlei Mittel. Ein Wasungu wartet zum Beispiel nicht mit dem Essen, bis sich bei ihm Hunger eingestellt hat, sondern er geht einfach und sucht, ob er irgend etwas ausfindig machen kann, was er gerne schlucken möchte. Und damit er auch ganz sicher ist, dass er sich mästet, setzt er sich dazu immer zu ganz bestimmten Zeiten, auch ohne Hunger zu haben, zum Schlucken an einen Tisch.

Das macht er nicht im dunklen Raum und auch nicht allein, sondern er kommt dazu meist mit anderen Schluckern zusammen. Die Augen hat der Wasungu dabei immer ganz weit geöffnet. Während er die eine Speise hinunter schluckt, schielen seine Augen schon auf die nächste Speise.

Durch dieses Verhalten erreicht er ein wirklich schnelles Hinunterschlucken. Und damit er nicht viel kauen muss, gießt er immerzu viele Getränke hinzu.

Ein allgemein gebräuchliches Vorgehen, die Körpermast zu fördern, ist bei den Schluckern folgendes: Sie verabreden sich, zu mehreren gemeinsam um einen Tisch herum zu sitzen und dabei die Speisen zu schlucken. Und das, obwohl sie keinen Hunger haben! Meistens gelingt ihnen das auch sehr gut.

Es kommen an diesen Orten dann auch immer Diener, die versuchen, die Gier der Schlucker noch mehr zu reizen. Sie tun das, indem sie Speisezettel, den der Schlucker bereits vorher gelesen hat, der Reihe immer wieder einmal kurz vors Gesicht zu halten pflegen, damit noch etwas bestellt werde.

Auch ist es die Aufgabe der Diener, fortwährend die Teller, auf denen noch Speise liegt, plötzlich und schnell weg zu nehmen, um dadurch ein noch schnelleres Schlucken zu erreichen.

Wenn die Wasungu anfangen etwas in den Mund zu nehmen, schreien sie sich auch oft gegenseitig lautstark an und zwingen sich dadurch selbst zu noch schnellerem Hinunterschlucken. An manchen Orten lässt man dafür aber auch mindestens zwölf Männer auf Hörnern blasen und viel Lärm schlagen, damit die Schlucker ebenfalls recht laut schreien und schnell schlucken müssen.

Jetzt muss ich an die Verse des weisen Rubega denken, die ich hier nieder schreiben will. Rubega sagte einmal:

Rubega:

»Betrachte, oh Mensch, eine Nuss. Weshalb ist ihr Kern umkleidet? Damit der eine Mensch sie entkleide und der andere sie esse?! Nein! Damit der, der sie essen soll, den Kern auch heraus schäle und nicht sein Maul auf einmal bis oben hin abfülle.«

»Du sollst, wenn du isst, auch um den Boden wissen, von dem die Frucht genommen wurde. Und warst du selber nie dort, so sollen doch deine Gedanken dort weilen, während du isst.«

»Darum gehe in einen Raum, der für Speisung gemacht wurde und bleibe nur solange dort, bis deine Sehnsucht sich gesättigt hat. Auch sollst du immer den hellen Himmel über dir haben, wenn du isst. An ihm seht nämlich geschrieben, wann du essen sollst und wann nicht.«

»Bei Tag sollst du essen, beim unendlichen Blau des Himmels. Aber des Nachts, wenn die Sterne am Himmel zu sehen sind, sollen deine Gedanken nur an ihnen haften. Zu dieser Zeit sollst du fasten!«

Fortsetzung:

Mukama, wenn ich die Wasungu neben unser Volk die Wakintu stelle, dann weiß ich, welches Volk die besseren Ratgeber hat.

Unter den Masungu sind viele, die besonders starke Mast betreiben. Fast in jeder Arbeitsgemeinschaft befinden sich solche Mästlinge. Und obwohl sie alles tun, um möglichst schnell unfähig und krank zu werden, verlieren sie dennoch ihre Bürgerrechte nicht.

Als ich solchen gemästeten Menschen einmal sagte, dass in meiner Heimat nur die Menschen die vollen Ehrenrechte eines Staatsbürgers besitzen, die gesund leben und Gutes leisten, dann schluckten diese nur noch schneller.

Sie alle leben augenscheinlich immer in beständiger Angst, dass sie nicht genug Gemischtes und Erhitztes in ihren Leib bekommen. Um wirklich lebendige Nahrung kümmern sie sich kaum oder gar nicht. Ja, sie verachten sie sogar, weil sie fürchten, dadurch tatkräftig und lebensfroh, und nicht dick zu werden.

Die Wasungu wenden auch viele Mühen an, die Dinge, die sie in ihre Töpfe werfen, zu zerstören und ihnen den Sonnen-Geschmack zu nehmen. Hierbei dient ihnen besonders starkes und lang andauerndes Feuer als wichtigstes Hilfsmittel.

Daneben geben sie an alle Speisen sehr viel Salz, und erst dann sagen sie: »Es schmeckt.« Salz scheint bei den Wasungu dasselbe wie Geschmack zu sein. Und alles was nach Salz schmeckt, schlucken sie und davon so viel, bis sie nichts mehr schlucken können und ihnen übel wird.

Sogar schlechte Sachen, die bei uns niemand mehr essen würde, werden bei ihnen noch so zurecht gemacht, dass sie einfach geschluckt werden können. Daneben werden gute Sachen bei ihnen so zerstört, bis dass sie den schlechten gleich geworden sind. Das nennen sie dann hohe Kochkunst.

Strahlender Fürst! Deinem Diener wird es hier sicherlich nicht leicht gemacht, sich menschenwürdig zu ernähren. Aber fürchte nichts: Lukanga ernährt sich auch unter diesen vielen Leichenfressern nur mit Sonnenkraft.

Und wenn ich bei Tage auf der Kuppe eines Berges meine Augen im weiten Blau des Himmels ruhen lasse, weckt in mir immer der Duft einer süßen Frucht eine tiefe Lebenslust.

Dein Ausgesandter – Lukanga Mukara

Ein Afrikaner in Europa – Hans Paasche – Ernährung

Ein Afrikaner in Europa

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Autor: Hans Paasche

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