Wolf und Wachhund – Aesop Fabel

92

Wolf und Wachhund – Aesop Fabel – Freiheit

In einer mondhellen Nacht trafen sich einst ein Wolf und ein Wachhund.

Der Wolf war so mager, so struppig und so hungrig, dass man sofort Mitleid mit ihm hatte, wenn man ihn nur ansah. Der Hund aber sah sehr wohlgenährt aus und sein Fell war so glänzend und weich, dass es eine Freude war, ihn anzuschauen.

»Wie kommt es, mein Freund«, fragte der Wolf, »dass es dir so gut geht und dass du immer genug zum Fressen hast?«

»Das ist ganz einfach! Du könntest es genauso gut haben wie ich, wenn du mir bei meiner Arbeit helfen würdest!«

»Ich bin so hungrig, dass ich bereit bin, alles zu tun«, antwortete der Wolf. »Was ist deine Arbeit?«

»Ich bewache nachts das Haus meines Herrn und verjage die Diebe.«

»Wenn es weiter nichts ist, das kann ich auch tun. — Ich werde mit dir gehen«, sagte der Wolf, »und sofort um Arbeit bitten.«

So trabten sie miteinander fort. Der Mond hing groß am Himmel, und in seinem hellen Licht sah der Wolf etwas um den Nacken seines Freundes hängen.

Er blieb neugierig stehen und fragte: »Was ist das, was du da um den Hals trägst?«

»Oh, das bedeutet nicht viel«, erwiderte der Hund. »Kümmere dich nicht darum, es ist nur ein Zeichen meines Dienstes.«

»Ja, gewiss, aber warum?« bestand der Wolf darauf zu erfahren. »Was ist es, und warum musst du es tragen?«

»Es ist mein Halsband, an dem man ab und zu meine Kette befestigt.«

»Was!« rief der Wolf. »Ein Kette! Bist du nicht frei?«

»Ich bin frei, aber um die ganze Wahrheit zu sagen, nicht immer«, gestand der Hund. »Manchmal legen sie mich tagsüber an die Kette. Aber jede Nacht bin ich ganz frei und kann tun, was ich will. Denke nur an all das gute Futter, das ich jeden Tag erhalte!«

»Nein, Danke!«, antwortete der Wolf und kehrte unverzüglich um. »Ich will lieber frei in den Wäldern leben und Hunger leiden, ja, sterben vor Hunger, als ein wohlgenährter Sklave an einer Kette zu sein!«

Wolf und Wachhund – Aesop Fabel – Freiheit

Wolf und Wachhund
Wachhund Fabel Aesop

Wolf und Wachhund - Aesop Fabel - Freiheit - In einer mondhellen Nacht trafen sich einst ein Wolf und ein Wachhund. Der Wolf war so mager, so struppig und so hungrig, dass man sofort Mitleid mit ihm hatte, wenn man ihn nur ansah. Der Hund aber sah sehr wohlgenährt aus und sein Fell war so glänzend und weich, dass es eine Freude war, ihn anzuschauen.

URL: https://aventin.de/wolf-und-wachhund-aesop-fabel/

Autor: Aesop

Bewertung des Redakteurs:
4

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

vier × fünf =