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Taxi frei


Taxi frei ∘ Wolfgang Bittner ∘ München ∘ Raubüberfall


Ich erinnere mich genau. Es war im Wintersemester in München.

Gegen 24 Uhr hatte ich erst drei kurze Fahrten gemacht und etwas mehr als einen Zehner eingenommen. Dabei war das Wetter ausgesprochen günstig, das Geschäft hätte eigentlich florieren müssen. Die Außentemperatur lag bei null Grad. Ab und zu fiel Regen gemischt mit Schnee, der aber zum Glück nicht liegen blieb.

Wer geht bei so einem Wetter schon gern zu Fuß? Dennoch gab es kaum Aufträge, weder am Standplatz noch von der Zentrale. Man konnte nie genau sagen, woran das lag, vielleicht am Fernsehprogramm.

Um Kundschaft aufzugabeln, fuhr ich bei einer Nachtbar vorbei, hatte aber kein Glück. Auch bei einem Vorstadtkino tat sich nichts, obwohl die Spätvorstellung gerade zu Ende war.

Ich blieb also mit laufendem Motor stehen, bis sich die Leute verstreut hatten. Dann fuhr ich mit langsam zu einer nahe gelegenen Kneipe und wollte gerade wieder Gas geben, da tauchten aus einer Nebenstraße zwei Männer auf, die mir winkten. Als sie einstiegen, sah ich, dass es sich um zwei Jugendliche handelte.

Der eine, er war dunkelhaarig und sah aus wie ein Italiener, setzte sich neben mich. Seine Aussprache, als er das Fahrziel nannte, war allerdings akzentfrei. Er trug einen abgewetzten Militär-Parka. Ich schätzte sein Alter auf 18 Jahre.

Bei dem anderen handelte es sich um einen stämmigen, etwa gleichaltrigen Burschen, dessen rundes Gesicht von einem schwach spießenden blonden Backenbart eingerahmt wurde, was ihm ein merkwürdig unfertiges Aussehen verlieh. Er war mit einer braunen Lederjacke bekleidet. Die beiden wollten zu einem Lokal in der Innenstadt.

Da es wieder zu schneien anfing, fuhr ich langsam und konzentrierte mich auf die Straße. Die dunkle Fahrbahn sog das Licht der Scheinwerfer förmlich auf. Plötzlich merkte ich, dass es im Wagen totenstill war und dass die beiden einerseits zwar hellwach, andererseits aber ungewöhnlich reglos waren.

Einer inneren Eingebung folgend, wollte ich die Sprechtaste für die Zentrale drücken, um mich zu melden. Aber in demselben Moment hörte ich, wie neben mir ein Springmesser klickte.

»Mach keinen Scheiß«, sagte der Schwarzhaarige und legte seine linke Hand auf meinen rechten Unterarm. Gleichzeitig fühlte ich mich von dem hinter mir sitzenden Burschen mit den Schultern fest gegen die Rückenlehne des Sitzes gezogen.

Eine unbändige Wut keimte in mir auf, die sich fast augenblicklich in Todesangst verwandelte. Ich war nahezu bewegungsunfähig. Nur mit äußerster Willensanstrengung vermochte ich ein Zittern zu unterdrücken, das von meinen Beinen ausging und den ganzen Körper zu erfassen drohte.

»Dir passiert überhaupt nichts, wenn du jetzt langsam rechts ran fährst und mit den Kohlen rüberkommst«, hörte ich die Stimme des Schwarzhaarigen. Sie hatte einen eigenartig heiseren, vibrierenden Klang. Mein rechter, auf dem Gaspedal liegender Fuß begann zu zucken und machte den Wagen bockig.

»Versuch bloß nicht, uns reinzulegen, sonsts geht’s dir schlecht«, zischte der Dicke von hinten. Er schien aufgeregt zu sein. Seine in meine Schultern gekrampften Hände zitterten auf einmal. »Los, los, nun mach schon«, sagte der Schwarzhaarige gepresst.

Sie haben Angst, schoss es mir durch den Kopf. Zugleich wurde mir bewusst, dass sich daraus kein Vorteil für mich ergab.

Mir fiel ein, dass zwei Wochen zuvor ein Kollege mit ungefähr zwanzig Messerstichen im Körper ins Krankenhaus eingeliefert worden war, weil er sich geweigert hatte, einem Betrunkenen seine Geldtasche auszuhändigen; dass im vergangenen Jahr ein anderer Kollege nach der Herausgabe seines Geldes erschossen worden war, weil der Täter die Aussage fürchtete.

Unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen, ging ich mit der Geschwindigkeit herab.

»Was soll das?« fragte ich, mich mühsam beherrschend. »Meint ihr etwa, ihr könnt bei mir etwas abstauben?« Währenddessen überlegte ich, dass ich ihnen vollkommen ausgeliefert sein würde, sobald ich den Wagen anhielt. Also war es besser, so lange wie möglich weiterzufahren.

Aus diesem Grund gab ich ganz sachte wieder Gas und fügte, ohne eine Antwort abzuwarten, schnell hinzu: »Erstens habe ich noch nicht mehr als einen Zehner in der Tasche und zweitens schnappt man euch sowieso. Also, was wollt ihr eigentlich?«

Der Dicke griff mir von hinten ins Haar und zog meinen Kopf zurück, dass es im Genick knackte.

»Du tust jetzt sofort, was er dir gesagt hat!« schrie er mir ins Ohr. »Genau das«, bestätigte der Schwarzhaarige. Die Spitze seines Messers war durch die Kleidung hindurch zu spüren. Der Wagen schlingerte hin und her, und ich bekam ihn erst wieder unter Kontrolle, als der Dicke mein Haar losließ.

»Nur nicht nervös werden«, sagte ich so ruhig wie möglich. »Schließlich kann ich nicht einfach im Halteverbot stehenbleiben. Außerdem finde ich das beschissen, was ihr hier macht. Einem armen Schlucker wie mir, der sich sein Studium mit Taxifahren verdient, die letzten Kröten abzunehmen. Das ist ja wohl das Mieseste, was es überhaupt gibt.«

»Wenn du noch lange redest, bist du geliefert«, knurrte der Schwarzhaarige. Die Straße war zweispurig. Sie führte direkt in die Stadt. Ich fuhr mit einer Geschwindigkeit von etwa 70 km/h. »Was soll ich denn machen?« gab ich ihm zur Antwort. »Hier darf ich nicht halten. Habt ihr eigentlich Kartoffeln auf den Augen

»Mensch, reiß bloß dein Maul nicht so weit auf«, schnaufte der Dicke hinter mir. »Bei der nächsten Gelegenheit hältst du an, verstanden?« Er schien sich gefangen zu haben. Dennoch war mir, als habe sich sein Griff gelockert.

»Ich bin doch nicht taub«, gab ich zurück. »Bloß, mehr als den Zehner habe ich sowieso noch nicht eingenommen. Und wegen einem Zehner macht ihr einen Raubüberfall, der — ich meine theoretisch — mit einem Mord enden könnte. Dass ihr dafür jahrelang in den Knast kommt, womöglich sogar lebenslänglich, scheint euch überhaupt nicht klar zu sein.«

»Das lass mal unsere Sorge sein«, meinte der Dicke. »Ein Zehner ist besser als gar nichts«, sagte der Schwarzhaarige achselzuckend. Seine linke Hand lag noch immer auf meinem Unterarm. In der rechten Hand hielt er das Messer.

»Was denkt ihr denn, warum ich Taxi fahre?« stieß ich hervor und beantwortete die Frage sofort selber: »Natürlich, weil ich kein Geld habe. Ich weiß genau wie das ist, wenn man blank ist, wenn man sich nicht einmal mehr ein Bier kaufen kann. Aber das ist für mich noch lange kein Grund, gleich ein Messer zu ziehen, noch dazu wegen einem Zehner. Meint ihr denn, ich hätte Lust, den Rest meines Lebens im Kasten zu sitzen? Da fahre ich lieber Taxi oder arbeite auf dem Bau.«

Der Schwarzhaarige wollte etwas sagen, aber ich redete weiter, so schnell ich konnte. »Ihr müsst euch das bloß mal vorstellen, ihr bedroht jemanden mit einem Messer und der wehrt sich und ihr stecht ihn aus Versehen ab. Pfui Teufel, das wär vielleicht eine Schweinerei. Nee, da würde ich mir lieber was leihen oder notfalls einen Automaten knacken. Das ist besser als Mord.«

»Was quatschst du andauern von Mord?« fuhr mich der neben mir an. »Wir wollen die Moneten, verdammt noch mal, das ist alles.«

»Ja sicher«, entgegnete ich. »Aber was ihr hier macht, ist ja bereits ein Raubüberfall, für den ihr wenigstens fünf Jahre Knast bekommt. Ich meine, wenn ihr wirklich so knapp bei Kasse seid, dass ihr so etwas wegen der paar lumpigen Kröten riskiert, dann mach ich euch einen Vorschlag: Ich leihe euch den Zehner.«

»Der hat wohl nicht alle Tassen im Schrank«, hörte ich den Dicken hinter mir sagen. Aber der Schwarzhaarige hatte meinen Arm losgelassen.

»Ich leihe euch den Zehner«, sagte ich und blickte ihm voll ins Gesicht. »Den könnt ihr mir zurückzahlen, wenn ihr wieder Geld habt. Meine Adresse gebe ich euch auch, und wenn ihr wollt, könnt ihr mal bei mir vorbeikommen. Ich hab immer etwas zu trinken da.«

»Ich glaube, der spinnt«, grunzte der Dicke. Aber der Schwarzhaarige schien zu überlegen.

»Ihr könnt das machen, wie ihr wollt«, sagte ich. »Entweder ihr schickt mir das Geld irgendwann mit der Post zurück, oder aber ihr kommt mal vorbei und bringt es mir, und dann trinken wir einen zusammen.«

»Möchte mal wissen, wovon wir dir etwas zurückzahlen sollen«, sagte der neben mir. Seine Stimme klang jetzt wieder normal. »Du hast deine Arbeit als Taxifahrer. Aber mit achtzehn bekommt man kein Taxi. Und auf dem Bau oder woanders nehmen die uns auch nicht.«

»Haben wir ja versucht«, pflichtete der Dicke ihm bei. »Als wir eine Lehrstelle wollten, haben die uns ausgelacht. Mit solchen Zeugnissen, haben die gesagt, nimmt euch nicht mal die Scheißhaus-Reinigung.«

Der Schwarzhaarige nickte und sah zur Seite, als ich ihn anblickte. Der Dicke hatte meine Schultern losgelassen.

»Okay«, sagte ich, »dann schenk ich euch den Zehner und ihr versprecht mir, dass ihr mich mal besucht. Vielleicht kann ich sogar etwas für euch tun.«

»Darauf scheiß ich, dass andere was für mich tun!« fuhr mich der Dicke an. »Mein Alter will schon seit drei Jahren was für mich tun.«

»Und?« fragte ich.

»Das einzige, was dabei herauskommt, ist eins in die Fresse oder ein Arschtritt. Jetzt hat er sein Fett weg und ist selber arbeitslos.«

»Das ist mit denen vom Sozialamt genau dasselbe«, bestätigte der Schwarzhaarige. »Die versprechen einem das Blaue vom Himmel, und plötzlich sitzt man in Fürsorgeerziehung, ehe man weiß, was gespielt wird.«

»Darüber müssen wir uns mal in Ruhe unterhalten«, erwiderte ich. »Das geht nicht so auf die schnelle, wenn etwas dabei herauskommen soll. Das wichtigste wäre, dass ihr euch darüber bewusst werdet, was ihr überhaupt wollt und weswegen…«

»Red nicht so viel«, unterbrach mich der Dicke, »reich lieber den Lappen rüber und damit fertig.«

»Du verpfeifst uns auch bestimmt nicht bei der Polizei?« fragte der Schwarzhaarige.

»Was hätte ich denn davon?« fragte ich zurück.

»Versprich es uns«, sagte er. Ich versprach es ihnen in die Hand.

»Na gut«, sagte der Dicke. »Reden kannst du wie in der Kirche

Inzwischen waren wir bei der Kneipe angekommen, die sie als Fahrtziel genannt hatten. Von dem Messer war nichts mehr zu sehen. Ich hielt an und entnahm meiner Geldtasche den Geldschein, den ich dem Schwarzhaarigen gab. Dann nahm ich ein Blatt Papier und einen Bleistift aus dem Handschuhfach und schrieb ihnen meine Adresse auf.

»Das ist hier ganz in der Nähe«, sagte ich. »Wenn ihr wollt, können wir auch mal einen Zug durch die Gemeinde machen.« Den Zettel reichte ich dem Dicken nach hinten. Der faltete ihn zusammen und steckte ihn ein.

»Ich würde mich ehrlich freuen«, sagte ich. »In dieser Gegend hier kenne ich jede Kneipe.«

Die beiden gaben mir die Hand, bevor sie ausstiegen.

»Wir kommen vielleicht mal vorbei«, sagte der Schwarzhaarige.


Taxi frei ∘ Wolfgang Bittner ∘ München ∘ Raubüberfall

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Taxi frei ∘ Wolfgang Bittner ∘ München ∘ Raubüberfall - Ich erinnere mich genau. Es war im Wintersemester in München. Gegen 24 Uhr hatte ich erst drei kurze Fahrten gemacht und etwas mehr als einen Zehner eingenommen. Dabei war das Wetter ausgesprochen günstig, das Geschäft hätte eigentlich florieren müssen.

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Autor: Wolfgang Bittner

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Myllow
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  • Von einem der sich aufmachte Weisheit zu finden ∗ Fabeln Novellen Sagen

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