Musik – Liedermacher und Liederhörer

129

Musik – Liedermacher und Liederhörer – Franz Hohler – Satire 

Eines Tages hatten alle Festivals, Sängertreffen und Workshops ihre kreativitätsfördernde Wirkung getan, und es gab so viele Liedermacher, dass niemand mehr übrig blieb, um die Lieder zu hören.

Jeder besaß eine Gitarre, jeder beherrschte die einfachsten Griffe, jeder verfügte über einige Reimwörter, aus denen er ein paar Strophen basteln konnte, und wenn er selbst keine zustande brachte, sang er die seines Nachbarn oder die seiner Vorbilder.

Das war die Zeit, als der lange Ulli Linnenbrink aus Kreuzberg plötzlich bekannt wurde, weil er eine ganz außergewöhnliche Fähigkeit hatte: Er konnte Lieder hören. Er hatte eine Art dazusitzen und dem, der Lieder sang, mit übereinander geschlagenen Beinen, mit leicht gefalteten Händen und verständnisvollem Gesichtsausdruck zuzuhören, die jeden Liedersänger zu Höchstleistungen antrieb.

Hatte er sein anfängliches Tun nur in kleinem Kreis, vor Freunden und Kollegen und ab und zu in einer Kreuzberger Kneipe zur Geltung gebracht, wurde bald ein namhafter Liedersänger auf den begabten jungen Mann aufmerksam, und nun ließ sich sein Aufstieg nicht mehr verhindern.

Bald trat er in großen Theatern auf, er setzte sich auf die Bühne, und der ganze Saal war voller Liedermacher, von denen ihm jeder ein Lied vorsingen durfte, zu dem Ulli dann nickte und manchmal auch applaudierte, was für den Betreffenden ein großer Erfolg war. In welcher Stadt auch immer die Plakate „Ulli Linnenbrink hört Lieder!“ hingen, die Liedermacher rissen sich die Karten aus den Händen.

Linnenbrinks erste Platte, auf der er nur leise atmete und gelegentlich etwas Beifall klatschte oder „Das war aber sehr schön“ sagte, wurde ein Erfolg, der jede Liedermacher-Platte in den Schatten stellte. „Und wie“, fragte man ihn in einem Interview, „wie sind Sie auf die Idee gekommen, Lieder zu hören?“

„Tja“, sagte Linnenbrink, „das kam so –”, und dann erzählte er eine Geschichte von einer Gitarre, die ihm kaputt gegangen sei, worauf ihm aus Geldmangel nichts anderes übrig geblieben sei, als den anderen zuzuhören.

Diese Geschichte war natürlich nur erfunden, da sie sich einfach gut machte. In Wirklichkeit hatte Ulli Linnenbrink nie Gitarre gespielt und wusste auch gar nicht mehr, wie er darauf gekommen war, Lieder zu hören.

Natürlich fand er viele Nachahmer, die zu ihm in die Kurse kamen, aber seltsamerweise minderte das weder den Ruhm noch den Erfolg Linnenbrinks. Darauf angesprochen, pflegte Ulli nur immer mit dem Kopf zu nicken und zu sagen:

„Tja, es ist schon so, Lieder machen ist keine Kunst, aber Lieder hören kann nicht jeder.“

Musik – Liedermacher und Liederhörer – Franz Hohler – Satire 

Musik - Liedermacher und Liederhörer
Musik Liedermacher und Liederhoerer 1

Musik - Liedermacher und Liederhörer - Franz Hohler - Satire - Eines Tages hatten alle Festivals, Sängertreffen und Workshops ihre kreativitätsfördernde Wirkung getan, und es gab so viele Liedermacher, dass niemand mehr übrig blieb, um die Lieder zu hören.

URL: https://aventin.de/musik-liedermacher-und-liederhoerer/

Autor: Franz Hohler

Bewertung des Redakteurs:
3

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

2 × zwei =