Variationen des Menschen

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Variationen des Menschen – R.M.F – Alltagspsychologie

So wichtig es für das theoretische Verständnis des Menschenlebens sein mag, dass man sich zunächst ein Bild des Menschen macht: für die Praxis des Lebens wird das wenig helfen. Da gilt es die zahllosen Spielarten, in die sich die Gattung »homo sapiens« spaltet, zu beachten.

Wir brauchen, um diese zu finden, nicht zu fernen Zonen und Zeiten zu pilgern, es genügt, wenn wir mit Lesages hinkendem Teufel über die Dächer unserer eigenen Städte steigen und hineinblicken in die Säle und Gemächer, in die Büros und die Werkstätten, in die Wohnstuben und Totenkammern, auf all die Freude und den Jammer, den Zorn und die Liebe, die sich meist an erbärmliche Kleinigkeiten klammern und oft auf Trug und Torheit beruhen.

Würden wir all das sehen, würde uns unsere Kenntnis der allgemeinen Struktur der Seele und die Formel »Leben« als Deutung dafür recht wenig sagen. Wir würden finden, dass sich die Menschen, die wir zunächst als »gleich« ansehen wollten, in den »gleichen« Situationen höchst ungleich benehmen, dass die einen stolz und kühl bleiben, wo andere ächzen und wimmern, dass die einen edel, die anderen gemein handeln, ja wir würden schließlich zum Ergebnis gelangen, die Menschen seien so verschieden, dass nicht zwei Gleiche sich unter ihnen finden.

Wir würden ferner erkennen, dass zwei Menschen, die stolz oder feige sind, doch nicht in gleicher Weise stolz oder feige sind; wenn zwei Menschen das gleich sehen, hören, schmecken, sie doch niemals das gleiche sehen, hören und schmecken und dass sie bei gleichen Worten unendlich Verschiedenes denken. Kurz, wenn wir in die Herzen der Menschen hineinsehen könnten, so würden wir staunen über die Fülle der Möglichkeiten, die innerhalb jener grundsätzlichen Strukturgleichheit bestehen.

Wenn Schopenhauer die Menschen als Fabrikware der Natur gescholten hat, wovon er nur sich und ein paar auserlesene Geister ausnahm, so konnte er es nur, weil er sich nicht die Mühe genommen hatte, die Menschen wirklich aus der Nähe zu betrachten. Gewiss ist es theoretisch möglich, die Menschen als Abzüge der gleichen Platte anzusehen; aber selbst wenn das ganz der Wirklichkeit entspräche, so wäre doch zu bedenken, was jeder Kenner weiß: dass die Abzüge des gleichen Klischees sehr verschiedenartig und verschiedenwertig sein können. Für die Praxis des Lebens jedenfalls käme man mit einer Menschenkenntnis, die nur das Klischee kennt, nicht eine Tagesreise weit.

So sehr sich dem aufmerksamen Beobachter die tiefe Verschiedenheit der Menschen auch aufdrängt, hat man sie doch keineswegs immer beachtet. Selbst Dichter und Künstler, die doch offenen Blick besitzen sollten für die Buntheit des Lebens, haben oft nur allgemeine Typen statt lebendiger Individualitäten darin erschaut, und scharfe individuelle Charakteristik pflegt in der Entwicklung der Künste vielfach (es gibt daneben auch einen primitiven Naturalismus) erst in Spätzeiten aufzutreten.

Man suchte den Reiz künstlerischer Darstellung vielfach wesentlich in dem, was allen Menschen gemeinsam ist, nicht in der schillernden Vielfältigkeit der Wirklichkeit, und man hat sogar eine Theorie, die Theorie des Klassizismus, aus diesem schematischen Sehen gemacht. Ich habe hier nicht zu richten, ob das ästhetisch berechtigt war oder nicht; wir sind gewiss fähig, das »Rein-menschliche« in den Tragödien des Sophokles und den Statuen des Phidias zu sehen.

Wir lieben auch die edle Humanität, die »reine Menschlichkeit«, in Goethes »Iphigenie« (deren Vorbild bei dem Griechen Euripides übrigens keineswegs so »human« war, sondern unbedenklich ihre Menschenopfer brachte), und wir sehen es auch mit wohlwollendem Humor, wenn Dürer oder Hans Sachs die heilige Familie aus Nazareth der augusteischen Zeit unbedenklich als biedere Bürger aus Nürnberg des sechzehnten Jahrhunderts auffassen. Aber wir sind heute empfindlicher geworden und vertragen es nicht mehr, wenn ein moderner Autor ägyptischen Königstöchtern die Gefühle deutscher Backfische unterlegt.

Ja wir sehen heute, oder sollten es zumindest sehen, nachdem wir alle, ohne es vielleicht zu wissen, durch die historische und ethnologische Schulung des letzten Jahrhunderts hindurchgegangen sind, sogar in der allgemeinen Menschlichkeit griechischer Klassiker das eigentümlich Griechische und in der Humanität der Goetheschen Iphigenie typische Zeitideale der späten Aufklärungsepoche. Wir wollen auch in der Kunst nicht mehr allein den Menschen sehen, sondern gerade die Menschen in all ihrer Besonderheit.

Wenn man behauptet, im Grunde seien die Menschen zu allen Zeiten und an allen Orten wesensgleich, so würde das bedeuten, ihre Kulturen, Künste und Religionen, die so verschieden sind, seien nur äußerlich umgehängte Maskeraden. Zugegeben selbst, dass die Kultur nicht immer weit in die Tiefe reicht, dass man beim »Kulturmenschen« oft nicht allzuviel europäische Schminke abzukratzen braucht, um darunter den Barbaren, ja das Tier zu finden.

Dennoch unterscheidet sich ein moderner »Kulturmensch« sehr wesentlich von einem »Naturmenschen«, ja auch von den Kulturmenschen der attischen oder der Florentiner Hochkultur. Wenn man darauf hinweist, dass jeder Mensch in gleicher Weise ein Herz und zwei Augen habe, so kann man dagegen betonen, dass jedes Herz im übertragenen wie im wortwörtlichen Sinn einen anderen Rhythmus pocht, was sich sehr anschaulich durch Apparate darlegen lässt, die die Pulskurve aufzeigen.

Man muss fernen wissen, dass die menschlichen Augen nicht nur in ihrer Leistungsfähigkeit, sondern auch in der Art ihrer Struktur verschieden sind, dass im Grunde jeder Mensch das Sonnenspektrum ein wenig anders sieht, was sich dadurch beweisen lässt, dass, wenn derselbe Gegenstand von zwölf Malern »getreu« kopiert wird, nicht zwölf gleiche, sondern zwölf recht ungleiche Bilder herauskommen.

Es ist billig, zu sagen, jeder Mensch habe Furcht vor dem Tod. Wird das nicht zu leerer Phrase, wenn man an Helden denkt, die lachend ins Gefecht stürmten, an Märtyrer, die psalmensingend sich zur Arena drängten, an japanische Edle, die kaltblütig vor allem Volk das Harakiri vollzogen, wie der größte Seeheld dieses Volkes, Admiral Nogi?

Warum klingt uns die Mär von Liebeslust und -leid immer wieder neu? Wäre sie nichts als die Wiederholung eines immer gleichen Motivs, sie würde bald unerträglich werden wie eine abgespielte Leierkastenmelodie! Nein, wenn schon die Natur sich darin gefällt, ein immer gleiches Motiv in der Menschheitsgeschichte milliardenfach zu variieren, so variiert sie es eben, und es gibt in der Wirklichkeit nur Variationen, während das Urthema nur als Abstraktion besteht. Auf diese Verschiedenheiten, nicht auf das Urthema, wollen wir jetzt lauschen.

Gab das, was wir im vorigen Kapitel brachten, die Hauptzüge der allgemeinen Psychologie wieder, so führen wir jetzt in die Wissenschaft der vergleichenden oder differentiellen Psychologie ein.

Variationen des Menschen – R.M.F – Alltagspsychologie – Psychologie

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Autor: R.M.F

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