Als Portier und Bote – Günter Wallraff

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Als Portier und Bote – Günter Wallraff – Novelle 

Nach zweimonatiger Portier- und Botenexistenz und nachdem ich Ostersamstag und Ostersonntag jeweils von 7.00-18.00 Uhr im »Notdienst« den Konzern vor eventuellen Eindringlingen zu schützen hatte – tue ich etwas ganz Banales und Selbstverständliches, womit ich allerdings die heftigsten Reaktionen auslöse …

Ein Ausdruck für die Klassenstruktur im Konzern ist das nach Rang und Stellung gestaffelte Kantinenessen. Dem »gemeinen Volk« ist der »Jahrhundertsaal« vorbehalten, ein eindrucksvoll und pompös gestalteter Esssaal, in dem, durch die Expansion des Konzerns bedingt, die Tische immer enger gerückt wurden. Wenn man sich im Gedränge einen freien Platz sucht, muss man schon darauf achten, dass man seine Suppe nicht einem Kollegen in den Nacken schüttet. Hier muss man sich selbst bedienen, bis zu zehn Minuten in der Schlange stehen, bis einem das Essen zugeteilt wird.

Bevollmächtige und Prokuristen haben ihre eigenen Speiseräume im Souterrain, ein Gartenkasino ist für sie reserviert. Die Vorstandsdirektoren wiederum haben ihren gesonderten exklusiv-feudalen Speisetrakt. Sie dinieren an festlich gedeckten Tischen und lassen sich erlesene Gerichte servieren.

Zu ihnen geselle ich mich während der Mittagspause in meiner Botenuniform, um es mir einmal richtig schmecken zu lassen. Ich trete ins Kasino ein, ein gutes Dutzend Konzern-Bosse sitzt an mehreren Tischen verteilt. Es ist reichlich Platz hier, meine Kollegen von der Poststelle würden es sich hier auch noch bequem machen können, ohne dass die Herren zusammenrücken müssten. Ich steuere auf den Tisch am Kopfende des Saals zu.

Ich habe etwas Herzklopfen, denn einige der Herren blicken schon auf; es muss schon etwas Außerordentliches geschehen sein, wenn ein Bote sie hier in ihrem intimen Speisebereich aufsucht. Jedoch kein Telegramm oder eiliges Fernschreiben, mit dem ich dienen könnte. Statt dessen setze ich mich zu drei Direktoren an den Tisch. »Mahlzeit«, sage ich. Der jüngere von ihnen, in Gedanken versunken, erwidert meinen Tischgruß noch, erschrickt jedoch, als er die beunruhigt bis entsetzt dreinschauenden Gesichter seiner Tischnachbarn entdeckt.

Die Gespräche an den umliegenden Tischen geraten ins Stocken, zuvor schwirrten noch Zahlen im Raum, angeregtes bis hektisches Plaudern; jetzt heißt’s für die Herren »Haltung bewahren«, nur ja nicht ihr Gesicht verlieren, sich auch außergewöhnlichen Situationen gewachsen zeigen. Einige nehmen das Gespräch, leise und dezent, wieder auf, nicht ohne mir dabei verstohlen lauernde Blicke zuzuwerfen.

Ich nehme an, auf die abgeklärteren und würdigeren unter ihnen wirkt mein Eindringen so, als ob die neue Zeit angebrochen sei, jetzt ist es soweit, jetzt brechen die Dämme auf, jetzt strömt das Volk an unsere Tische und Tröge. Keiner wagt, aufzustehen, um mich des Saales zu verweisen, dafür hat man seine Leute.

Man lässt mich jetzt nicht mehr aus den Augen, gebannt starrt jetzt alles auf mich. Der jüngere Kellner beugt sich an mein Ohr, und bevor er mir etwas zuflüstert, sage ich laut und vernehmbar, auf den Teller meines neben mir sitzenden Direktors zeigend: »Das sieht aber lecker aus. Bringen Sie mir das auch, und ebenso Champagner bitte.« –

Der junge Kellner, mit gedämpfter Stimme und fast flehend: »Sie sind falsch hier, hier ist nur für Direktoren gedeckt . . .« – »Ich bin genau richtig hier«, unterbreche ich ihn, »bringen Sie mir jetzt das Menü, so lang Pause hab ich nicht.« – Jetzt halte ich es doch für erforderlich, deutlicher zu werden, um nicht zu Missverständnissen Anlass zu geben.

Auf die Direktoren zeigend, sage ich: »Was soll das denn. Die werden doch auch bedient. Sind die denn was Besseres!« – Der Kellner gibt auf, mit einer Geste wie ‘ich habe meine Pflicht getan, ich bin mit meinem Latein am Ende’ wendet er sich an die Direktoren und entfernt sich.

Nun gut, man weigert sich, mich zu bedienen. Ich habe vorgesorgt. Aus einem Butterbrotpaket, das ich neben meinen Stuhl gelegt habe, packe ich meine Ration aus. Knäckebrot, mit Schinken belegt, einen Apfel. Als ich ein mitgebrachtes Messer in die Hand nehme, um den Apfel zu schälen, gespannte, beunruhigte Wachsamkeit bei den Direktoren.

Aber ich fange mit dem Messer wirklich an, meinen Apfel zu schälen. Ich stelle ein mitgebrachtes Schnapsglas auf den Tisch. Inzwischen sind einige Minuten vergangen. Die Direktoren, darum bemüht, ihr Gesicht zu wahren, halten die Stellung. Am Anfang war ich ziemlich aufgeregt und nervös. In Anbetracht der ablehnenden Haltung einer Gruppe, die einen als einzelnen ungebetenen Gast so feindselig empfängt, ist es gar nicht so einfach, cool und unbefangen zu bleiben. Jedoch, je irritierter und nervöser die Herren des Vorstandes werden, um so gelassener und ruhiger werde ich.

Außer Atem spurtet Herr Klein ins Kasino. Mit federnden Schritten, den anwesenden Direktoren mit leichter Verbeugung zugrüssend, nähert er sich meinem Platz. Herr Klein, ein ehemaliger Kriminalbeamter, ist mein Vorgesetzter. Er ist für die Portiers und Boten zuständig und für die Werksicherheit. Herr Klein ist mit einem Miniaturfunksprechgerät ausgestattet, das fortwährend aufgeregt piepst und über das er Anweisungen empfängt, während er auf mich einredet.

Ich habe ihm den freien Stuhl neben mir angeboten, auf dessen vorderer Kante er Balance haltend Platz genommen hat. Er scheint den Anwesenden gegenüber dokumentieren zu wollen, dass es ihm nicht ansteht, es sich hier in einem Sessel der Konzernspitze bequem zu machen und dass er sich rein aus dienstlichen Gründen zu mir auf gleiche Sitzhöhe begibt, um mich besser ins Auge fassen und um so zwingender hinauskomplimentieren zu können.

Herr Klein versucht es zuerst mit pragmatischen Argumenten, mich zum Aufgeben zu bringen: »Herr G., es ist hier das Vorstandskasino. Sie können sich das Essen hier nicht leisten.« – Ich zücke mein Portemonnaie und antworte: »Ich will es nicht geschenkt haben, ich kann es ja bezahlen.« Klein (besänftigend): »Hier wird auch nichts verkauft, Herr G . . . Verstehen Sie doch, für uns ist das verboten hier. Wer hat Sie überhaupt auf die Idee gebracht . . .?« –

Ich antworte: »Da brauchte mich keiner drauf zu bringen, da bin ich ganz von selbst drauf gekommen, das ist doch was ganz Selbstverständliches, längst überfällig . . .« Klein: »Also, Herr G., ich bin jetzt 13 Jahre im Konzern und das habe ich wirklich noch nie . . .«

Herr Klein wird zusehends nervöser. Mich sanft am Arm fassend und hilfesuchend zu den Direktoren blickend: »Bitte, kommen Sie mit, Herr G., tun Sie mir doch den Gefallen, dann unterhalten wir uns draußen weiter. Wir sind doch immer gut miteinander ausgekommen.« Ich (mich nicht vom Platze rührend): »Ja, aber erst, wenn ich mein Essen bekommen habe. Ich kann ja nicht mit leerem Magen wieder an die Arbeit zurück.«

Klein (ratlos): »Herr G., sind Sie jetzt mal ehrlich, haben Sie heute morgen Alkohol zu sich genommen?«

Ich: »Nein, wieso? Ich bin stocknüchtern.« Ich schütte das mitgebrachte Gläschen voll Korn und schiebe es Herrn Klein hin: ». . . Trinken Sie erst mal, Sie können einen Schluck vertragen. Kommen Sie, das tut gut, da beruhigen Sie sich.« Klein wehrt erschrocken ab. Darauf nehme ich das Glas und kippe es, ihm zuprostend, runter. Herr Klein gerät außer Fassung: »Das ist ein Entlassungsgrund, Herr G., Sie wissen doch, dass es für uns verboten ist, im Dienst Alkohol zu trinken.«

Jetzt halte ich den Zeitpunkt für gekommen, auf die Direktoren zeigend, auf Widersprüche hinzuweisen: »Was soll das denn«, sage ich, »die trinken doch hier alle ihren Sekt und scheinen nicht befürchten zu müssen, deshalb ihren Job zu verlieren.« Ein Direktor, der soeben sein Glas zum Trinken anhebt, lässt es erschrocken wieder sinken, wohl um mich nicht weiter herauszufordern. Er wirft einem jüngeren Kollegen einen strafenden Blick zu, der sich ein Grinsen nicht verkneifen konnte.

Der Kasinochef, Herr Rüssel, erscheint. Klein springt auf; und um mich erst mal von meinem Sessel, auf dem ich wie angewachsen sitze, hochzubringen, sagt er: »Herr G., darf ich Ihnen den Kasinochef vorstellen, Herr Rüssel.« – Ich erhebe mich, wie es die Höflichkeit verlangt, reiche ihm die Hand, sage »Angenehm« und setze mich wieder auf meinen Platz. »Können Sie nicht dafür sorgen, dass ich endlich zu meinem Essen komme«, komme ich dem Kasinochef zuvor, »ich hab nämlich nur 40 Minuten Pause und muss gleich wieder die Post austragen, sonst kommt der gesamte Arbeitsablauf im Konzern noch durcheinander, da greift schließlich eins ins andere.«

Der Kasinochef steht verdattert da. Ein Vorstandsdirektor gibt ihm und Klein mit einem Wink zu verstehen, dass sie sich entfernen sollen. Man hat wohl begriffen, dass mich die Argumente nicht überzeugen, im Gegenteil zu um so beharrlicherem und hartnäckigerem Verbleiben bewegen. In die Runde der Direktoren fragend: »Können Sie das verstehen, dass man mich hier einfach nicht bedient? Sie haben doch Ihr Essen auch anstandslos bekommen.«

Auf die Speisekarte schauend »Menu, Hühnerkraftbrühe mit Einlage oder Orangensaft, – Schweinerücken ‘Bäckerin Art’, Kopf- und Selleriesalat – Herrencreme, – Kaffee«, sage ich: »Sind Sie im allgemeinen zufrieden mit dem Essen hier?« – Der jüngere am Tisch will zu einer Erklärung ansetzen, jedoch die beiden anderen geben ihm ein Zeichen, sich zu erheben, und wortlos räumen die drei das Feld. Sie haben ihre vollen Sektgläser zurückgelassen, und freundlich der Runde der noch Verbliebenen zuprostend, genehmige ich mir den edlen Tropfen.

Nun sitze ich wieder allein am Tisch. Nur noch sechs Direktoren sind, der Dinge harrend, die noch kommen mögen, auf ihren Plätzen verblieben. Ihretwegen bleibe ich auch. Zwei Herren kommen zielstrebig auf meinen Tisch zu. Ein tatendurstig dreinschauender Jüngerer und ein in-sich-ruhender, vom-Leid-der-Welt-wissender, jedoch nichts-dagegen-tun-könnender Älterer. Der Jüngere gibt sich so, als ob er mit Handlungsvollmachten ausgestattet sei, der Ältere, als ob er wenig zu sagen hätte.

Der Jüngere stellt sich als Abgesandter der Personaldirektion vor und den Älteren als Mitglied des Betriebsrates (Wie ich später erfahre, ist dieses Betriebsratsmitglied aus einem ganz anderen Konzernteil und für mich überhaupt nicht zuständig; man hat ihn wohl mitgebracht, weil von ihm kein Widerspruch zu erwarten ist.)

Der Jüngere: »Ich weiß nicht, was Sie veranlasst hat, sich hier zu placieren?!«

Ich: »Dafür gibt es viele Gründe. Ein Grund ist zum Beispiel, dass mein Arzt mir empfohlen hat, diese Dampfkost im Jahrhundertsaal zu meiden und dieses als Schonkost viel besser geeignete Essen hier zu mir zu nehmen, ich hab nämlich einen nervösen Magen.« Der Jüngere von der Personlabteilung: »Sehen Sie mal, hier hat jeder seinen eigenen Bereich, seinen bestimmten Arbeitsplatz in seinem jeweiligen Büro. Sie können sich ja auch nicht einfach auf einen anderen Arbeitsplatz setzen und sagen, ‘Die Arbeit hier gefällt mir besser, die mach ich jetzt’. Ich will hier sitzen und nicht da.«

Ich: »Aber das ist doch etwas ganz anderes. Das hat mit Einarbeitung, einer gewissen Qualifikation und so zu tun. Aber essen, das kann doch wohl jeder. Um ein Glas Sekt zu trinken, brauch ich doch keine besondere Ausbildung.«

Betriebsrat: ». . . Das hat doch damit nichts zu tun.«

Personalabteilungs-Mann: ». . . Von einem Vorstand kann man eben erwarten, wenn er mittags seinen Sekt trinkt, dass ihm das nichts ausmacht . . . In jedem Unternehmen gibt es gewisse Ordnungsvorstellungen und Unterschiede, die ihren Sinn haben und ihren Zweck erfüllen. Und hier werden Gespräche geführt, die auf höchster Geschäftsebene stattfinden, und da hat man es nicht gern, wenn nebenan irgendwer sitzt.

Sehen Sie mal, das sind Ordnungsstrukturen und Prinzipien, die sind Jahrhunderte und Jahrtausende alt, die sind gewachsen, die können Sie doch nicht über den Haufen schmeißen. Die Rangunterschiede, die findet man doch, wenn man bis ins Tierreich zurückgeht. Da frisst erst der männliche Löwe und was er übrig lässt, das kriegt die Löwin mit den Jungen, und dann kommen die Schakale dran, ich will sagen, das ist gewachsen, das ist Natur . . .«

Ich: »Und da sollen wir die Rolle der Schakale übernehmen. Das würde Ihnen so passen. – Im Grund ist’s nur konsequent, was Sie da von sich geben. Sie berufen sich auf die Gesetze der freien Wildbahn, nach denen hier ja auch gehandelt wird.«

Als Portier und Bote – Günter Wallraff – Novelle

Als Portier und Bote
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Als Portier und Bote - Günter Wallraff - Novelle - Nach zweimonatiger Portier- und Botenexistenz und nachdem ich Ostersamstag und Ostersonntag jeweils von 7.00-18.00 Uhr im »Notdienst« den Konzern vor eventuellen Eindringlingen zu schützen hatte – tue ich etwas ganz Banales und Selbstverständliches, womit ich allerdings die heftigsten Reaktionen auslöse …

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Autor: Günter Wallraff

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