| |

Das Ungeheuer – Leo Tolstoi

209

Das Ungeheuer – Leo Tolstoi – Märchen – Reparatur

Es war einmal ein Ungeheuer, das saß auf einem Baumstumpf und zählte mit seinen Krallen die Sterne. „Eins, zwei, drei, vier.“

Der Kopf des Ungeheuers sah aus wie der von einem Hund, der Schwanz war kahl und kräftig wie der von einer Ratte. „Fünf, sechs, sieben.“

Die gezählten Sterne erloschen und statt ihnen erschienen schwarze Löcher am Himmel, aus denen es regnete. Und so wurde die Erde immer dunkler und nässer.

Da war das Ungeheuer froh, da es ja ein böses Ungeheuer war und ging in ein Dorf, um auch den Menschen Böses zu tun. Vom Zählen hatte es mittlerweile genug und schon Hornhaut auf den Krallen.

Im Dorf torkelte ein betrunkener Schneider durch die Straße, der das Ungeheuer erblickte und schrie: „Hilfe, ein Monster!“ Er lief auch gleich zum Mond, um ihn um Hilfe zu bitten. So kam der Mond herbei, stellte sich vor das Ungeheuer und wollte nicht zulassen, dass es noch mehr Sterne auslöschte.

Das Ungeheuer aber wollte mit seinen Krallen noch einmal nach den Sternen greifen, doch der Mond stellte sich so, dass es sie nicht erreichen konnte. Da peitschte das Ungeheuer voller Wut mit seinem Schwanz auf den Boden, doch der Mond stieß es erneut zurück.

Jetzt wurde es überall still im Dorf. Der Mond versuchte das Ungeheuer festzuhalten. Dieses schnappte jedoch mit seinen Reißzähnen nach dem Mond, riss ihm dabei ein Stück ab und verschluckte es. Der verletzte Mond bäumte sich vor Schmerzen auf und zog sich hinter die Wolken zurück.

Nun jammerte das Ungeheuer so kläglich, das überall im weiten Umkreis die Blätter von den Bäumen fielen. Im Bauch des Ungeheuers tobte nämlich die abgebissene Mondhälfte hin und her und machte dem Ungeheuer mächtige Schmerzen.

Mehr und mehr wand sich das Ungeheuer und hatte keine ruhige Minute mehr. Schließlich lief es zum Fluss und sprang ins Wasser, um sein Leid zu lindern. Überall spritzte Gischt auf. Doch die Schmerzen ließen nicht nach, so sehr sich das Ungeheuer auch krümmte.

Vom mächtigen Platschen angelockt schwammen kleine Wassernixen heran. Sie erschreckten sich aber sehr und starrten auf das Ungeheuer. Da erblickten sie das abgerissene Mondstück in seinem Maul. Da sagten sie: „Der Mond ist da, der Mond ist da.“

Das Ungeheuer wand sich noch einmal voller Schmerzen im Wasser, wurde ohnmächtig, fiel nieder und blieb regungslos liegen. Die Wassernixen zerrten nun am Mondstück, das halb aus dem Maul des Ungeheuers ragte, und zogen es ganz heraus. Sogleich wurde der Fluss hell erleuchtet und klar, wie an einem jungen Tag im Frühling.

Der Mond hinter den Wolken nahm sodann die abgerissene Seite wieder an sich und schon bald zog er wie zuvor in voller Größe über den Himmel der Nacht. Und so zeigte sich wieder einmal: Abgerissene Seiten kann man auch reparieren, wenn man will!

Das Ungeheuer – Leo TolstoiMärchen – Die abgerissene Seite – Reparatur

Das Ungeheuer

Das Ungeheuer - Leo Tolstoi - Märchen - Es war einmal ein Ungeheuer, das saß auf einem Baumstumpf und zählte mit seinen Krallen die Sterne. „Eins, zwei, drei, vier.“ Der Kopf des Ungeheuers sah aus wie der von einem Hund, der Schwanz war kahl und kräftig wie der von einer Ratte. „Fünf, sechs, sieben.“

URL: https://aventin.de/das-ungeheuer-leo-tolstoi/

Autor: Leo Tolstoi

Bewertung des Redakteurs:
4

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

10 + 11 =