Der Mantel – 1 von 2 – Novelle – Nikolai Gogol

Der Mantel 1-2 - Novelle - Nikolai W. Gogol
Der Mantel  

Der Mantel 1 von 2 
Nikolai W. Gogol – 
Novelle

In einer Ministerialabteilung – besser ich nenne sie nicht, denn es gibt nichts Empfindlicheres als unsere Beamten, Offiziere und Politiker. Heute fühlt wirklich schon jeder Privatmensch in seiner Person die ganze Gesellschaft beleidigt.

Da soll neulich der Bericht eines Polizeihauptmannes – ich weiß nicht mehr aus welcher Stadt – vorgelegen haben, worin dieser breit ausführt, dass die staatlichen Verordnungen allenthalben nichts mehr gelten und der geheiligte Name eines Polizeihauptmannes mit unverhohlener Verachtung ausgesprochen werde, und zum Beweis legte er dem Bericht einen dickleibigen Roman bei, allwo auf jeder zehnten Seite ein Polizeihauptmann in völlig betrunkenem Zustand erscheint. Um also Unannehmlichkeiten zu vermeiden, nenne ich die Ministerialabteilung, um die es sich hier handelt, lieber eine Ministerialabteilung, irgendeine …

In einer Ministerialabteilung also diente ein Beamter, irgendeiner. Man kann nicht gut sagen, er hätte herausgeragt aus der Schar der anderen, denn er war klein, pockennarbig, rothaarig, kurzsichtig, hatte eine Glatze und kleine verrunzelte Bäckchen, und aus seiner Gesichtsfarbe konnte man auf Hämorrhoiden schließen.

Doch dagegen ist nichts zu machen. Schuld trägt das Petersburger Klima. Um seinen Rang nicht zu vergessen, da man bei uns vor allem den Rang angeben muss – er war das, was man einen ewigen Titularrat nennt, über welchen sich bekanntlich hier schon verschiedene Schriftsteller lustig gemacht haben.

Diese können nun einmal nicht von der Gewohnheit lassen, gerade auf solche Leute loszugehen, die sich nicht wehren können. Er hieß Baschmatschkin, und sein Vorname lautete Akaki Akakiewitsch. Es ist wohl möglich, dass letzterer dem Leser merkwürdig und ein wenig gesucht erscheine, doch ich kann ihm versichern, dass nach diesem Namen in Wirklichkeit nicht gesucht worden war, dass vielmehr Umstände eingetreten waren, die jeden anderen ausschlossen, und das hatte sich so zugetragen.

Akaki Akakiewitsch wurde, wenn ich mich recht erinnere, in der Nacht des 23. März geboren. Seine selige Mutter, eine Beamtenfrau und eine überaus brave Frau, machte, wie sich das gehört, sofort Anstalten, dass das Kind getauft werde. Sie lag noch im Bett, und rechts von ihr stand der Pate Iwan Iwanowitsch Jeroschkin, Abteilungschef im Senat und ein ganz ausgezeichneter Mann, und die Patin Arina Semenowa Bjelobruschowa, die Gattin eines Polizeileutnants und zudem mit seltenen Tugenden begabt.

Pate und Patin ließen der Wöchnerin die Wahl zuerst unter folgenden drei Namen: Mokia, Sossia und Chosdadat, der Märtyrer, doch sie wollte nicht: »Nein, das sind alles so Namen.« Um sie zufriedenzustellen, wurde der Kalender an einer anderen Stelle aufgeschlagen, und da kamen die Namen: Trefilius, Dula und Barachassius heraus.

»Das ist ja wie eine Strafe Gottes!« rief jetzt die Mutter. »Was für schreckliche Namen! Nie noch habe ich diese Namen gehört! Wenn wenigstens Barabas oder Baruch da stünde – aber Trefilius und Barachassius! Ach! Ach!« Noch einmal drehten der Pate und die Patin die Seite um: da standen aber Pafsikachius und Bachtissius.

»Ich sehe schon,« schrie jetzt die Alte, »das ist sein Los. Und weil es nicht anders sein kann, so soll er wie sein Vater heißen. Dieser hieß Akaki und darum soll auch sein Sohn so heißen!« So kam es also zu Akaki Akakiewitsch.

Die Taufe wurde nun vollzogen, und dabei weinte das Knäblein und verzog das Gesicht so, als hätte es vorausgefühlt, dass es einmal Titularrat sein würde. Ich habe das alles ausgeführt, damit der Leser selber sehe, dass es gar nicht anders sein konnte und ein anderer Name unter diesen Umständen rein unmöglich und gänzlich ausgeschlossen gewesen wäre.

Wann Akaki Akakiewitsch nun ins Ministerium kam und wer ihn dorthin brachte, daran kann sich wohl niemand mehr erinnern. Die Direktoren und Kanzleivorsteher wechselten, doch ihn sah man immer auf demselben Posten, in derselben Haltung, bei derselben Arbeit, so dass einer glauben konnte, Akaki Akakiewitsch wäre so auf die Welt gekommen: in Uniform und mit der Glatze.

In seiner Abteilung bewies man ihm auch weiter keine Achtung. Die Türsteher standen nicht nur nicht auf, wenn er kam, sondern sie sahen ihn nicht einmal, als wäre da anstatt eines Titularrats eine ganz kleine Fliege herein geflogen gekommen.

Die Kanzleivorstände behandelten ihn von oben herab. So ein Sekretär hielt ihm einfach den Stoß Papiere unter die Nase hin und nahm sich erst weiter nicht die Mühe hinzuzufügen: Bitte schreiben Sie das ab! oder: Heute gibt es wieder einmal eine hübsche, interessante Arbeit für Sie! oder sonst etwas Verbindliches, wie es sich unter wohlerzogenen Leuten schickt.

Und Akaki Akakiewitsch nahm auch alles so entgegen, wie man es ihm bot, und hatte nur Augen für das Papier und sah gar nicht erst auf den, der es ihm reichte und ob dieser auch dazu berechtigt wäre; er nahm es entgegen und machte sich sofort an die Arbeit.

Die jungen Beamten lachten ihn aus und machten Witze mit ihm, wie das solche Kanzleigehirne eben verstehen; so erzählten sie in seiner Gegenwart Geschichten über ihn und seine Wirtschafterin, eine siebzigjährige Frau, und sagten, dass diese ihn prügle, oder fragten, wann Hochzeit sein werde. Auch streuten sie Papierschnitzel auf seine Glatze und meinten, das sei Schnee.

Doch Akaki Akakiewitsch erwiderte mit keiner Silbe und tat, als sähe er nichts. Es störte ihn auch nicht im geringsten in seiner Arbeit; mitten unter allen diesen Sticheleien machte er nicht einen einzigen Fehler im Brief. Nur wenn sie schon ganz unerträglich waren und diese freundlichen Kollegen etwa seine Hand zu stoßen begannen und ihn also an der Arbeit hinderten, rief er: »So lasst mich doch in Ruhe! Warum müsst ihr mich in einem fort ärgern?«

Und etwas Fremdes und Fernes lag stets in diesen seinen Worten und in der Stimme, mit der er sie sprach. Ich sage, darin war etwas laut, was in den Menschen das Mitleid erregen musste, so dass wirklich einmal ein junger Mann, der seit kurzem hier angestellt war und nach dem Muster der anderen sich auch allerhand Scherze mit Akaki Akakiewitsch erlaubte, ganz plötzlich davon abließ, als sähe er jetzt alles ganz anders und als hätte sich alles nun vor seinen Augen verkehrt und verwandelt.

Eine wunderbare Macht trennte ihn für immer von seinen Kollegen, mit denen er sich schon befreundet hatte, in der Meinung, es wären eben liebenswürdige Leute von Welt wie andere auch. Und noch nach Jahren, in Augenblicken des Frohsinns, stand da plötzlich im Geist der kleine Beamte mit der Glatze auf dem Kopf vor ihm und sprach dieselben Worte: Lasst mich doch in Ruhe! Warum müsst ihr mich in einem fort ärgern? Und mit diesen Worten tönten andere mit: Ich bin dein Bruder.

Und der junge Mann bedeckte sein Gesicht mit den Händen und erschrak jetzt und noch oft und oft in seinem Leben davor, wie viel Unmenschliches im Menschen wohne, wie viel Grausamkeit und Rohheit gerade in diesen feinen, gebildeten Männern von Welt und weiß Gott auch in solchen noch stecke, welche allenthalben für gutmütig und rechtschaffen gelten.

Es wäre wohl schwer gewesen, einen Menschen zu finden, der mehr in seinem Beruf lebte. Akaki Akakiewitsch diente mit Eifer, doch das ist noch nicht das Wort: er diente mit Liebe. Während er so schrieb, erstand vor seinem Auge eine bunte und ihm liebe Welt, und der Genuss an dieser Welt drückte sich auch in seinem Gesicht deutlich aus.

Da gab es immer Buchstaben, die er ganz besonders mochte; wenn er die zu Papier brachte, war er wie närrisch, lächelte in sich hinein, zwinkerte mit seinen kleinen Augen und half gleichsam mit den Lippen nach, so dass man aus seiner Grimasse wohl lesen konnte, welchen Buchstaben eben seine Feder produzierte.

Wenn sie ihn nach seinem Eifer entlohnt hätten, müsste er schon längst Staatsrat sein – wohl auch zu seinem eigenen Erstaunen; so hatte er sich, wie seine Kollegen sich ausdrückten, statt eines kleinen Bandes im Knopfloch die Hämorrhoiden ersessen. Natürlich will ich damit nicht behaupten, dass seine Vorgesetzten auf ihn nicht aufmerksam geworden wären.

Einer, ein guter Mensch, wollte ihn auch für seinen langen Dienst belohnen und gab den Auftrag, ihm von nun an eine wichtigere Arbeit anzuvertrauen als das bloße Abschreiben wäre: Akaki Akakiewitsch sollte Berichte für ein anderes Bureau liefern, und die Arbeit bestand schließlich nur darin, dass er den Titel änderte und die erste Person in die dritte verwandelte, doch das machte ihm solche Mühe, dass er ganz in Schweiß geriet, sich die Stirn rieb und endlich bat: Nein, lasst mich lieber wieder abschreiben! Und seitdem schrieb er wieder ab.

Was nicht zum Schreiben gehört, das existierte für Akaki Akakiewitsch nicht. So vergaß er ganz auf seine Kleidung. Die Uniform war nicht mehr grün, sondern rötlich und wie mit Mehl bestäubt; der Kragen war so eng und niedrig, dass sein Hals, der eigentlich kurz war, ganz lang erschien und der Titularrat jenen Katzen aus Gips glich, welche die Hausierer auf dem Kopf, so ein Dutzend im Korb, herumtragen.

Und immer blieb etwas an seiner Uniform hängen: ein wenig Heu oder ein Bindfaden; zudem hatte er es darauf abgesehen, unter ein Fenster gerade in dem Augenblick zu treten, da man Kehricht auf das Pflaster warf, und so trug er stets etwas davon auf seinem Hut weiter: Stücke Schale von einer Wassermelone, Brotrinde und ähnliches.

Man kann wohl behaupten, dass er dem, was täglich auf der Straße vorgeht, auch nicht die geringste Aufmerksamkeit schenkte. Wohin immer Akaki blickte, überall sah er die sauberen, geraden Linien seiner Handschrift, und erst wenn sich ihm von ungefähr eine Pferdeschnauze auf die Schulter legte und ihn aus seinen großen Nüstern anblies, wurde er gewahr, dass er sich nicht mitten in einer Zeile, sondern mitten auf der Straße befand.

Zuhause setzte er sich gleich zu Tisch, schlang die Suppe hinunter und aß ein Stück Rindfleisch mit Knoblauch dazu. Er schmeckte nicht, was er aß, und so kam es, dass er auch die Fliegen und was sonst etwa noch auf dem Essen lag, mit herunterschluckte.

Wenn er fühlte, dass der Magen voll zu werden anfing, stand er auf, nahm Tintenfass und Feder heraus und schrieb nun die Briefe und Schriften ab, die er mit nach Hause gebracht hatte. Gab es zufällig keine Briefe, so hatte er sich Kopien mitgenommen und schrieb sie jetzt zu seinem Vergnügen ab, besonders gerne, wenn sich so ein Schriftstück weniger durch Schönheit des Stils, wie durch die Adresse an eine neue oder wichtige Persönlichkeit auszeichnete.

Um die Zeit, da Petersburgs grauer Himmel sich völlig verdunkelt und das ganze Beamtenvolk jeder nach seinem Gehalt oder Geschmack abgegessen hat, um die Zeit, da alles sich vom Gekritzel der Federn, von den vielen Gängen für sich und für andere oder sonst welchen Mühen, die sich der Mensch freiwillig aufzwingt mehr als nötig, erholt, um die Zeit, da die Beamten alle sich beeilen, die noch übrige Zeit dem Vergnügen zu widmen:

Der eilt in ein Theater, dieser auf die Straße, um gewisse kleine Hüte zu begucken, ein dritter in eine Gesellschaft, um sich hier in Komplimenten zu verausgaben an ein zierliches Kind, den Stern eines kleinen Beamtenkreises, ein vierter – und das kommt allerdings am häufigsten vor – kriecht zu seinem Amtsbruder hinauf in den dritten oder vierten Stock.

Die Wohnung besteht aus zwei kleinen Zimmern mit Vorzimmer und Küche und ist nicht ganz ohne Ansprüche auf Schönheit, es steht da etwa eine Lampe drin nach dem neuesten Geschmack oder sonst ein seltener Gegenstand, der viel Opfer gekostet hat und ganz bestimmt nur um den Preis unterdrückter Mittagessen und unterlassener Theaterbesuche zu erstehen war.

Ich sage, um die Zeit, da diese Beamten sich in den Wohnungen ihrer Kollegen zerstreuen mit Whist, Tee und Zwieback, und einer sitzt dabei und dampft aus seinem langen Tschibuk, und ein anderer neben ihm erzählt einen Klatsch aus den höchsten Kreisen, ein Vergnügen, dem ein Russe niemals und unter gar keinen Bedingungen entsagen will, und wenn ihm keiner einfällt, so gibt er wohl zum hundertsten Mal die Anekdote zum besten vom Kommandanten, dem gemeldet wird, dass ein Übeltäter dem Pferd am Denkmal Peters des Großen den Schweif abgehauen hätte.

Ich sage, um die Zeit, da alles die Freude und das Vergnügen sucht, blieb Akaki Akakiewitsch durchaus jeder Art von Zerstreuung fern. Niemand konnte sagen, er hätte ihn jemals abends wo in Gesellschaft gesehen. Sobald er sich satt geschrieben hatte, ging er zu Bett, im voraus schon lächelnd beim Gedanken daran, was Gott ihm wohl morgen zum Abschreiben geben werde.

So floss friedlich das Leben eines Menschen hin, der mit vierhundert Rubel Gehalt sich in sein Los schicken konnte, und dieses Leben wäre weiter so dahin geflossen in gleichem Frieden bis ins höchste Greisenalter, wenn es nicht böse Zufälle gäbe auf dem Lebensweg nicht nur der Titular-, sondern auch der Geheim-, der wirklichen Geheim- und der Hofräte, ja selbst derer, die niemandem einen Rat geben und auch von keinem einen solchen empfangen.

Alle die mit einem Jahresgehalt von vierhundert Rubel und darunter haben in Petersburg einen gar argen Feind, und dieser Feind ist kein anderer als unser Winterfrost, trotzdem er natürlich für sehr gesund gilt. So um neun Uhr morgens, um die Zeit, da sich die Straßen füllen mit solchen, die in die Ministerien müssen, beginnt er so kräftige und beißende Nasenstüber auszuteilen, dass die armen Beamten wirklich nicht mehr wissen wohin mit ihren Nasen.

Und wenn denen in hoher Stellung schon die Stirn vor Kälte brennt und Tränen in die Augen treten, geht es unseren armen Titularräten erst recht schlecht. Das einzige, was diesen zu tun übrig bleibt, ist sich so schnell wie möglich in ihren dünnen Mäntelchen durch die fünf oder sechs Gassen zu schlagen und dann in der Portierloge sich die Füße am Ofen zu wärmen, so lange, bis alle auf dem Weg eingefrorenen Talente und Fähigkeiten zum Dienst wieder aufgetaut wären.

Akaki Akakiewitsch begann nun schon seit einiger Zeit zu fühlen, dass ihn da was im Rücken und auf den Schultern gar heftig zwicke und beiße, trotzdem er sich bemühte, den Weg ins Bureau so schnell wie möglich zurückzulegen. Und er dachte, ob nicht am Ende sein Mantel die Schuld trüge, und richtig, da er ihn zu Hause genau durchsuchte, entdeckte er, dass an drei oder vier Stellen, gerade am Rücken und an den Schultern, sich der Stoff durchgerieben hatte und ganz durchsichtig geworden und dass auch das Futter zerrissen wäre.

Man muss im übrigen wissen, dass die Kollegen auch diesen Mantel zur Zielscheibe ihres Spottes gewählt, dass sie ihm den ehrenwerten Namen eines Mantels überhaupt genommen und ihn Kapuze getauft hatten. In der Tat hatte er im Laufe der Zeit eine fragwürdige Form angenommen, auch war der Kragen von Jahr zu Jahr schmäler geworden, da er zum Flicken der anderen Teile herhalten musste, und diese Flecken verrieten keineswegs die Kunst eines Schneiders, vielmehr waren sie von höchst ungeübter und grober Hand eingesetzt.

Da nun Akaki Akakiewitsch mit Augen sah, woran er wäre, beschloss er, den Mantel sofort zu Petrowitsch, dem Schneider, zu tragen. Dieser lebte irgendwo im vierten Stock eines Hinterhauses und befasste sich mit Reparaturen aller Art von Hosen und Fräcken der Beamten und anderer Leute, natürlich nur in Stunden, da er nüchtern und sein Kopf frei war.

Ich brauchte über ihn natürlich nicht lange zu reden, doch da es nun einmal so Sitte ist, dass in einer Erzählung über den Charakter einer Figur kein Zweifel herrsche, so her mit diesem Schneider. Vor Jahren hieß er noch einfach Grigori und war Leibeigener bei irgendeinem Herrn.

Petrowitsch begann er sich erst zu nennen, da er freigelassen wurde und sich an allen Feiertagen tüchtig zu betrinken anfing, zuerst nur an den großen, später aber an allen ohne Unterschied, wo immer nur im Kalender sich ein Kreuz fand. Darin war er der Sitte seiner Väter durchaus treu geblieben, und wenn er darob mit seiner Frau zankte, so nannte er sie ein weltliches Geschöpf ohne Sitte und ohne Art und zudem eine Deutsche.

Da ich nun schon einmal bei seiner Frau bin, so muss ich auch über sie ein paar Worte sagen. Leider ist von ihr nicht viel mehr bekannt, als dass sie eben die Ehefrau des Petrowitsch sei und dass sie eine Haube und nicht ein Tuch um den Kopf trage. Sie konnte sich wohl in keinem Fall rühmen, schön zu sein; höchstens dass Soldaten von der Garde ihr einmal unter die Haube guckten, doch sie drehten sich da jedesmal den Schnurrbart, lachten und sprachen ein nicht wiederzugebendes Wort aus.

Auf der Stiege zu Petrowitsch – die Wahrheit zu sagen war diese gerade frisch eingeseift und stank, wie alle Petersburger Hintertreppen, stark nach Schnaps – ich sage auf der Stiege überlegte Akaki Akakiewitsch, wieviel Petrowitsch wohl verlangen dürfte, und war in Gedanken fest entschlossen, nicht mehr als zwei Rubel zu geben.

Die Tür stand offen, denn die Küche, wo des Petrowitsch Frau einen Fisch briet, war so voll Rauch, dass man nicht einmal die Schaben sehen konnte. Akaki konnte also durchgehen, ohne von der Wirtin gesehen zu werden, und trat ins Zimmer des Petrowitsch, welcher an einem breiten ungestrichenen Tisch saß und die Beine wie ein Pascha gekreuzt hatte. Die Füße waren wie bei allen Schneidern bloß, und vor allem musste dem Kunden der Daumen auffallen; Akaki Akakiewitsch kannte ihn gut mit seinem verstümmelten Nagel, der dick und hart wie Schildpatt war.

Um den Hals hingen ihm Fäden von Zwirn und Seide und auf den Knien hatte er einen alten Fetzen. Schon seit einigen Minuten suchte er den Zwirn in das Nadelöhr zu bekommen, doch es wollte ihm nicht gelingen, und da begann er auf die Finsternis zu schimpfen und auch auf den Zwirn: Er geht nicht hinein, das Luder.

Akaki Akakiewitsch war es nicht angenehm, gerade in einem Augenblick zu kommen, da Petrowitsch in schlechter Stimmung war: es wäre ihm lieber gewesen, bei Petrowitsch eine Bestellung zu machen, da dieser seine Courage vertrunken hatte und nach Fusel roch. In diesem Zustand ging er nämlich auf alles ein und stand immer wieder von seinem Sitz auf und verbeugte sich in einem fort und war überaus dankbaren Gemütes.

Freilich später kam dann die Frau und weinte und schrie, der Mann sei betrunken gewesen gestern und hätte nur darum die Arbeit für so wenig übernommen. Doch da legte man ein paar Kopeken zu, und die Sache war gemacht. Heute aber, schien es, war Petrowitsch nüchtern und darum fest, er tat den Mund nicht auf und war also eher geneigt, weiß Gott was für Preise zu verlangen.

Akaki Akakiewitsch fühlte das sehr deutlich und wollte schon wieder zurück, doch er war schon zu weit gekommen, Petrowitsch hatte ihn erblickt und blinzelte ihn mit seinem einzigen Auge von der Seite an, so dass der Titularrat ganz gegen seinen Willen: »Guten Tag, Petrowitsch!« ausrief. »Gott zum Gruß, Herr!« erwiderte Petrowitsch, und das Auge des Schneiders fiel auf die Hand des Akaki Akakiewitsch und wollte wissen, was für eine Beute dieser ihm heute denn brächte.

»Ich komme zu dir, Petrowitsch … denn … weil …« Man muss wissen, dass der Titularrat sich meist nur in Umstands- und Beiwörtern und in sonst welchen Silben, die ganz ohne Sinn waren, ausdrückte. Und wenn eine Sache sehr schwierig war, hatte er die Gewohnheit, den Satz überhaupt nicht zu beenden …

»Was habt Ihr da?« sagte Petrowitsch und musterte inzwischen mit seinem einen Auge die ganze Uniform von oben bis unten, Kragen, Ärmel, Rücken, Falten, Achselschlingen, er kannte das alles sehr gut, denn es war seine eigene Arbeit. Das ist bei Schneidern so Gewohnheit; das erste, was jeder tut.

»Da hab ich was für dich, Petrowitsch. Den Mantel … Das Tuch … Du siehst, es ist überall noch gut, ganz fest. Er ist nur etwas verstaubt und sieht darum so alt aus, doch er ist noch ganz neu … neu … Nur hier ist so etwas … am Rücken. Und auch noch auf der Schulter ist er ein wenig durchgewetzt, und dann da noch auf dieser Schulter … Siehst du es auch? Das ist alles. Nicht viel Arbeit.«

Petrowitsch nahm den Mantel, breitete ihn auf dem Tisch aus und prüfte ihn lange. Er schüttelte mit dem Kopf, und seine Hand griff nach einer runden Tabaksdose mit dem Porträt eines Generals darauf – man konnte nicht sehen welches, denn dort, wo das Gesicht hätte sein sollen, war das Holz mit dem Finger durchgedrückt und mit einem Stückchen Papier zugeklebt.

Petrowitsch schnupfte ein wenig Tabak und hielt jetzt den Mantel gegen das Licht und schüttelte noch einmal sein Haupt; dann kehrte er das Futter heraus und schüttelte wieder mit dem Kopf; noch einmal nahm er die Dose mit dem geköpften General, zog etwas Tabak ein, legte sie aufs Fensterbrett und sagte endlich: »Nein, da ist nichts mehr auszubessern. Der Mantel ist schlecht.«

Dem Titularrat schlug das Herz. »Warum nicht, Petrowitsch?« fragte er mit der jammernden Stimme eines kleinen Kindes. »Er ist doch nur an den Schultern etwas durchgewetzt. Du hast sicher bei dir noch alte Flecken zum Stopfen.«

»Die habe ich schon; aber man kann sie nicht mehr aufnähen. Das Tuch ist schon ganz mürbe und hält den Stich nicht mehr: so ist es!«

»Da nähst du eben einen Lappen darauf!«

»Worauf denn? Nein, nein, den kann man nicht mehr zusammenflicken, der hat schon zuviel durchgemacht.«

»Doch, doch, stopf ihn nur!«

»Nein,« sagte Petrowitsch jetzt ganz entschlossen, »da ist nichts mehr zu stopfen. Am besten, Ihr macht Euch, wenn der Winter kommt, Fußlappen daraus. Strümpfe sind doch nicht warm. Die haben die Deutschen erfunden, um noch mehr Geld zu machen. (Petrowitsch liebte es, gelegentlich auf die Deutschen zu schimpfen.) Den Mantel aber, versteht sich, müsst Ihr Euch neu machen lassen.«

Bei dem Worte neu wurde es dem Titularrat dunkel vor den Augen, und alles drehte sich ihm im Zimmer, und er sah nur ganz klar vor sich den General mit dem zugeklebten Gesicht auf der Tabaksdose.

»Wieso einen neuen?« rief er wie aus einem Traum. »Ich habe doch kein Geld dafür.«

»Ja, einen neuen,« bestätigte Petrowitsch mit grausamer Ruhe.

»Und wenn es schon ein neuer sein muss, was würde …?«

»Ihr meint, was er kostet?«

»Ja.«

»Nun, so hundertundfünfzig Rubel müsst Ihr darauf schon verwenden,« meinte Petrowitsch und kniff die Lippen zusammen. Er liebte nämlich die starken Effekte. Er liebte es, den Leuten Schrecken einzujagen und dann so von der Seite zuzusehen, was der Geschreckte für ein Gesicht machte.

»Hundertundfünfzig Rubel für einen Mantel!« schrie Akaki Akakiewitsch auf, vielleicht das erstemal wieder nach seiner Geburt, denn für gewöhnlich war ihm große Stille zu eigen.

»Ja, gewiß!« sagte Petrowitsch. »Und wenn Ihr den Kragen aus Marder und die Kapuze mit Seide gefüttert haben wollt, so kommt er auf zweihundert.«

»Petrowitsch, ich bitte dich,« flehte der Titularrat, ohne auf Petrowitsch zu hören und auf dessen Effekte zu achten, »bessere mir den Mantel aus, damit er noch einige Zeit wenigstens hält!«

»Nein, das geht nicht. Das hieße Arbeit verschwenden und das Geld auf die Straße werfen,« schloss Petrowitsch, und Akaki Akakiewitsch lief hinaus. Petrowitsch jedoch behielt noch lange seine Stellung, kniff höchst bedeutsam die Lippen zusammen und ließ die Hände von der Arbeit, so zufrieden war er damit, dass er diesmal weder sich selber erniedrigt noch die Schneiderkunst verraten hatte.

Auf der Straße ging Akaki Akakiewitsch wie im Traum. »So etwas. Ich hätte doch nicht gedacht, dass es dazu kommen würde!« Und dann fügte er hinzu nach einigem Überlegen: »So steht die Sache. Das kam dabei heraus. Wer hätte vermuten können, dass es damit so stände.« Und wieder schwieg er, und jetzt noch einmal: »So steht es also mit mir. Das konnte ich doch nicht erwarten, niemals … So etwas …«

Anstatt nach Hause ging er nun, ohne es zu wissen, genau in der entgegengesetzten Richtung. Auf dem Weg streifte ihn ein Schornsteinfeger, und die Schulter war ganz schwarz davon. Auch fiel eine Kelle mit Kalk auf ihn von einem Haus, an welchem gebaut wurde. Er merkte nichts. Erst als er gegen einen Wachtposten angerannt war, der, die Hellebarde neben sich, aus seinem Beutel Tabak auf die schwielige Hand tat, wachte er auf, denn der Posten schrie ihn an: »Musst du mir denn ins Maul kriechen? Wozu ist denn das Trottoir da?«

Jetzt sah er auf und ging nach Hause. Und hier erst begann er die Gedanken zu sammeln und klar seine Lage zu übersehen, hier erst begann er mit sich nicht mehr zusammenhanglos, sondern überlegt und offen zu sprechen, als redete er mit einem klugen Freund, dem man eine Herzenssache anvertrauen kann.

»Nein, nein, heute kann niemand mit Petrowitsch reden. Seine Frau muss ihn durchgeprügelt haben. Ich gehe besser am nächsten Sonntag noch einmal zu ihm. Sonnabend ist er betrunken, und da bekommt er Sonntag darauf die Augen nicht auf und bedarf einer Stärkung. Seine Frau gibt ihm das Geld nicht, und da bin ich dann da und drücke ihm einen Sechser in die Hand, und so wird er mit sich reden lassen, und der Mantel wird dann noch gehen …«

So schloss der Titularrat, sprach sich Mut zu und wartete auf den nächsten Sonntag. Kaum hatte er gesehen, dass des Schneiders Frau aus dem Haus ging, eilte er schnurstracks zu ihm. In der Tat hatte Petrowitsch Mühe, sein einziges Auge aufzubekommen und war ganz voll Schlaf und ließ den Kopf hängen. Doch kaum hatte er verstanden, worum es sich wieder handle, als er schon wie vom Satan getrieben rief: »Nein, nein, das geht nicht. Ihr müsst einen neuen bestellen!«

Der Augenblick war da, ihm den Sechser in die Hand zu drücken. »Ich danke Euch, Herr! Da kann ich mich ein wenig stärken gehen auf Eure Gesundheit. Doch den Mantel lasst nun einmal, er taugt wirklich nichts mehr. Ich mache Euch einen neuen, schönen und dabei bleibt es.«

Der Titularrat fing immer wieder von der Reparatur an, doch Petrowitsch hörte gar nicht auf ihn und rief: »Ich mache Euch einen neuen. Verlasst Euch auf mich, ich werde mir Mühe geben! Ich werde Euch sogar, weil es jetzt so Mode ist, silberne Pfötchen aufs Appliqué nähen.«

Akaki Akakiewitsch sah nun ganz klar, dass der neue Mantel nicht mehr zu umgehen sei, und sein Mut war weg. Von welchem Geld sollte er sich ihn nur machen lassen? Freilich durfte er auf die Remuneration zu den Feiertagen hoffen, doch die war schon im voraus eingeteilt: er brauchte neue Hosen, musste den Schuster bezahlen fürs Ansetzen von Kappen an den Schuhen, und dann wollte er bei der Näherin drei Hemden bestellen.

Kurz, das Geld war schon verausgabt. Und wenn auch der Direktor so gnädig wäre, ihm statt vierzig Rubel fünfundvierzig oder gar fünfzig zu bewilligen, würde die Kleinigkeit, die übrig bliebe, nur ein Tropfen im Meer sein im Vergleich zu der Summe, die der neue Mantel kosten soll. Natürlich das wusste er schon, dass Petrowitsch, weiß der Teufel warum, bei guter Laune gerne solche verrückte Preise machte, so dass selbst seine Frau sich nicht mehr halten konnte und ihn anschrie: »Bist du närrisch geworden? Einmal arbeitest du für nichts und dann wieder treibt dich der Teufel, einen Preis zu verlangen, den du selber gar nicht wert bist.«

Wenn der Titularrat auch wusste, dass Petrowitsch den Mantel für achtzig Rubel liefern würde – woher aber die achtzig nehmen? Die Hälfte konnte er noch zusammenkriegen, ja, die Hälfte sogar sicher, vielleicht auch eine Kleinigkeit mehr: aber die andere Hälfte, wer sollte die ihm geben?…

Doch der Leser muss zuerst erfahren, woher er die erste Hälfte nehmen wollte. Akaki Akakiewitsch hatte nämlich die Gewohnheit, von jedem verausgabten Rubel eine Kopeke in eine kleine Sparbüchse zu geben, die zugeschlossen war und einen schmalen Schlitz enthielt, durch den so eine Kopeke ging. Jedes halbe Jahr zählte er die Summe, die sich angesammelt hatte, und wechselte sie in Silber um. Das hatte er nun seit geraumer Zeit durchgeführt, und auf diese Weise war im Laufe von mehreren Jahren die Summe von vierzig Rubel zusammengekommen.

Die eine Hälfte war also da, in seinen Händen, woher aber, noch einmal, die anderen vierzig Rubel? Akaki Akakiewitsch überlegte hin und her und beschloss endlich, mindestens ein ganzes Jahr sich einzuschränken.

Das heißt: keinen Tee mehr am Abend zu trinken, kein Licht mehr anzuzünden und, wenn er abends arbeiten müsse, zur Wirtin zu gehen und dort bei der Kerze zu schreiben; dann auf der Straße so leise und vorsichtig wie möglich aufzutreten, ja auf den Zehen zu gehen, um die Sohlen nicht durchzuwetzen; endlich die Wäsche so selten wie möglich zum Waschen zu geben und sie zu Hause gleich auszuziehen, damit sie nicht abgenützt werde, und im halbwollenen Schlafrock da zu sitzen, der sehr alt sei und dem die Zeit darum nichts mehr anhaben könnte.

Es fiel ihm ja, um die Wahrheit zu sagen, anfangs schwer, sich an alle diese Entbehrungen zu gewöhnen, doch mit der Zeit wurde es ihm immer leichter, ja allmählich war er ein Meister in der Kunst zu hungern, im Geist sich mit dem Gedanken an den neuen Mantel nährend.

Und seit diesen Tagen wurde sein ganzes Wesen gleichsam voller, als hätte er geheiratet, als stünde ihm jetzt ein Wesen zur Seite, als wäre er nicht mehr allein und hätte sich eine köstliche Lebensgefährtin endlich entschlossen, den Weg des Lebens mit ihm zu wandeln, und ich sage, diese köstliche Lebensgefährtin war eben der Mantel, innen wattiert und mit starkem Futter versehen.

Akaki Akakiewitsch wurde in der Tat lebhafter und fester gleich einem Menschen, der ein Ziel hat. Aus seinem Gesicht und aus seinen Schritten waren von selbst aller Zweifel, jegliche Unentschlossenheit, alle die schwankenden und unbestimmten Züge verschwunden. In sein Auge kam zuweilen Feuer und in seinem Hirn blitzten dann kühne, ja freche Gedanken auf: könnte der Kragen am Ende nicht doch aus Marder sein?

Ich sage, Akaki Akakiewitsch wurde durch solche und ähnliche Gedanken zerstreut, und einmal hätte er beim Abschreiben beinahe einen Fehler gemacht, so dass er laut aufschrie und sich bekreuzte. Jeden Monat mindestens einmal klopfte er bei Petrowitsch an, um über den Mantel zu schwatzen: wo würde man wohl am besten das Tuch kaufen, und welche Farbe sollte es eigentlich haben und wie teuer wird es sein? Und jedesmal kam er, wenn auch nicht ganz ohne Kummer, so doch zufrieden nach Hause bei dem Gedanken, dass nun endlich die Zeit da sein werde, da man alles Notwendige kaufen und der Mantel fertig sein würde.

Und die Zeit kam schneller als er geglaubt hatte, denn wider alles Erwarten hatte der Direktor ihm nicht nur vierzig, sondern ganze fünfzig Rubel bewilligt. Ob dieser es nun geahnt hat, dass Akaki Akakiewitsch einen neuen Mantel brauchte, oder ob das so von selber gekommen ist, Akaki Akakiewitsch hatte auf einmal zwanzig Rubel mehr. Und dieser Umstand beschleunigte die Sache. Noch zwei, drei Monate hungern, und Akaki Akakiewitsch hatte die achtzig Rubel beisammen.

Sein sonst so ruhiges Herz begann laut zu schlagen, da er sich mit Petrowitsch zusammen nach dem Laden aufmachte. Sie kauften sehr gutes Tuch, nicht zu teuer, war dieses doch durch ein halbes Jahr hindurch der alleinige Gegenstand ihres Denkens gewesen und hatten sie doch selten einen Monat verstreichen lassen, ohne im Laden um den Preis zu handeln; dafür meinte aber auch Petrowitsch jetzt, dass es bestimmt kein besseres Tuch gebe.

Als Futter wählten sie Coulaincour, guten, festen, der nach der Aussage des Petrowitsch besser wäre als Seide und auch so aussehe und glänze. Marder kauften sie nicht, das war zu teuer, dafür wählten sie aber ein Katzenfell, das beste, das sie im Laden fanden und das man im übrigen von weitem ganz gut für Marder halten konnte.

Petrowitsch brauchte im ganzen vier Wochen für den Mantel, denn es gab viel zu steppen, sonst würde er wohl früher damit fertig geworden sein. Für die Arbeit nahm er zwanzig Rubel, billiger ging es schon nicht. Alles war auf Seide genäht, und bei jeder Naht half Petrowitsch noch mit den Zähnen nach.

Es war nun – ich kann nicht genau sagen, an welchem Tag – es war jedenfalls am glorreichsten Tag in des Akaki Akakiewitsch Leben, dass Petrowitsch den Mantel endlich brachte. Am Morgen, genau um die Stunde, da der Titularrat ins Bureau musste. Auch wäre zu keiner anderen Jahreszeit der Mantel so gelegen gekommen, denn die starken Fröste hatten schon eingesetzt und drohten allem Anschein nach noch heftiger zu werden.

Petrowitsch erschien mit dem Mantel ganz so, wie sich das für einen guten Schneider gehört. In seinem Gesicht lag ein Ausdruck, den Akaki Akakiewitsch an ihm noch nicht wahrgenommen hatte. Es schien, als fühlte er durchaus, dass er keine geringe Sache hier zur Vollendung gebracht hätte und dass er erst jetzt den Abgrund gewahr geworden wäre, der einen Flickschneider von jenem entschieden trenne, der neue Anzüge machte.

Petrowitsch nahm den Mantel aus dem Tuch heraus, in das er ihn gewickelt hatte. Er blickte ihn stolz an und warf ihn mit beiden Händen sehr leicht Akaki Akakiewitsch um die Schultern; dann zog er ihn ein wenig nach unten mit der Hand; dann musste ihn Akaki Akakiewitsch aufgeknöpft lassen und der Mantel Falten werfen.

Doch Akaki Akakiewitsch wollte als ein Mann von Erfahrung auch die Ärmel probieren; Petrowitsch half ihm – auch die Ärmel passten. Kurz der Mantel war vollkommen. Petrowitsch unterließ auch nicht die Bemerkung, dass er ihn deshalb nur so billig gemacht hätte, weil er weit vom Zentrum entfernt lebe und Akaki Akakiewitsch schon seit langem kenne; auf dem Newsky Prospekt hätte ihm ein Schneider für die Arbeit allein fünfundsiebzig Rubel genommen.

Akaki Akakiewitsch wollte mit Petrowitsch darüber jetzt nicht reden, fürchtete er doch überhaupt all die Riesensummen, mit denen der Schneider Staub zu machen liebte. Er zahlte ihn aus, dankte ihm noch und ging sogleich mit dem neuen Mantel ins Bureau. Petrowitsch ging ihm noch nach und sah sich auf diese Weise seinen Mantel aus der Ferne an, er bog auch in eine Seitengasse ein und kam auf derselben Straße Akakiewitsch entgegen, so dass er den Mantel jetzt auch von vorne sehen konnte.

Inzwischen aber schritt Akaki Akakiewitsch in wahrhaft feiertäglicher Laune weiter. Er fühlte es in jedem Augenblick, dass er jetzt den neuen Mantel anhatte, und zuweilen lächelte er vor innerem Glück. In der Tat brachte ihm der Mantel auch jeden Vorteil, das heißt: er war sowohl warm als auch gut überhaupt. Auf den Weg achtete der Titularrat nicht, und schon war er im Ministerium. Im Vorzimmer nahm er den Mantel ab, betrachtete ihn von allen Seiten und übergab ihn dem Portier zu besonderer Aufsicht.

Ich weiß nicht, auf welche Weise die Kollegen im Amt erfahren hatten, dass Akaki Akakiewitsch einen neuen Mantel hätte und dass die alte Kapuze nicht mehr existierte: alle stürmten im selben Augenblick ins Vorzimmer hinaus, um den Mantel zu sehen. Dort beglückwünschten und begrüßten sie feierlichst Akaki Akakiewitsch, so dass er anfangs wohl lachte, zuletzt aber ganz verlegen wurde.

Als nun aber alle in ihn drangen, der neue Mantel müsste eingeweiht werden und er ihnen allen eine Gesellschaft geben, wusste Akaki Akakiewitsch schon gar nicht mehr wohin und was er antworten und wie er sich ausreden sollte, bis er ganz rot im Gesicht ihnen in seiner Einfalt versicherte, dass es doch kein neuer Mantel wäre, sondern ein alter. Doch da rief einer aus der Schar, ein Gehilfe des Chefs, wohl um zu zeigen, dass er nicht hochmütig sei und den Verkehr mit niederen Beamten nicht meide: »So ist es. Ich will an seiner Stelle die Gesellschaft geben und bitte euch alle für heute Abend zu mir; im übrigen trifft es sich, dass heute mein Namenstag ist.«

Die Beamten gratulierten jetzt dem Gehilfen und nahmen mit Freude die Einladung an. Nur Akaki Akakiewitsch bat um Entschuldigung, er könne nicht kommen; doch da redeten sie alle auf ihn ein, dass das ungezogen sei, ja einfach eine Schande, und so konnte er nicht nein sagen. Ja die Einladung war ihm sogar sehr lieb, da ihm jetzt einfiel, dass er auf diese Weise auch abends den neuen Mantel werde anziehen können.

Der ganze Tag war nun für Akaki Akakiewitsch ein Fest und ein Triumph. Er ging in der allerglücklichsten Gemütsverfassung nach Hause, nahm dort den Mantel ab und hing ihn mit der größten Vorsicht an die Wand. Immer wieder liebäugelte er mit dem Stoff und dem Futter und nahm auch zum Vergleich die alte Kapuze heraus. Er musste lachen, so groß erschien ihm der Unterschied zwischen beiden.

Und noch lange nach dem Essen musste er lachen, sooft ihm die überaus traurige Verfassung seiner alten Kapuze einfiel. Sein Mahl verzehrte er mit aller Heiterkeit, und diesmal schrieb er nach dem Essen nicht ab, vielmehr faulenzte er am Bett, bis es dunkel wurde. Doch dann schob er es nicht mehr hinaus, zog den neuen Mantel an und ging auf die Straße.

Der Mantel – 1 von 2 | Der Mantel – 2 von 2

Der Mantel – Nikolai W. Gogol – Novelle

Autor*in: Nikolai Gogol

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    In einer Ministerialabteilung – besser ich nenne sie nicht, denn es gibt nichts Empfindlicheres als unsere Beamten, Offiziere und Politiker. Heute fühlt wirklich schon jeder Privatmensch in seiner Person die ganze Gesellschaft beleidigt.

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