Der junge Krebs – Gianni Rodari

Der junge Krebs – Gianni Rodari – Jugend und Verhalten

Ein junger Krebs dachte bei sich: »Warum gehen alle Krebse in meiner Familie immer rückwärst? Ich will vorwärts gehen lernen, so wie die Frösche, und mein Krebsschwanz soll mir abfallen, wenn ich es nicht fertig bringe.«

Und heimlich begann er zwischen den großen Steinen seines heimatlichen Bächleins zu üben. In den ersten Tagen kostete ihn dieses Unternehmen ungeheure Kräfte. Überall stieß er sich und quetschte sich seinen Krebspanzer, unaufhörlich verfing sich ein Bein im anderen. Aber von Mal zu Mal ging es ein bisschen besser, denn: alles kann man lernen, wenn man nur will.

Als er seiner Sache sicher war, stellte er sich vor seine Familie und sagte: »Jetzt schaut mir einmal zu!« Und machte einen ganz prächtigen kleinen Lauf vorwärts.

»Sohn«, brach da seine Mutter in Tränen aus, »bist du denn ganz verdreht? Komm doch zu dir — gehe so, wie es dich dein Vater und deine Mutter gelehrt haben. Geh wie deine Brüder, die dich alle lieben.«

Seine Brüder jedoch lachten ihn nur aus. Der Vater schaute ihn eine gute Weile streng an und sagte dann: »Schluss damit. Wenn du bei uns bleiben willst, gehe wie alle Krebse. Rückwärts! Wenn du aber nach deinem eigenen Kopf leben willst — der Bach ist groß —, dann gehe fort und komm nie mehr zu uns zurück!«

Der brave junge Krebs hatte die Seinen zwar zärtlich lieb, war aber so sicher, er handle richtig, dass ihm nicht die mindesten Zweifel kamen. Er umarmte seine Mutter, sagte Lebewohl zu seinem Vater und zu seinen Brüdern und machte sich auf in die große weite Welt.

Als er an einem Grüppchen Kröten vorüber kam, erregte er großes Aufsehen. Sie hockten unter den Blättern einer Wasserlilie, um als gute Gevatterinnen ihren Schwatz zu halten. »Jetzt geht die Welt verkehrt herum«, sagte eine dicke Kröte, »schaut euch nur diesen jungen Krebs an! Da müsst ihr mir doch recht geben!«

»Ja, Respekt gibt es überhaupt nicht mehr«, sagte eine andere. »Pfui, pfui«, sagte eine dritte.

Doch der junge Krebs ließ sich nicht anfechten und ging aufrecht seine Straße weiter, man muss es wirklich sagen. Plötzlich hörte er, wie ihn ein alter Krebs, an dem er vorüberging, rief. Der sah ganz melancholisch aus und hockte allein auf einem Stein. »Guten Tag«, sagte der junge Krebs.

Der Alte betrachtete ihn lange, schließlich sagte er: »Was glaubst du, was du da Großartiges anstellst?! Als ich so jung war wie du, da wollte ich auch den Krebsen das Vorwärtsgehen beibringen. Sieh mal, was aus mir geworden ist und was mir das eingebracht hat! — Ich muss ganz alleine leben, und die Leute würden sich lieber die Zunge abbeißen als ein Wort an mich zu richten. — Hör auf mich, solange es noch Zeit ist! Bescheide dich, lebe wie die anderen! Eines Tages wirst du mir für meinen Rat dankbar sein!«

Der junge Krebs wusste nicht, was er antworten sollte, und blieb stumm. Aber im Innern dachte er: »Ich habe doch recht! Ich habe recht!« Und nachdem er den Alten höflich gegrüßt hatte, setzte er stolz seinen Weg fort.

Ob er weit kommt? Ob er sein Glück macht? Ob er alle schiefen Dinge dieser Welt geraderichtet? Wir wissen es nicht, weil er noch mit dem gleichen Mut und der gleichen Entschiedenheit dahinmarschiert wie am ersten Tag. Wir können ihm nur von ganzem Herzen »Gute Reise« wünschen.

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Autor: Gianni Rodari

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