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Das Ei der Tante Ilka

Das Ei der Tante Ilka ∙ Ephraim KishonStory aus dem Leben

Gestern ließ mein Wagen nach der Arbeit deutliche Anzeichen von Unwohlsein erkennen. Ich tat, was in solchen Fällen jeder Autofahrer zu tut pflegt, um sich als solcher auch zu legitimieren: ich klappte die Kühlerhaube hoch, besichtigte mit durchdringendem Kennerblick die Innereien des Motors, klappte die Kühlerhaube wieder zu und lies den Wagen zu seinem Lieblings-Mechaniker bringen. Dann ging ich zur nächsten Bushaltestelle.

Unterwegs freute ich mich des schönen Wetters, das ich in dieser Form sonst wohl nicht hätte genießen können. Wie man sieht, hat es auch seine Vorteile, wenn der Wagen einmal in der Zeit zusammenbricht.

Plötzlich kam mir Tante Ilka entgegen. Es hat eben auch alles seine Nachteile. Sie trug eine Einkaufstasche, aus der ein Karton mit wirklich großen, braunen Eiern bedrohlich hervorstand.

»Das sind aber schöne Eier«, sagte ich. Irgend etwas muss man ja schließlich zu Tante Ilka sagen.

»Nicht wahr«, bekräftigte sie stolz. »Nimmer dir doch eins!«

Tante Ilka ist bereits etwas älter und ihre Geisteskräfte lassen ein klein wenig nach. Ich versuchte alle möglichen Ausflüchte, musste jedoch alsbald erkennen, dass es besser wäre, das mir angebotene Ei zu nehmen als den Bus zu versäumen.

Ich nahm sodann das Ei und verabschiedete mich. Da ein erwachsener Mensch, der mit einem Ei in der Hand einhergeht, auf seine Umwelt einen eher befremdlichen Einruck macht, ließ ich das Ei in meine Aktentasche gleiten.

Das war schon ein schwerer Fehler. Aber ich beging noch einen schwereren, indem ich nämlich, nach einer Viertelstunde Wartens auf den Bus und nach all der Drängelei im Wageninnern, völlig vergaß, dass sich in meiner Aktentasche ein rohes Ei befand.

Ein Geräusch wie von leisem Splittern erinnerte mich daran. Ich stecke meine Hand in die Aktentasche, wo sie auf etwas Klebriges auftraf. Als ich sie wieder hervor zog, war sie von kränklich gelber Färbung. Ich versuchte sie mit dem anderen Ärmel abzuwischen, denn ich besitze glücklicherweise zwei Ärmel, und nannte daraufhin außer einer gelben Hand auch noch einen gelben Ärmel mein eigen.

Der Versuch, mit dem Taschentuch in der gelben Hand den gelben Ärmel zu säubern, ergab das Ergebnis, dass nunmehr der größere Teil meiner äußeren Erscheinung gelb war. In meiner rechten Hosentasche musste sich desgleichen etwas Gelb angesiedelt haben.

Schüchtern wie ich nun mal bin, hatte ich alle diese Operationen so unauffällig wie möglich durchgeführt und nahm an, dass niemand etwas davon bemerkt hätte. »Es tropft!« hörte ich dicht hinter mir eine ungehaltene Männerstimme.

Offenbar war Tante Ilkas Ei durch die Nähte der Aktentasche hindurch gesickert und tropfte jetzt auf die wunderschönen, hocheleganten Schlangenleder-Halbschuhe meines Hintermanns.

»Was ist denn das, zum Teufel?« fauchte er und rieb das Schlangenleder mit seinem Handschuh ab. »Es ist ein Ei«, antwortete ich wahrheitsgemäß. »Entschuldigen Sie, bitte.«

Der Mann tat mir von Herzen leid. Das Ei ließ ihn eine ähnliche Skala der Pein durchlaufen wie vorher mich: vom Schlangenleder zum Handschuh, vom ersten Handschuh zum Taschentuch, vom zweiten Handschuh zum Taschentuch und vom Taschentuch ~ dies allerdings schon ohne Absicht ~ an die scharf hervorspringende Nase einer knochigen Dame, die unter lautem Gackern die Eierspuren mit ihrem Seidenschal wegzuputzen begann.

Nun sind Eier-Spuren bekanntlich sehr klebefreudig, so dass auf dem Schal binnen kurzem ein anmutiges Dottermuster sichtbar wurde. Die Knochige, immer noch gackernd, hielt den Schal zwischen Daumen und Zeigefinger weit von sich weg.

»Ruhe!« Es klang autoritativ und befehlsgewohnt von links. »Alles bleibt ruhig! Keine Bewegung!«

Höchste Zeit, dass jemand das Kommando übernahm. Vielleicht war es ein General der Reserve. Die Fahrgäste nahmen Haltung an. Schon machte ich mir Hoffnungen, dass das Schlimmste vorbei wäre, als ich einen unwiderstehlichen Drang zum Niesen verspüre.

Ich musste ihm nachgeben und griff instinktiv nach meinem Taschentuch. Rings um mich entstand Panik.

»Rühren Sie mich nicht an!« kreischte eine dicke Frauensperson, als hätte ich mich ihr unsittlich genähert. Auch die übrigen Fahrgäste gingen in feindselige Distanz über. Allmählich kam ich mir wie ein Aussätziger vor.

»Hören Sie, Mann, sagte der General, der mit seinen zwei gelben Streifen auf der Stirn wie ein nativer Medizinmann aussah. »Möchten Sie vielleicht nicht den Bus verlassen?«

»Fällt mir gar nicht ein!« gab ich wagemutig zurück. »Ich habe nur noch drei Stationen zu fahren.«

Aber die Menge schlug sich auf die Seite des Generals und brach in lauter Aufmunterungsrufe aus, als er ~ vom Schlangenleder unterstützt ~ Anstalten traf, mich gewaltsam aus dem Bus zu befördern. Wieder einmal stand ich allein gegen die öffentliche Meinung.

Da schritt ich zur Tat. Blitzschnell tauchte ich meine Hände in die Aktentasche, erst die rechte, dann die linke, und hielt sie tropfend hoch: »So, jetzt könnt ihr mich hinauswerfen!« rief ich.

Murrend wich der Mob zurück. Ich hatte den Wagen in meiner Gewalt. Gebt mir einen Korb mit rohen Eiern, und ich erobere die Welt.

Aus der Schar der angstvoll Zusammengedrängten ertönten zaghafte Stimmen: »Bitte, lieber Herr«, baten sie. »Würden Sie so gut sein und wenigstens die Aktentasche wegtun? Bitte!«

»Na schön. Warum nicht.«

An meine Großmut hat noch niemand vergebens appelliert. Ich bückte mich zur Aktentasche hin. In diesem Augenblick fuhr der Bus auf ein Schlagloch auf. Im Vergleich zu dem, was nun folgte, nahm sich eine Slapstick-Posse aus Stummfilm-Zeiten wie ein klassisches Trauerspiel aus. Ich sprang ab und überließ den Bus seiner klebrigen Weiterfahrt.

»Guter Gott!» Die beste Ehefrau von allen schüttelte fassungslos den Kopf, als ich zu Hause eintrat.
»Was ist geschehen?«
»Tante Ilka«, sagte ich, stürzte ins Badezimmer und blieb eine halbe Stunde lang unter der Dusche, voll bekleidet, mit Aktentasche.

Auf die alte Frage, ob zuerst das Ei da war oder die Henne, weiß ich auch heute noch keine Antwort. Ich weiß nur, dass ich in einem öffentlichen Verkehrsmittel lieber mit einer Henne fahren würde als mit einem rohen Ei.

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das ei der tante ilka 06 22

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Autor: Ephraim Kishon

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