Vom Defraudanten

Vom Defraudanten · Erich Kästner · Ballade · Moral und Leben

Es folgt das Lied von einem Defraudanten.
Er war ein guter Mensch. Denn das kommt vor.
Ich hörte es von Leuten, die ihn kannten.
Sperrt eure Ohren auf! Er hieß Franz Moor.

Es hat bekanntlich alles seine Grenzen.
Franz Moor war mittelblond und ohne Arg,
dazu Kassierer, zog die Konsequenzen
und flüchtete mit 100 000 Mark.

Bis Brüssel blieb er im Klosett des Zugs.
Dann war er des Französischen nicht mächtig.
Sie war von schlechtem Ruf und gutem Wuchs.
Und liebten sich. Er fand sie nur zu schmächtig.

Da gibt sich alles. – Dann war sie verblüht.
Mit ihr das Geld, das ihm gar nicht gehörte.
Er weinte fast. Denn er war ein Gemüt.
Das war etwas, was ihn direkt empörte.

Als ihm ein Steckbrief in die Augen stach,
mit seinem Bild – von damals als Gefreiter -
da blieb er stehn und dachte lange nach.
Dann kam ein Polizist. – Und Moor ging weiter.

Er sprang ins Wasser, das bei Brüssel floss.
Jedoch vergeblich. Denn er ging nicht unter.
Er trank Lysol, das er in Kognak goss.
Er sprang von einem Aussichtsturm herunter.

Er trieb sich öfters Messer in die Schläfen.
Sechs Kugeln schoss er in den offnen Mund.
Und war verwirrt, dass sie ihn gar nicht träfen!
So tat er manches. – Doch er blieb gesund.

Ihm war das peinlich. Und er rang die Hände.
Und er erkannte klar: Er stürbe nicht,
nur weil er das Französisch nicht verstände.
Anschließend stelle er sich dem Gericht.

Moral:
Da sitzt er nun und deutet damit an,
dass Bildungsmangel grässlich schaden kann.
Es ist der Tiefsinn dieses Sinngedichts:
Lernt fremde Sprachen!
Weiter will es nichts.

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Vom Defraudanten • AVENTIN Storys
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Autor: Erich Kästner

Bewertung des Redakteurs:
4

Der Mensch braucht Stunden, wo er sich sammelt und in sich hineinlebt.
Albert Schweitzer