Facino Cane · Honoré de Balzac

Facino Cane · Honoré de Balzac · Fantastik Geschichte

Ich wohnte damals in einer kleinen Straße, die ihr schwerlich kennen werdet, nämlich in der kleinen Rue de Lesdiguières: sie beginnt in der Rue Saint-Antoine gegenüber einem Brunnen in der Nähe der Place de la Bastille und mündet in die Rue de la Cerisaie ein.

Meine Liebe zur Wissenschaft hatte mich in einer Mansarde landen lassen, wo ich während der Nacht arbeitete; den Tag verbrachte ich in einer nahe gelegenen Bibliothek, derjenigen Monsieurs.

Ich lebte kärglich, ich hatte mich in alle Bedingungen eines klösterlichen Lebens geschickt, wie es sich für einen geistigen Arbeiter gebührt. Bei schönem Wetter unternahm ich kaum je einen Spaziergang auf dem Boulevard Bourdon. Eine einzige Leidenschaft drohte mich dem gewohnten Fleiß zu entreißen; aber gehörte nicht auch sie meinem Studienplan an?

Ich unterrichtete mich nämlich über das Leben des Faubourg, seine Bewohner und deren Charaktere. Da ich genauso schlicht gekleidet war wie die Arbeiter und gleichgültig gegen alles Äußere, fiel ich ihnen nicht weiter auf; ich konnte mich in ihre Gruppen mischen, zuschauen, wie sie ihre Einkäufe tätigten und wie sie zu der Stunde, zu der sie ihre Arbeit beendet hatten, miteinander stritten.

Das Beobachten war bei mir bereits intuitiv geworden, es drang bis zum Wesen vor, ohne das Äußere zu vernachlässigen; oder vielmehr, es erfasste die äußeren Einzelheiten so trefflich, dass es augenblicklich darüber hinausging; es verlieh mir die Fähigkeit, das Leben des betreffenden Individuums, das ich beobachtete, zu leben; ich konnte mich in jenen Menschen hineinversetzen, wie der Derwisch in ›Tausendundeine Nacht‹ Leib und Seele derer annahm, über die er bestimmte Worte sprach.

Wenn ich zwischen elf Uhr und Mitternacht einem mit seiner Frau vom Ambigu-Comique heimkehrenden Arbeiter begegnete, machte es mir Spaß, ihnen vom Boulevard du Pont-aux-Choux bis zum Boulevard Beaumarchais nachzugehen. Die wackeren Leute redeten anfangs über das Stück, das sie gesehen hatten, aber nach und nach kamen sie auf ihre eigenen Angelegenheiten zu sprechen; die Mutter zerrte an der Hand ihr Kind hinter sich her, ohne auf sein Jammern und Bitten zu hören; die Eheleute überrechneten das Geld, das ihnen am nächsten Tag ausgezahlt werden würde, und gaben es auf zwanzig verschiedene Arten aus.

Dann kamen Einzelheiten des Haushalts dran, sie stöhnten über die übertrieben hohen Kartoffelpreise oder den allzu langen Winter und die Erhöhung des Torfpreises, sie erörterten energisch, was sie beim Bäcker schuldeten, schließlich wurde das Hinundhergerede immer giftiger, und beide enthüllten ihren Charakter in pittoresken Ausdrücken.

Wenn ich dergleichen Leuten lauschte, vermochte ich in ihr Leben einzudringen, ich verspürte ihre Lumpen auf dem eigenen Rücken, ich schritt in ihren durchlöcherten Schuhen einher; ihre Wünsche, ihre Nöte durchglitten meine Seele, oder meine Seele glitt in die ihrige hinein. Es war wie ein Wachtraum. Ich erhitzte mich mit ihnen über die Vorarbeiter in den Werkstätten, von denen sie tyrannisiert wurden, oder über üble Gepflogenheiten, die bedingten, dass sie mehrmals wiederkommen mussten, ohne bezahlt zu werden.

Meine Gewohnheiten abzulegen, ein anderer als ich selber zu werden durch den Rausch meiner geistig-seelischen Fähigkeiten, und dieses willkürliche Spiel zu betreiben: darin bestand meine einzige Abwechslung. Wem verdanke ich diese Gabe? Ist es eine Art zweites Gesicht? Ist es eine der Fähigkeiten, deren Missbrauch zum Wahnsinn führen würde?

Nie habe ich den Ursachen dieser Kraft nachgespürt; ich besitze sie und bediene mich ihrer, und damit basta. Ihr sollt lediglich noch erfahren, dass ich damals bereits die Grundbestandteile der ›das Volk‹ genannten heterogenen Masse zergliedert, dass ich sie analysiert hatte, um ihre guten und schlechten Eigenschaften richtig abschätzen zu können.

Ich wusste bereits, wozu diese Stadtgegend nütze sein könne, diese Brutstätte der Revolutionen, die Helden in sich birgt, Erfinder, Techniker, Schurken, Verworfene, Tugenden und Laster, samt und sonders vom Elend zusammengepresst, von der Not erstickt, vom Wein ertränkt, vom Schnaps entkräftet. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie viele vergeblich bestandene Abenteuer, wie viele vergessene Tragödien sich in dieser Stadt des Schmerzes abgespielt haben! Wie viele schauerliche und schöne Dinge!

Nie wird die Fantasie an die Wirklichkeit heranreichen, die sich hier verbirgt und die niemand aufzudecken vermag; man muss zu tief hinabsteigen, um zu den wunderbaren oder tragischen, oder komischen Szenen zu gelangen, diesen vom Zufall gezeugten Meisterwerken.

Ich weiß nicht, warum ich die Geschichte, die ich euch jetzt erzählen will, so lange bei mir behalten habe; sie gehört zu jenen seltsamen Erzählungen, die wie Lotterie-Nummern im Sack bleiben, aus dem das Gedächtnis sie dann launisch hervorzieht: ich verfüge noch über eine Fülle anderer, genauso seltsamer wie diese es ist, und sie sind ebenfalls verborgen; aber auch sie werden drankommen, glaubt es nur.

Eines Tages bat mich meine Haushälterin, die Frau eines Arbeiters, ich möge doch die Hochzeitsfeier einer ihrer Schwestern mit meiner Anwesenheit beehren. Um euch verständlich zu machen, was es mit jener Hochzeit auf sich hatte, muss ich euch sagen, dass ich dieser armen Kreatur, die mir alle Morgen das Bett machte, die Schuhe putzte, meine Garderobe ausbürstete, das Zimmer ausfegte und mir das Frühstück bereitete, monatlich vierzig Sous gab; den Rest des Tages über drehte sie an der Kurbel einer Maschine und verdiente sich durch diese harte Arbeit täglich zehn Sous.

Ihr Mann, ein Kunstschreiner, verdiente vier Francs. Da indessen das Ehepaar drei Kinder hatte, konnte es kaum in Ehren sein Brot essen. Nie bin ich einer verlässlicheren Rechtschaffenheit begegnet als bei diesem Mann und dieser Frau. Als ich schon aus jener Stadtgegend weggezogen war, ist die Mutter Vaillant noch fünf Jahre lang zu meinem Namenstag gekommen, hat mich beglückwünscht und mir einen Blumenstrauß und Orangen gebracht, und dabei hat sie sich nie zehn Sous auf die hohe Kante legen können.

Die Not hatte uns einander nahe gebracht. Ich habe ihr nie mehr als zehn Francs geben können, und die habe ich mir oftmals für diese Gelegenheit leihen müssen. Das möge erklären, weshalb ich versprach, zu jener Hochzeitsfeier zu kommen; ich rechnete damit, mich in die Freude dieser armen Leute hineinducken zu können.

Das Festessen und die Tanzerei, all das fand bei einem Weinhändler in der Rue de Charenton statt, im ersten Stock, in einem großen Zimmer, das von Lampen mit Weißblechreflektoren erhellt wurde; die Wände waren bis zur Tischhöhe mit einer schmutzigen Tapete beklebt, und an den Wänden entlang standen Holzbänke. In diesem Zimmer befanden sich achtzig Leute im Sonntagsstaat, geschmückt mit Blumensträußen und Bändern, alle angefeuert vom Geist der Courtille, mit entflammten Gesichtern, und sie tanzten, als stehe der Weltuntergang bevor.

Die Brautleute küssten einander zur allgemeinen Freude; es wurde Hehe! und Haha! geschrien, was spaßig war, aber im Grunde weniger ungehörig als das schüchterne Äugeln wohlerzogener junger Mädchen. All diese Menschen bezeigten eine ungehobelte Freudigkeit, der förmlich etwas Ansteckendes inne wohnte. Aber weder die Physiognomien dieser Gesellschaft noch die Hochzeit, noch irgend etwas aus diesem Kreis hat etwas mit meiner Geschichte zu tun. Behaltet lediglich das Bizarre des Rahmens.

Stellt euch die gemeine, rot getünchte Kneipe vor, schnuppert ihren Weindunst, vernehmt das Freudengeheul, bleibt in diesem Stadtteil, inmitten dieser Arbeiter, dieser alten Männer, dieser armen Frauen, die sich für eine Nacht der Freude hingaben! Die Tanzkapelle bestand aus drei Blinden aus Les Quinze-Vingts; der erste spielte Geige, der zweite Klarinette, der dritte die Schnabelflöte. Alle drei zusammen erhielten für diese Nacht sieben Francs. Für diesen Preis warteten sie natürlich weder mit Rossini noch mit Beethoven auf, sie spielten, was sie wollten und was sie konnten; keiner machte ihnen einen Vorwurf daraus, was von bezauberndem Takt zeugte!

Ihre Musik griff das Trommelfell so brutal an, dass ich, nachdem ich die Versammlung flüchtig gemustert hatte, mir dies Blindentrio anschaute und sogleich nachsichtig gestimmt wurde, als ich ihre Uniform gewahrte. Diese Künstler saßen in einer Fensternische; um also ihre Gesichter genau anschauen zu können, musste man ganz dicht zu ihnen hintreten: das tat ich nicht auf der Stelle; als ich jedoch zu ihnen ging, ich weiß nicht, wie es kam, da war alles entschieden, die Hochzeitsgesellschaft und die Musik verschwanden, meine Neugier wurde in höchstem Maße angefacht, denn meine Seele ging in den Leib des Klarinettisten über.

Der Geiger und der Schnabelflötenspieler hatten vulgäre Gesichter, die wohlbekannten Blindengesichter, angespannt, aufmerksam und ernst; das des Klarinettisten jedoch bot eins der Phänomene dar, die sogleich den Künstler und den Philosophen stutzig machen.

Stellt euch vor, die Gipsmaske Dantes werde von rötlichem Lampenlicht übergossen, und es erhebe sich darüber ein Wald von silberweißem Haar. Der bittere, schmerzliche Ausdruck dieses prächtigen Kopfes wurde durch die Blindheit noch gesteigert, denn die toten Augen erhielten neues Leben durch den Geist; es ging von ihnen etwas wie ein loderndes Leuchten aus, das von einem einzigen, unablässigen Wunsch herrührte; er stand kraftvoll auf einer gewölbten Stirn geschrieben, die von Falten durchzogen war wie eine Wand von Rissen.

Der Alte blies, wie es gerade kam, ohne dem Rhythmus oder der Melodie die geringste Beachtung zu schenken, seine Finger senkten oder hoben sich, sie betätigten die alten Klappen in mechanischer Gewohnheit, er genierte sich kein bisschen, das hervorzubringen, was Orchestermusiker als Quietscher bezeichnen; die Tanzenden bemerkten das ebenso wenig wie die beiden Kollegen meines Italieners; ich wollte nämlich, dass er Italiener sei, und er war auch Italiener. Es haftete diesem alten Homer etwas Großes und Despotisches an; er trug wohl eine zur Vergessenheit verdammte Odyssee in sich.

Es handelte sich um eine so echte Größe, dass sie noch über seine tiefe Erniedrigung triumphierte, und um einen so ausgeprägten Despotismus, dass er die Armut beherrschte. Keine der heftigen Leidenschaften, die den Menschen zum Guten wie zum Bösen führen, die aus ihm einen Sträfling oder einen Helden machen, ermangelte diesem edel geschnittenen Gesicht, das fahlgelb war wie bei vielen Italienern, und beschattet von ergrauten Brauen; sie warfen ihre Schatten über tiefe Augenhöhlen, und es durchschauerte einen, wenn man meinte, das Licht des Denkens könne darin wiedererscheinen, gerade wie man fürchtet, aus dem Eingang einer Höhle könnten ein paar Räuber mit Fackeln und Dolchen hervorbrechen.

Dieser Käfig aus Fleisch und Blut barg einen Löwen, einen Löwen, dessen Wut sich an Eisenstäben nutzlos erschöpft hatte. Die Feuersbrunst der Verzweiflung war zu Asche verloht, die Lava erkaltet; aber die Erdrisse, Verwüstungen, ein wenig Rauch zeugten von der Heftigkeit der Eruption, den Verheerungen durch das Feuer. Diese Vorstellungen, die der Anblick jenes Mannes erweckte, waren in meinem Innern so heiß, wie sie auf seinem Antlitz kalt waren.

Nach jedem Kontertanz hängten Geiger und Schnabelflötenbläser, die sich ernstlich nur für Glas und Flasche interessierten, ihr Instrument an den Knopf ihres rötlichen Überrockes, streckten die Hand nach einem in der Fensternische stehenden kleinen Tisch aus, der ihnen als Kantine diente, und reichten dem Italiener jedesmal ein volles Glas; er selber konnte es sich nicht nehmen, da der Tisch hinter seinem Stuhl stand; jedesmal dankte der Klarinettist durch ein freundliches Nicken.

Ihre Bewegungen vollzogen sich mit einer Exaktheit, die einen bei den Blinden aus Les Quinze-Vingts stets erstaunt und die glauben macht, sie könnten sehen. Ich trat zu den drei Blinden hin, weil ich sie belauschen wollte; doch als ich ganz dicht vor ihnen stand, witterten sie nach mir hin, merkten wohl, dass ich kein Arbeiter sei, und verhielten sich still.

»Aus welcher Gegend stammen Sie eigentlich, Sie, der Klarinettist?«
»Aus Venedig«, antwortete der Blinde mit einem leichten italienischen Akzent.
»Sind Sie blind geboren worden, oder sind Sie erblindet durch…«
»Durch einen unglücklichen Zufall«, antwortete er lebhaft; »durch einen gottverfluchten schwarzen Star.«
»Venedig ist eine schöne Stadt, ich habe mich von je gesehnt, mal hinzufahren.«
Die Züge des Alten belebten sich, seine Falten zuckten, er war heftig erschüttert.
»Wenn ich mit Ihnen führe, würden Sie Ihre Zeit nicht vergeuden«, sagte er.
»Reden Sie mit ihm nicht über Venedig«, sagte der Geiger zu mir, »sonst legt unser Doge los; hinzu kommt, dass er schon zwei Pullen im Bauch hat, der Fürst!«
»Los, weiter, Papa Quietscher«, sagte der Flötist.

Alle drei fingen wieder zu spielen an; aber während sie vier Kontertänze spielten, witterte der Venezianer zu mir hin; er ahnte wohl das sehr tiefe Interesse, dass ich ihm entgegenbrachte. Sein Gesicht verlor den kalten Ausdruck der Traurigkeit, irgendeine Hoffnung erhellte seine Züge und rann wie eine blaue Flamme durch seine Runzeln; er lächelte und wischte sich die Stirn ab, seine kühne, furchtbare Stirn; schließlich wurde er heiter wie jemand, der sein Steckenpferd bestiegen hat.

»Wie alt sind Sie eigentlich?« fragte ich ihn.
»Zweiundachtzig! «
»Und seit wann sind Sie blind?«
»Es sind nun bald fünfzig Jahre«, antwortete er in einem Tonfall, der bezeugte, dass sein Kummer nicht nur mit dem Verlust des Augenlichts zusammenhing, sondern mit dem einer großen Macht, die er eingebüßt haben mußte.
»Warum werden Sie ›der Doge‹ genannt?« fragte ich ihn.
»Ach, nur um mich zu ärgern«, sagte er, »ich bin venezianischer Patrizier, hätte also wie jeder andere Doge werden können.«
»Wie heißen Sie denn?«
»Hier«, sagte er, »der alte Canet. Nur so hat mein Name in die amtlichen Register eingetragen werden können; aber auf Italienisch heisse ich Marco Facino Cane, Fürst von Varese.«
»Wie? Sie stammen also von dem berühmten Condottiere Facino Cane ab, dessen Eroberungen an die Herzöge von Mailand gefallen sind?«
»E vero«, sagte er. »Damals ist der Sohn des Cane nach Venedig geflohen, damit die Visconti ihn nicht umbrachten, und hat sich ins Goldene Buch eintragen lassen. Heute freilich gibt es weder einen Cane noch das Goldene Buch mehr.« Und er vollführte eine erschreckende Geste, aus der erloschener Patriotismus und Ekel vor allem Menschlichen sprach.

»Aber wenn Sie venezianischer Senator waren, mussten Sie doch reich sein; wodurch sind Sie Ihres Vermögens verlustig gegangen?« Auf diese Frage hob er den Kopf zu mir hin, als wolle er mich in einer wahrhaft tragischen Aufwallung anschauen, und antwortete: »Durch Unglück!«

Er dachte nicht mehr ans Trinken, er wies sogar durch eine Geste das Glas Wein zurück, das der alte Flötenspieler ihm in diesem Augenblick hinhielt; dann senkte der den Kopf. Das alles war nicht geeignet, meine Neugier zu dämpfen. Während des Kontertanzes, den diese drei Musikapparate jetzt spielten, musterte ich den alten venezianischen Nobile mit Gefühlen, wie sie einen Zwanzigjährigen verzehren. Ich sah Venedig und die Adria vor mir, ich sah es verwüstet in seinem verwüsteten Gesicht.

Ich erging mich in der von ihren Bewohnern so heiß geliebten Stadt, ich schlenderte vom Rialto zum Canale Grande, von der Riva degli Schiavoni fuhr ich zum Lido, ich kehrte zum Dom zurück, der auf eine ganz besondere Weise ehrwürdig ist; ich beschaute die Fenster der Cà d’Oro, deren jedes anders geartetes Zierwerk hat; ich betrachtete die alten, üppigen Marmorpaläste, kurzum: all die Wunder, mit denen der Kundige um so mehr sympathisiert, als er sie nach seinem Gefallen ausschmücken kann und seine Träume nicht durch den Anblick der Wirklichkeit des Poetischen berauben lässt.

Ich malte mir den Lebenslauf dieses Abkömmlings des größten aller Condottieri aus und forschte nach den Spuren seines Unglücks und den Ursachen dieser tiefen physischen und moralischen Erniedrigung, die indessen die Funken von Größe und Adel, die in diesem Augenblick wieder aufgeglüht waren, noch schöner machte. Offenbar hegten wir die gleichen Gedanken, denn ich glaube, dass die Blindheit den intellektuellen Austausch sich rascher vollziehen lässt, weil sie der Aufmerksamkeit verwehrt, sich an die Außendinge zu heften.

Der Beweis unserer beiderseitigen Sympathie ließ nicht auf sich warten. Facino Cane hörte auf zu blasen, stand auf, trat zu mir hin und sagte: »Wir wollen gehen!«, was auf mich wie ein elektrischer Schlag wirkte. Ich reichte ihm den Arm, und wir gingen weg. Als wir auf der Straße waren, sagte er: »Wollen Sie mich nach Venedig geleiten, mich hinführen, wollen Sie mir Glauben schenken? Dann sollen Sie reicher werden als die zehn reichsten Handelsfirmen in Amsterdam oder London, reicher als die Rothschilds, mit einem Wort: reich wie in ›Tausendundeine Nacht‹.«

Ich meinte, der Mann sei wahnsinnig; allein in seiner Stimme bekundete sich eine Macht, der ich gehorchte. Ich ließ mich führen, und er brachte mich zu den Bastillegräben, als habe er Augen. An einer sehr abgelegenen Stelle, wo seither die Brücke gebaut worden ist, unter der der Saint-Martin-Kanal in die Seine mundet, setzte er sich auf einen Stein.

Ich setzte mich auf einen anderen dem alten Mann gegenüber, dessen weißes Haar im Mondlicht schimmerte wie Silberdraht. Die Stille, die kaum von dem zu uns dringenden gewitternden Lärm der Boulevards gestört wurde, und die Reinheit der Nacht trugen dazu bei, dass die Szene zu etwas wahrhaft Phantastischem gedieh.

»Sie sprechen zu einem jungen Menschen von Millionen, und Sie glauben, er könne zaudern, tausend Übel zu erdulden, um sie einzuheimsen? Sie machen sich doch nicht etwa über mich lustig?«
»Möge ich ohne Beichte sterben«, fuhr er mich an, »wenn das, was ich Ihnen sagen will, nicht wahr ist. Ich bin zwanzig gewesen, wie Sie es gegenwärtig sind, ich war reich, war schön, von Adel, und ich habe mit der ersten unter allen Torheiten begonnen, mit der Liebe. Ich habe geliebt, wie heute keiner mehr liebt, so, dass ich mich in einen Geldschrank sperren ließ, auf die Gefahr hin, erdolcht zu werden, und das alles, ohne dass mir anderes verheißen worden wäre als ein Kuss. Für sie zu sterben dünkte mich ein ganzes Leben.«

»1760 hatte ich mich in eine Vendramin verliebt, sie war achtzehn und mit einem Sagredo verheiratet, einem der reichsten Senatoren, einem Mann von dreißig Jahren und versessen auf seine Frau. Die, die ich liebte, und ich, wir waren unschuldig wie zwei Cherubine, als der Sposo uns bei einem Gespräch über die Liebe überraschte; ich war waffenlos, er fehlte mich, ich warf mich auf ihn, würgte ihn mit meinen beiden Händen und drehte ihm den Hals um wie einem Hähnchen.

Ich wollte mit Bianca auf und davon, doch sie wollte mir nicht folgen. Da haben Sie die Frauen! Ich bin allein geflohen, bin verurteilt worden, meine Güter wurden zugunsten meiner Erben beschlagnahmt; aber ich hatte meine Diamanten mitgenommen, fünf zusammengerollte Bilder von Tizian und all mein Gold. Ich ging nach Mailand, wo niemand mir ein Haar krümmte: der Staat war an meinem Fall uninteressiert.«

»Gestatten Sie eine kleine Bemerkung, ehe ich fortfahre«, sagte er nach einer Pause. »Ob nun die Einbildungen einer Frau auf das Kind, während sie es trägt oder wenn sie es empfängt, von Einfluss sind oder nicht: als gewiss bleibt bestehen, dass meine Mutter während ihrer Schwangerschaft eine Leidenschaft für Gold empfand. Ich nun aber hänge mit einer Manie am Gold, und deren Befriedigung ist für mein Leben so notwendig, dass ich in jeder Lage, darein ich geriet, immer Gold bei mir gehabt habe; in einem fort fingere ich an Gold herum, in meiner Jugend trug ich stets Schmuck und hatte immer zwei- oder dreihundert Dukaten bei mir.«

Mit diesen Worten zog er zwei Dukaten aus der Tasche und zeigte sie mir. »Ich rieche das Gold. Obwohl ich blind bin, bleibe ich vor den Juwelierläden stehen. Diese Leidenschaft hat mir Unheil gebracht, ich bin zum Spieler geworden, um mit Gold spielen zu können. Ich war kein Gauner, wurde jedoch begaunert, und so kam es zu meinem Ruin. Als ich keinerlei Geldmittel mehr besaß, überkam mich ein wütender Drang, Bianca zu sehen; heimlich fuhr ich nach Venedig zurück, fand sie wieder, war sechs Monate glücklich; sie hielt mich versteckt und versorgte mich mit Nahrung.

Hingerissen vermeinte ich, auf diese Weise mein Leben zu beenden. Der Proveditore umwarb sie; er witterte einen Rivalen, in Italien erschnuppert man so etwas: er spionierte uns nach, überraschte uns im Bett, der Feigling! Stellen Sie sich die Heftigkeit unseres Kampfes vor: ich brachte ihn nicht um, ich verwundete ihn schwer.

Dies Abenteuer zerbrach mein Glück. Seit jenem Tage habe ich Bianca nie wiedergesehen. Ich habe große, lustvolle Freuden erlebt, ich war am Hof Ludwigs XV. unter den berühmtesten Frauen – aber bei keiner habe ich die köstlichen Eigenschaften, die Anmut, die Liebe meiner geliebten Venezianerin wiedergefunden. Der Proveditore hatte seine Dienstleute bei sich gehabt, sie gerufen, den Palazzo umzingeln lassen, sie waren eingedrungen; ich verteidigte mich, um unter Biancas Augen zu sterben; sie half mir, den Proveditore kaltzumachen.

Ehedem hatte sie nicht mit mir fliehen wollen; doch nach diesen sechs Monaten des Glücks wollte sie mit mir zusammen sterben und bekam mehrere Degenstiche. Es wurde mir ein großer Mantel übergeworfen, ich wurde hineingerollt, in eine Gondel getragen und in einen unterirdischen Kerker, ein Brunnenloch, geworfen.

Ich bin damals zweiundzwanzig gewesen, ich hielt den Stumpf meines Degens so fest, dass man, um ihn mir abzunehmen, mir die Faust hätte abhauen müssen. Ein seltsamer Zufall oder vielmehr die Eingebung eines Gedankens der Vorsicht ließ mich dieses Stück Eisen in einem Winkel verstecken, als könne ich mich seiner noch einmal bedienen. Ich wurde verbunden.

Keine meiner Wunden war tödlich. Mit zweiundzwanzig übersteht man alles. Ich sollte enthauptet werden; da spielte ich den Kranken, um Zeit zu gewinnen. In der Annahme, mein Kerker sei in der Nähe des Kanals gelegen, heckte ich einen Fluchtplan aus: ich wollte die Mauer durchbohren und durch den Kanal schwimmen, auch auf die Gefahr hin, zu ertrinken.

Auf folgende Erwägungen stützte sich meine Hoffnung. Jedesmal, wenn der Kerkermeister mir das Essen brachte, las ich an die Mauern geschriebene Hinweise: Palastseite, Kanalseite, Kellerseite, und schließlich gewahrte ich einen Plan, dessen Kompliziertheit mir einige Unruhe schuf; er war indessen durch den gegenwärtigen, unvollendeten Zustand des Dogenpalastes erklärbar.

Mit dem Genie, das das Verlangen nach Wiedergewinn der Freiheit einem verleiht, gelang es mir, durch Abtasten der Oberfläche eines Steins eine arabische Inschrift zu enträtseln, durch die der Urheber dieses Werks seinen Nachfolgern kundtat, er habe in der untersten Schicht zwei Steine gelockert und elf Fuß tief in den Untergrund hinein weitergewühlt. Um sein Werk forzusetzen, mussten die Bruchstücke von Stein und Mörtel, die sich bei diesem Ausbruch ergaben, auf den ganzen Kerkerboden verteilt werden.

Hätte die Anlage des Bauwerks, das nur eine Überwachung von außen her zu erfordern schien, die Wächter oder die Inquisitoren nicht ohnehin schon sicher gemacht, so hätte die Lage des Brunnenschachts, zu dem man auf ein paar Stufen hinabsteigt, es gleichwohl gestattet, den Boden nach und nach aufzuheben, ohne dass die Wärter es gemerkt hätten.

Diese Riesenarbeit war dem Anschein nach überflüssig gewesen, wenigstens für den, der sie in Angriff genommen hatte, denn dass sie unvollendet geblieben war, verkündete den Tod des Unbekannten. Damit sein hingebungsvolles Tun nicht bis in alle Ewigkeit vergebens vollbracht sei, bedurfte es eines Gefangenen, der Arabisch konnte; ich nun aber hatte mich im Kloster der Armenier mit orientalischen Sprachen befasst. Ein Satz auf der Hinterseite des Steins sagte vom Schicksal des Unglücklichen aus: er war als ein Opfer seiner unermesslichen Reichtümer gestorben, die Venedig begehrt und deren es sich bemächtigt hatte.

Es kostete mich einen Monat, bis ich zu einem Ergebnis gelangt war. Während ich grub und in den Minuten, da die Erschöpfung mich auslöschte, hörte ich den Klang des Goldes, sah ich Gold vor mir, war ich geblendet von Diamanten! Oh, hören Sie zu! Eines Nachts stieß mein stumpf gewordener Stahl auf Holz. Ich schärfte mein Degenende und bohrte in jenes Holz ein Loch. Um arbeiten zu können, musste ich wie eine Schlange auf dem Bauch kriechen; ich habe mich, um wühlen zu können wie ein Maulwurf, nackt ausgezogen, die Hände vor mich hin gestreckt; als Stützpunkt diente mir der Stein.

Zwei Tage, bevor ich vor meinen Richtern erscheinen sollte, wollte ich nachts einen letzten Versuch unternehmen; ich durchbohrte das Holz, und dahinter fand mein Eisen nirgends mehr Widerstand. Stellen Sie sich meine Überraschung vor, als ich die Augen an das Loch drückte! Ich hatte die Wandverschalung eines Kellerraums durchbohrt, in dem ein matter Lichtschein mich einen Haufen Gold sehen ließ.

In jenem Keller befanden sich der Doge und ein Mitglied des Rats der Zehn; ihren Reden konnte ich entnehmen, dass sich dort der Geheimschatz der Republik befinde, die Stiftungen der Dogen, die Reserven aus der Beute, die ›der venezianische Denar‹ genannt werden, dort hinein floss ein gewisser Anteil der Kriegserträgnisse.

Ich war gerettet! Als der Kerkermeister kam, schlug ich ihm vor, er solle mein Entweichen begünstigen, mit mir auf und davon gehen und alles mitnehmen, was wir an uns raffen könnten. Es gab kein Zaudern, er willigte ein. Ein Schiff nach der Levante lag unter Segel, alle Vorschrifts-Maßregeln wurden getroffen, Bianca unterstützte die Maßnahmen, die ich meinem Helfershelfer diktierte.

Damit kein Argwohn entstehe, sollte Bianca erst in Smyrna mit uns zusammentreffen. In einer Nacht wurde das Loch erweitert, und wir stiegen in das Gemach hinein, in dem Venedigs Geheimschatz lag. War das eine Nacht! Vier Tonnen voll Gold habe ich vor mir stehen sehen. In dem Gemach daneben lag Silber in zwei Haufen aufgeschichtet, so dass ein Weg dazwischen frei blieb, damit man durch den Raum hindurchgehen konnte, in dem die Geldstücke wie Böschungen etwa fünf Fuß hoch an den Mauern emporgeschichtet lagen.

Ich glaubte, der Kerkermeister würde wahnsinnig werden; er sang, er hüpfte umher, er lachte, er trieb Narrenpossen im Gold; ich drohte ihm, ich würde ihn erwürgen, wenn er Zeit verliere oder Lärm mache. In seiner Freude sah er zunächst gar nicht einen Tisch, auf dem die Diamanten lagen.

Behend stürzte ich mich darauf und stopfte mir meine Matrosenbluse und die Hosentaschen voll. Mein Gott! Nicht mal ein Drittel habe ich an mich nehmen können. Unter dem Tisch lagen Goldbarren. Ich brachte meinen Kameraden dahin, dass er so viele Säcke mit Gold fülle, wie wir tragen konnten; ich gab ihm zu bedenken, dass dies das einzige Mittel sei, im Ausland nicht entdeckt zu werden.

»Perlen, Geschmeide, Diamanten würden uns nur verraten«, sagte ich. So groß auch unsere Habgier war, mehr als zweitausend Pfund Gold konnten wir nicht fortschaffen, und dazu war erforderlich, dass wir den Weg vom Gefängnis bis zur Gondel sechsmal zurücklegten. Der Wachtposten am Wassertor war durch ein Säckchen mit zehn Pfund Gold bestochen worden. Was die beiden Gondoliere betraf, so glaubten sie, der Republik einen Dienst zu erweisen. Als es hell wurde, liefen wir aus.

Als wir auf hoher See waren, als ich an diese Nacht zurückdachte, als ich mich aller durchgemachten Aufregungen erinnerte, als ich mir den ungeheuren Schatz vergegenwärtigte, wo ich meiner Schätzung nach dreißig Millionen in Silber und zwanzig in Gold, mehrere Millionen in Diamanten, Perlen und Rubinen zurückgelassen hatte, vollzog sich etwas wie aufwallender Wahnwitz in mir. Ich hatte das Goldfieber.

In Smyrna ließen wir uns an Land setzen und schifften uns sogleich nach Frankreich ein. Als wir an Bord des französischen Schiffes gegangen waren, hatte Gott die Gnade, mich meines Helfershelfers zu entledigen. In jenem Augenblick bedachte ich nicht die volle Tragweite dieser Missetat des Zufalls, über die ich mich sehr freute.

Wir waren beide so erschöpft gewesen, dass wir kaum miteinander gesprochen und darauf gewartet hatten, in Sicherheit zu sein und dann nach Kräften genießen zu können. Was Wunder, dass sich dem armen Kerl alles im Kopf drehte. Sie werden noch hören, wie Gott mich gestraft hat. Ich glaubte mich erst sicher, als ich zwei Drittel meiner Diamanten in London und Amsterdam verkauft und meinen Goldstaub in Wertpapieren angelegt hatte.

Fünf Jahre lang hielt ich mich in Madrid verborgen; dann bin ich 1770 unter falschem Namen nach Paris übergesiedelt und habe dort ein glänzendes Leben geführt. Bianca war gestorben. Mitten in meinen Wollüsten, als ich die Erträgnisse eines Vermögens von sechs Millionen genoss, wurde ich von Blindheit geschlagen.

Ich bin überzeugt, dass dieses Leiden die Folge meines Aufenthalts im Kerker gewesen ist, meines Wühlens durch das Gestein, sofern meine Fähigkeit, Gold zu sehen, nicht den Sieg über meine Sehkraft davongetragen und mich zum Verlust des Augenlichts prädestiniert hat.

Zu jener Zeit liebte ich eine Frau, von der ich annahm, ich könne mein Schicksal an das ihre binden; ich hatte ihr das Geheimnis meines Namens anvertraut, sie gehörte einer mächtigen Familie an, ich erhoffte mir alles von der Gunst, die Ludwig XV. mir gewährte, ich hatte all mein Vertrauen in jene Frau gesetzt, die die Freundin der Madame du Barry war, sie riet mir, einen berühmten Londoner Augenarzt zu konsultieren.

Doch nach ein paar Monaten des Aufenthalts in jener Stadt hat jene Frau mich im Hyde-Park stehenlassen; sie hatte mein ganzes Vermögen an sich gebracht und mich völlig mittellos gemacht; denn da ich meinen Namen geheimhalten musste, der mich der Rache Venedigs preisgegeben hätte, konnte ich niemands Beistand anrufen, ich fürchtete Venedig.

Mein Leiden wurde von Spitzeln ausgebeutet, die jene Frau mir nachschickte. Ich könnte Ihnen Abenteuer erzählen, die des Gil Blas würdig wären. Dann kam Ihre Revolution. Ich wurde gezwungen, in Les Quinze-Vingts einzutreten, wohin jene Kreatur mich überweisen ließ, nachdem sie mich zwei Jahre lang als Geisteskranken in Bicêtre hatte festsetzen lassen, ich habe sie nicht umbringen können; ich konnte ja nichts mehr sehen, und ich war zu arm, um mir einen Helfershelfer zu dingen.

Wenn ich Benedetto Carpi, meinen Kerkermeister, ehe ich ihn verlor, nach der Lage meines Kerkers gefragt hätte, dann hätte ich auf den Schatz hinweisen und nach Venedig zurückkehren können, als Napoleon der Republik ein Ende gemacht hatte.

Aber lassen Sie uns trotz meiner Blindheit nach Venedig reisen Ich kann das Gefängnistor wiederfinden, ich sehe Gold durch die Mauern hindurch, ich erwittere es unter den Fluten, in die es versenkt worden ist; denn die Geschehnisse, die Venedigs Macht gebrochen haben, sind solcherart, dass das Geheimnis des Schatzes sicherlich mit Vendramin zugrunde gegangen ist, dem Bruder Biancas, einem Dogen, der, wie ich hoffte, meinen Frieden mit dem Rat der Zehn angebahnt haben würde.

Ich habe Eingaben an den Ersten Konsul gemacht, ich habe dem Kaiser von Österreich einen Vertrag vorgeschlagen, alle haben mich abgewiesen wie einen Irrsinnigen!

Kommen Sie, lassen Sie uns nach Venedig reisen, wir brechen als Bettler auf und kehren als Millionäre zurück; wir kaufen meine Besitztümer wieder auf, und Sie sollen mein Erbe, sollen Fürst von Varese sein.«

Bestürzt über dieses Geständnis, das in meiner Fantasie die Ausmaße einer Dichtung angenommen hatte, beim Anblick dieses weißhaarigen Kopfes und angesichts des dunklen Wassers der Bastillegräben, eines schlafenden Wassers wie das der Kanäle von Venedig, gab ich keine Antwort. Sicherlich glaubte Facino Cane, ich beurteilte ihn wie die anderen, mit verachtendem Mitleid; er tat eine Geste, die der ganzen Philosophie der Verzweiflung Ausdruck gab.

Vielleicht hatte seine Erzählung ihn in seine Tage des Glücks in Venedig zurückgetragen; er nahm seine Klarinette und blies schwermütig ein venezianisches Lied, eine Barkarole, bei deren Spielen er sein jugendliches Talent, sein Talent als liebender Patrizier, wiederfand. Es klang wie etwa das Super flumina Babylonis.

Meine Augen füllten sich mit Tränen. Falls ein paar späte Heimkehrer den Boulevard Bourdon entlanggegangen sind, sind sie sicherlich stehengeblieben und haben dem letzten Gebet des Verbannten gelauscht, der letzten Klage über einen verlorenen Namen, in die sich die Erinnerung an Bianca mischte. Doch nur zu bald gewann das Gold wieder die Oberhand, und die verhängnisvolle Leidenschaft brachte das Aufschimmern von Jugend zum Erlöschen.

»Jenen Schatz«, sagte er zu mir, »sehe ich immerfort vor mir, im Wachen wie im Traum; ich gehe dazwischen umher, die Diamanten blitzen, ich bin nicht so blind, wie Sie glauben: Gold und Diamanten erhellen meine Nacht, die Nacht des letzten Facino Cane, denn mein Titel geht auf die Memmi über. Mein Gott! Die Bestrafung des Mörders hat beizeiten eingesetzt. Ave Maria…«

Er murmelte mehrere Gebete; ich hörte ihm nicht zu. »Wir fahren nach Venedig«, rief ich, als er aufstand.
»Also bin ich einem Menschen begegnet«, rief er, und sein Gesicht erglühte. Ich bot ihm den Arm und geleitete ihn; an der Pforte von Les Quin-ze-Vingts drückte er mir die Hand; es kamen gerade Hochzeitsgäste vorbei und grölten aus vollem Halse.

»Fahren wir morgen los?« fragte der alte Mann.
»Sobald wir einiges Geld beisammen haben.«
»Aber wir können doch zu Fuß gehen, ich bettele um Almosen… Ich bin rüstig, und wenn man Gold vor sich sieht, wird man jung.«

Facino Cane ist im Lauf des Winters gestorben, nach zwei Monaten des Hinsiechens. Der arme Mann hatte einen Lungenkatarrh.

Facino Cane · Honoré de Balzac · Fantastik Geschichte · Novelle

Facino Cane · Honoré de Balzac · AVENTIN Storys

Facino Cane - Honoré de Balzac - Fantastik Geschichte - Ich wohnte damals in einer kleinen Straße, die ihr schwerlich kennen ...

URL: https://aventin.de/facino-cane-honore-de-balzac/

Autor: Honoré de Balzac

Bewertung des Redakteurs:
4

Ich bin viel zu selbstbewusst, um überheblich zu sein.

Peter Hohl