Der kranke Jüngling

Der kranke Jüngling · Camilo Jose Cela · Lust Laune Leben

Der kranke Jüngling wird Marcos Jabalón genannt. Die blühende Dienstmagd im Haus gegenüber heißt Sancha Sánchez. Sie ist so lebensfroh wie vorlaut, so prächtig anzusehen wie — ach, mein Gott — garstig anzuhören.

»Mäßigen Sie sich, junge Frau, weder ist die Sache der Rede wert, noch haben Sie so schön gesungen, wie ich Ihnen aus Höflichkeit vorgelogen habe.«

Marcos Jabalón hört in seinem Winkel hinter dem kühlenden Fensterladen dem Gezwitscher des Distelfinks im Käfig zu und beobachtet das stets geschäftige Dienstmädchen gegenüber.

Marcos Jabalón ist schon zwanzig und ist sich bewusst — sogar ohne Schmerz zu empfinden –, dass weder dieses Mädchen noch irgendein anderes jemals für ihn bestimmt sein wird.

»Klar, warum sollten sie für mich sein, wenn ich ihnen auf dem Marktplatz nicht mal nachlaufen kann.«

Marcos Jabalón setzt sich sehr gründlich und nicht einmal traurig mit der Launenhaftigkeit des menschlichen Schicksals auseinander: mit dem rabenschwarzen Pech, das ihn für immer und ewig wie einen alten Greis an den Rollstuhl fesselt, dessen eintönige Beweglichkeit seine ganze Welt ausmacht.

»Anderen geht es noch schlimmer, finden Sie nicht? Ich bekomme wenigsten jeden Tag mein Essen.«

Mit wie viel übermütiger Lust nützt doch Sancha Sánchez ihren Spielvorteil aus. Im Wissen, dass der gelähmte Jüngling gegenüber sich nicht rühren kann, schenkt sie ihm von ihrem Fenster aus in rosaroten Farben ihre Nächstenliebe, die sie sonst verbirgt, die geheime Landschaft ihres Körpers, die sie noch nie jemandem, noch gar niemandem, gezeigt hat, vorläufig auch keinen Grund hat zu zeigen, und soviel man weiß, auch nie zu zeigen gedenkt.

»Das fehlte gerade noch!«

Für den Fall, dass Marcos Jabalón hinter dem Fensterladen eingeschlafen wäre, singt Sancha Sánchez aus voller Kehle das wohlbekannte »Jalisco nunca perde«, denn es ist ja so schön.

Wenn Sancha Sánchez hört, dass sich der kranke Jüngling bemerkbar macht, arbeitet sie auch manchmal nur im Hemd — es ist ja so heiß — und verschenkt als großmütiges Almosen, was sonst nicht an der frischen Luft zu sehen ist.

»Marcos ist auch ein Geschöpf Gottes«, denkt sie, »wie wir alle.«

Marcos Jabalón erschrickt hinter dem Fensterladen verborgen und genießt mit unendlich dankbarem Lächeln und doch traurig seine kindlich unschuldige Verwirrung. Sancha Sánchez sieht im Fensterrahmen aus wie eine maurische Prinzessin im Palast, die ihre Einsamkeit schwer erträgt.

»Sancha!«

»Sie wünschen, gnädige Frau?«

»Geh weg vom Fenster, man kann dich von der Straße aus ja sehen.«

Sancha Sánchez schweigt, und da sie gehorsam ist und die Dame des Hauses achtet, geht sie vom Fenster weg. Sancha Sánchez singt das Lied »Jalisco nunca pierde« nun nicht mehr. Man merkt, dass sie auf einen Schlag ganz traurig geworden ist, wie es bei Leuten vorkommt, wenn sie in ein Grab sehen.

Marcos Jabalón hört nun von seinem Fenstergesims aus wieder dem Gezwitscher des blinden Vögelchens zu. Marcos Jabalón ist mit Geduld gewappnet und wartet auf den Sonnenuntergang. Dann bekommt er nämlich sein Abendessen: Kartoffeltortilla wie immer und ein Gläschen Wein dazu. Dann wird er zu Bett gebracht und das Licht gelöscht.

Nun wartet Marcos Jabalón, bis der Schlaf ihn umfängt — und in einer Wolke darin Sancha Sánchez erscheint. Hier hat alles seine Ordnung. Wenn die Nacht weit vorgerückt ist, vertraut Marcos Jabalón darauf, dass die Sonne mit ihren milden Gaben wieder aufgeht und dass Sancha Sánchez ihre geheimnisvoll durchtriebenen Machenschaften wieder aufnimmt.

Marcos Jabalón freut sich, am Leben zu sein.

Der kranke Jüngling · Camilo Jose Cela · Lust Laune Leben

Der kranke Jüngling · AVENTIN Storys

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Autor: Camilo Jose Cela

Bewertung des Redakteurs:
4

Lass dir am Bewusstsein genügen, deine Pflicht getan zu haben! Andere mögen es erkennen oder nicht.

Christoph Martin Wieland