Schaf-Baron und Nachbar

Schaf-Baron und Nachbar · Lohn und Strafe · Europa Sage

In einem Dorf lebten zwei Nachbarn, von denen hatte der eine mehrere hundert Schafe, der andere nur drei. Da sprach der Arme zum Reichen: »Lasse doch meine Schafe bei den deinen weiden, das wirst du ja nicht spüren«.

Der Arme hatte nämlich keinen Weideplatz. Der reiche Schaf-Baron wollte zuerst nicht recht, ließ es aber dann doch endlich zu. Der Knabe des Armen trieb die drei Schafe sodann aufs Feld zu den Schafen des Nachbarn und blieb da zur Hut.

Nach einiger Zeit geschah es, dass der König Nachricht zum Schaf-Baron schickte und von ihm ein fettes Schaf verlangte. Der Baron konnte das dem König natürlich nicht abschlagen, aber es fiel ihm doch sehr schwer, von seinen hunderten Schafen eines zu verlieren.

Darum befahl er seinen Knechten, eines von den dreien des armen Mannes zu fangen und den Dienern des Königs zu übergeben. So taten es die Knechte dann auch. Nur der Junge des Armen weinte sehr, als man eines seiner drei Schafe fortschleppte.

Bald darauf verlangte der König ein zweites Schaf. Wieder befahl der Baron seinen Knechten, man solle eines von denen des Armen nehmen. So geschah es zum zweiten Mal und der Junge weinte noch mehr, als man sein zweites Schaf wegführte.

Da dachte er bei sich: »Der König wird bald noch ein Schaf wollen, und die Knechte des Barons werden dir auch das letzte wegnehmen. Besser ist es, du machst dich mit dem verbliebenen Tier beizeiten fort!« So tat er dann auch und zog weit, weit weg auf ein hohes Gebirge. Da gab es Weide genug und auch frisches Wasser, und sein Schaf hatte es sehr gut.

Nach einigen Tagen sprach der Arme bei sich: »Ich will einmal hinausgehen und sehen, was mein Junge und meine Schafe machen!« Als er aber zur Herde kam und die Knechte nach seinem Jungen fragte, sagten diese: »Zwei von Euren Schafen haben wir auf Befehl unseres Herrn dem König geschickt. Mit dem letzten ist Euer Junge fort in die Welt gezogen!«

Da jammerte der Arme und sprach: »Wo kann ich ihn denn nur finden?« Er machte sich aber gleich auf und ging fort, um ihn zu suchen. Lange Zeit sah er keine Spur. Er fragte die Sonne, ob sie ihm nicht Weg und Steg zeigen könne. Die wusste es aber leider nicht.

Endlich kam er zum Wirbelwind, der sah ganz wild aus. Der Arme fragte auch ihn, ob er denn nicht wisse, wo sich sein Sohn aufhalte. »Ei, freilich weiß ich’s. Ich ziehe eben hin und nehme dich gleich mit!«

Da hob ihn der Wirbelwind auf und führte ihn im Nu aufs Gebirge zu seinem Sohn, der war in einem Tal, welches die Sonne nie beschien. Der Arme freute sich, als er ihn sah und hörte, wie er das Schaf gerettet habe. »Jetzt aber«, sprach er, »wollen wir beide hier bleiben und darauf Acht geben, denn das ist nun unser ganzer Reichtum!«

Nach einiger Zeit geschah es, dass zwei Wanderer über das Gebirge kamen und bei dem Armen anhielten und sich lagerten. Es waren aber zwei heilige Männer. Da sprach der eine: »Wir sind weit gereist und müde und so hungrig, dass wir sterben müssen, wenn wir nicht bald ein wenig Fleisch zu essen bekommen.« Der Arme erbarmte sich und sprach: »Ja, da muss ich euch wohl helfen!«

Schnell ging er hin zu seinem Schaf, schlachtete es und machte ein Feuer an und briet davon ein gutes Stück für seine Gäste. Das schmeckte diesen auch ganz vortrefflich. Nach dem Mahl sprach einer der Männer zum Knaben des Armen, er solle schnell die Knochen zusammenlesen und alle ins Schafsfell legen. Das tat der Junge auch, und danach legten sie sich alle zum Schlafen nieder.

Ganz früh aber standen die beiden heiligen Männer auf, segneten den Armen mit seinem Jungen und zogen still und leise ab. Als der Arme mit seinem Jungen erwachte, sah er um sich eine große Herde Schafe, und vorn stand sein Schaf, das er am Abend geschlachtet hatte, ganz frisch und gesund und es trug einen Zettel auf der Stirn.

Auf dem Zettel stand: »Alle gehören dem Armen und seinem Jungen!« Auch drei Hunde sprangen um sie herum und taten ganz freundlich. Der Arme konnte seine Freude und sein Glück kaum glauben. Dann zog er mit der Herde heim.

Da kam das ganze Dorf zusammen, als er anlangte, um die vielen und schönen Schafe zu sehen, und der Arme musste oft und oft erzählen, wie er durch die zwei armen Wanderer zu dem Glück gekommen sei. Dem reichen Schaf-Baron aber ließ der Neid keine Ruhe. Er dachte bei sich: »Ja wenn das so ist, dann muss ich auch bald mehr bekommen!«

Er ging hinaus, ließ alle armen Wanderer und Bettler zusammenrufen, schlachtete alle Schafe, briet ihnen das Fleisch und setzte es ihnen vor. Dann legte er sorgfältig alle Knochen zusammen, in das Fell eines jeden Schafes diejenigen, die hingehörten, und legte sich dann mit den Wanderern und Bettlern gegen Abend zum Schlafen nieder.

Allein er konnte nicht schlafen, da er in seinen Gedanken immerfort bis an den Morgen rechnete, wie viele Schafe er denn jetzt haben müsse, da er ja hunderte geschlachtet habe und jener nur eines.

Als dann der neue Tag anbrach, sprang er gleich auf und wollte seine große Herde sehen. Aber da lagen noch alle Knochen im Fell eingewickelt und nichts regte und rührte sich. »Ha«, dachte er, »jetzt weiß ich, woran es hängt: Die Wanderer und Bettler hätten schon fort sein müssen!«

»Auf, ihr Lumpen und Gesindel, packt euch fort!« Aber die rührten sich nicht, bis die Sonne hoch am Himmel stand. Jetzt waren alle seine Schafe dahin und hatten sich nicht verhundertfältigt. Jetzt jammerte und fluchte er, dass er um all sein Gut gekommen wäre, und ging weit weit fort.

Der Arme aber blieb reich und glücklich, und man erzählt auch noch, sein Junge habe später die Königstochter geheiratet.

Schaf-Baron und Nachbar · Lohn und Strafe · Europa Sage

Schaf-Baron und Nachbar • AVENTIN Storys
schafbaron und nachbar lohn und strafe europa sage

Schaf-Baron und Nachbar ⋆ Lohn und Strafe ⋆ Europa Sage - In einem Dorf lebten zwei Nachbarn, von denen hatte der eine mehrere hundert Schafe ...

URL: https://aventin.de/schaf-baron-und-nachbar-lohn-und-strafe/

Autor: Europa Sage

Bewertung des Redakteurs:
4

Wir leben in einem gefährlichen Zeitalter. Der Mensch beherrscht die Natur, bevor er gelernt hat, sich selbst zu beherrschen.
Albert Schweitzer