Respekt · Joseph M. Marshall

Respekt · Joseph M. Marshall · Story aus Nordamerika

Respekt kann manchmal lebensrettend sein, wie in der Geschichte von dem jungen Jäger, der den Reizen der Hirschfrau widerstand. Respekt rettete auch einem jungen Crow-Krieger das Leben, dem es gelungen war, sich in ein Lager der Lakota zu schleichen, um ein Pferd zu stehlen.

Der Crow-Krieger war jung und begierig, sich zu beweisen. Er hatte sich in der Nähe des Lakota-Lagers versteckt und wartete auf den Einbruch der Dunkelheit, weil er wusste, dass die besten Pferde für den Krieg und für die Büffeljagd nachts nahe den Eingängen der Wigwams angebunden wurden.

Als es dunkel genug war, schlich er in das Lager und arbeitet sich vorsichtig zu einem bestimmten Zelt vor, an dem ein schwarzes Kriegspferd angebunden war. Er war so geschickt und leise, dass kein einziger Hund aus dem Lager seine Gegenwart bemerkte, als er den Führstrick des Pferdes durchtrennte.

Ihm war aber nicht bewusst, dass zwei Lakota-Wachen ihn entdeckt und jede seiner Bewegungen verfolgt hatten. Mit gespannten Bogen warteten sie darauf, dass er die Grenze des Lagers erreichte. Dort angekommen, würden sie ihn erschießen und das Pferd zurückbringen.

Als der Crow so ungezwungen wie möglich durch das Lager ging, trat unerwartet eine alte Frau aus einem der Wigwams. Sie eilte zu einem Holzstapel und nahm ein Holzbündel, so groß, dass sie es kaum tragen konnte.

Als der junge Crow die Zwangslage der alten Frau bemerkte, eilte er ihr sofort zu Hilfe und trug das Feuerholz für sie. Er hatte selbst eine Großmutter, die er bewunderte und respektierte.

Als er seine Arbeit erledigt hatte, entdeckte er die zwei Lakota-Wachen, die, mit gespannten Bögen auf seine Brust zielend, auf ihn warteten. Doch anstatt ihn zu töten, nahmen sie das fast gestohlene Pferd wieder an sich, entwaffneten den Crow und begleiteten ihn bis zur Dorfgrenze.

Dann ließen sie ihn frei, damit er in sein Dorf zurückkehren konnte. Respekt gegenüber Älteren war bei den Stämmen der Prärie weit verbreitet.

Respekt zeigt sich auf vielerlei Arten. Die Existenzgrundlage der Lakota, wie auch die anderer Stämme der Prärie, hing sehr vom Tatanka, dem Bison, ab. Ein Reichtum an Bisons bedeutete Macht und Wohlstand, und die Lakota waren dankbar für diesen Reichtum.

Die Bisonjagd wurde sorgfältig vorbereitet und es wurden Zeremonien durchgeführt, um das Bison um sein Fleisch zu bitten. Nach der Jagd dankten die Jäger den Tieren respektvoll für ihr Leben und baten sie auch um Verzeihung. Doch das war noch nicht alles.

Als weiteren Beweis ihres Respekts, verwandten die Lakota jeden Teil des Bisons. Die Häute dienten als Winterkleidung und als Planen für die Tipis. Aus den Hörnern wurden Tassen, Kellen und Löffel hergestellt.

Die Sehne – die Achillessehne – wurde getrocknet und als Faden und Bogensehne verwendet. Die Hufe wurden gekocht, um daraus Klebstoff herzustellen, und das Haar wurde zu Stricken, Seilen und Ähnlichem verflochten. Nichts wurde vergeudet.

Als letzter Akt von Respekt sorgte ein Lakota, wann immer er oder sie auf einen Bisonschädel traf, dafür, dass er in Richtung Osten blickte, damit ihn die aufgehende Sonne traf. So war der Geist des Tieres im Einklang mit dem Rhythmus des Lebens.

Wir Lakota achten aber nicht nur die Natur und die Wesen, die in ihr und mit uns leben, wir achten auch all unsere Mitmenschen.

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Respekt · Joseph M. Marshall · Story aus Nordamerika · Respekt kann manchmal lebensrettend sein, wie in der Geschichte von dem jungen Jäger.

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Autor: Joseph M. Marshall

Bewertung des Redakteurs:
4

Zum Bewusstsein kommen heißt: ein Gewissen bekommen, heißt wissen, was gut und böse ist.

Thomas Mann