Psychologische Typenbildung

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Psychologische Typenbildung – R.M.F – Alltagspsychologie

Wo wir mit Menschen in Berührung kommen, ordnen wir sie bewusst oder unbewusst gewissen ‚Typen‘ zu und richten danach unser Verhalten aus.

Solche Typenvorstellungen wie Mann, Choleriker, Kleinbürger oder Philister sind zwar alles andere als wissenschaftlich geläutert, sie genügen jedoch für die Praxis des Lebens.

Erst neuerdings hat man begonnen, die Typenvorstellungen kritisch zu behandeln und zu wissenschaftlichen Ehren zu erheben. Auch wenn das Denkmittel ‚Typen‘ niemals gleiche Exaktheit verbürgen kann wie das Denken in logisch umgrenzten Begriffen, so scheint doch das Typensehen, methodisch ausgebaut, ein wichtiges Erkenntnismittel der Wissenschaft zu werden, wie es das — in unkritscher Weise — stets gewesen ist.

Als Typenkennzeichen gelten uns Gruppen von Tatbeständen, die zwar nicht mit innerer Notwendigkeit zusammen gehören müssen, die jedoch erfahrungsgemäß oft verbunden vorkommen, so dass wir sie zusammenfassend herausheben und uns darüber verständigen können.

Der ‚Typus‘ ist keine ‚Klasse‘ im naturwissenschaftlichem Sinn, sondern ist ein weit lockerer Rahmen, der sich elastisch nach vielen Seiten dehnen lässt und oft Instanzen umfasst, die auch anderen Typen zugehören können.

Die Gattung ‚homo sapiens‘ ist mehr als ein Typus, sie ist ein ‚Begriff‘; denn die Eigentümlichkeiten, die wir darin zusammenfassen, müssen bei allen Einzelvertretern wiederkehren: also etwa der aufrechte Gang, das Bestehen von zwei Händen und zwei Füßen, die Art des Gebisses und des Verdauungsapparates.

Wenn wir dagegen sagen, jemand sei der Typus eines Engländers oder eines Börsianers, so meinen wir zwar auch Gruppen von Eigenschaften, die sich aber nur beim Durchschnitt, nicht bei allen Vertretern der englischen Nation oder der Börsenleute finden; Eigenschaften, die jedoch genügen, um den Betreffenden diesen Gruppen zuzuordnen. So grob und ungeläutert die Typenbegriffe des Alltags sind, auch sie gestatten Schlüsse von gewisser Wahrscheinlichkeit auf die möglichen Verhaltensweisen des Individuums.

Mögen die meisten Menschen auch den Typus Mann oder Frau oder Börsianer oder Engländer keineswegs scharf zu definieren vermögen, es lässt sich dennoch voraussehen, wie in bestimmten Lebenslagen der Mann anders als die Frau, der Börsianer anders als ein Pastor, der Engländer anders als ein Russe handeln werden. So unexakt jene Typenvorstellungen auch sein mögen, eine gewisse Brauchbarkeit für die Lebenspraxis kommt ihnen dennoch zu.

Der wissenschaftlich geläuterte Typenbegriff muss sich von dem im Alltag verwendeten dadurch unterscheiden, dass man sich über die Bedeutsamkeit der Merkmale, auf Grund deren man ein Individuum einem Typus zuschreibt, klar ist. Im Alltag mag es angehen, dass man einen Menschen mit bartlosem Gesicht, der an den Schultern auswattierte Anzüge und Stiefel mit dicken Sohlen trägt, als typischen Amerikaner ansieht.

Eine wissenschaftliche Typik muss die Merkmale tiefer und bezeichnender erfassen. Sie muss einen Unterschied machen zwischen wesentlichen und unwesentlichen Merkmalen, sie muss versuchen, aus den Äußerlichkeiten zurückzuschließen auf den inneren Kern der Persönlichkeit, selbst auf die Gefahr hin, dass das Innerste der Persönlichkeit nie restlos erfasst werden kann.

Unternehmen wir es, einen Volkstypus wie den des Amerikaners wissenschaftlich zu bestimmen, so verlieren die Äußerlichkeiten der Tracht und des Benehmens, die die Alltagsbeobachtung vor allem beachtet, stark an Bedeutung; sie behalten höchstens Symptomwert, Symptomwert für tieferliegende seelische Gemeinsamkeiten.

Was in der Typenvorstellung des Alltags als zufälliges Attribut erscheint, wird die wissenschaftliche Typenzuordnung als notwendige Äußerung einer seelischen Gemeinsamkeit zu verstehen suchen. Damit aber werden wir wiederum auf den Begriff der seelischen ‚Struktur‘ geführt, allerdings nicht mehr die Struktur im Sinn des allgemein gleichen Schemas, von dem wir ausgingen, sondern der typischen Sonderstrukturen.

Die Typenvorstellungen des Alltags sind keineswegs alle wissenschaftlich brauchbar, sie müssen sogar vielfach als oberflächlich oder gar als irrtümlich angesprochen werden. Hinter den landläufigen Zusammenordnungen sieht ein geschärfter Blick oft ganz andere Synthesen, die sich freilich mannigfach kreuzen.

Jene Alltagstypen sind höchst komplexer Natur, und kritische Betrachtung muss diese Komplexe auseinanderlegen, wie die Wissenschaft die tausendfältigen Farbnuancen der Wirklichkeit auf gewisse Grundfarben zurückführt, die sie schematisch anordnet, in einem Oktaeder zum Beispiel, in dem jeder Nuance ein ganz bestimmter Platz zugewiesen wird.

In ähnlicher Weise müssen auch wir versuchen, in den noch weit komplizierteren Spielarten der Menschennatur gewisse seelische Grundtpyen aufzuspüren, die — verschieden kombiniert — jene komplexen Typen ergeben, mit denen wir im Alltag in Berührung kommen.

Diese psychologischen Grundtypen nun, die wir suchen, finden wir, indem wir auf Grundfunktionen der Seele zurückgreifen, die wir oben ermittelten. Und jetzt erst wird das allgemeine Schema der Menschenseele, das wir oben entwarfen, fruchtbar. Denn dieses Schema wird, wie wir schon andeuteten, durch die Tatsache der menschlichen Verschiedenheiten nicht etwa aufgehoben; im Gegenteil, es enthüllt sich als die Grenze, innerhalb deren die Individualitäten variieren, und offenbart uns die Faktoren, durch die jene Variationen zustande kommen.

Wie alle Sätze unserer Sprache, wenn auch in unendlicher Variationsmöglichkeit, die Grundbegriffe der Grammatik: Subjekt, Prädikat und Objekt enthalten, so kehren auch die Grundanlagen der menschlichen Seele in allen Individuen wieder, nur in verschiedener Gradabstufung und Verbindung.

Und wie wir alle Worte unserer Sprache mit den 26 Buchstaben unseres Alphabets schreiben können, wie sich die einzelnen Worte nicht dadurch unterscheiden, dass vollkommen neue Laute auftauchen, so unterscheiden sich die einzelnen Menschen nicht durch das Vorhandensein etwa eines besonderen Sinnesorgans oder einer allen anderen Menschen fehlenden Affektanlage, nein, die Unterschiede sind nur solche besonderen Hervor- oder Zurücktretens der allen zukommenden Anlagen oder Fähigkeiten.

Selbst außergewöhnliche Menschen, geniale Naturen oder Idioten, solche, die den Durchschnitt hoch überragen, oder solche, die tief unter ihm bleiben, sind niemals gekennzeichnet durch Hinzutreten oder radikalen Ausfall einer besonderen Anlage; auch sie gehen ein in das Grundschema der seelischen Struktur, nur dass die einzelnen Faktoren anders betont oder kombiniert, überentwickelt oder verkümmert sind.

Natürlich wird es, selbst wenn wir so einen leidlich festen Rahmen und eine ungefähre Aufzählung der in Betracht kommenden Faktoren besitzen, nicht möglich sein, alle Kombinationsmöglichkeiten auch nur annähernd aufzuzählen; wir können nur die einfachsten Grundtypen aufstellen, die durch das besondere Hervortreten einer der Uranlagen gekennzeichnet sind, wie wir sie früher ermittelten.

Es ist für das Verständnis eines Menschen nicht notwendig, dass man in alle Winkel seiner Seele hinableuchtet; für die Praxis des Lebens genügt es, die ihn beherrschenden, seinem Wesen die Richtung bestimmenden Antriebe und Hemmungen, Fähigkeiten oder Mängel zu erkennen.

Im großen und ganzen können wir danach voraussagen, wie er sich in einzelnen Situationen verhalten wird, und das ist es ja, was wir unter ‚Menschenkenntnis‘ verstehen.

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Autor: R.M.F

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