Die große Waage – Märchen

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Die große Waage – Märchen zum Nachdenken

Es war einmal ein wirklich guter König, der hatte in seinem Land aber einen bösen Zauberer, welcher es ihm schwer machte, ein guter und gerechter Herrscher zu sein.

Jeden Tag dachte sich der Zauberer eine neue Schandtat aus, und des nachts zauberte er stets ein neues Unglück herbei, das die Worte des Königs heuchlerisch und verlogen erscheinen ließ.

Aus diesem Grund begannen die Untertanen des Königs auch bald zu murren, und sie wollten ihren Herrscher vom Thron verjagen, denn gut konnten sie ihn beim besten Willen nicht finden.

Der junge König aber verstand es stets wieder, die Schäden zu heilen, und er regierte mit Klugheit, denn an jedem Morgen wurde er um eine andere Sache ersucht, die der böse Zauberer in der Nacht wieder angerichtet hatte.

Ganz langsam gewann der junge König so sein Volk für sich, denn die Leute sahen, was er ihnen alles Gutes tat und mit wie viel Klugheit er gegen alle Schäden vorging, die der böse Zauberer angerichtet hatte. So stellten sie sich auf seine Seite und begannen, den Zauberer zu verfolgen.

Sie verbündeten sich und stellten jede Nacht Wachen auf, die die Anschläge des Zauberers vereiteln sollten. Jeder im Land kannte seinen Platz, und alle folgten ihrem guten König, der die Schliche des bösen Mannes bereits fast erahnen konnte.

Da verbreitete sich eines Morgens die Mär, der alte Zauberer sei in der Nacht über das Wasser des Unergründlichen gewandelt und sei darin versunken. Und die, die das gesehen hatten, wie der Zauberer in den Wassern des heiligen Sees versank, berichteten beklommen, dass er dabei ganz laut gelacht habe, ehe er unterging.

“Das ist das Beste, was er tun konnte, dieser Narr!” jubelte jetzt ein Teil der Menschen und sie tanzten auf den Straßen.

“Kann den ein Böser überhaupt je etwas Gutes tun?” fragten die anderen, die dem Frieden nicht recht trauten.

“Was soll es denn noch Böses geben, wenn der Böse selbst tot ist?” frohlockten die ersteren. Doch das Lachen des alten Zauberers hatte sich in die Erinnerungen der Bedächtigen gehaftet und lies ihnen große Zweifel aufkommen.

“Was seit ihr doch für Toren”, riefen da die Jubelnden, “bedenkt doch, dass er unterging!”

Da fingen sie schließlich zu streiten an, was das Gelächter des Bösen denn wohl zu bedeuten habe.

“Es ist ein Siegesgelächter gewesen”, meinten die Bedächtigen, aber sie konnten es doch nicht genau erklären.

Die Anderen wiederum waren der Überzeugung, dass der Zauberer närrisch gewesen sein müsse, da ja ein vernünftiger Mensch sich überhaupt nicht mit so obskuren Praktiken abgeben würde, wie er es getan habe.

Schließlich ereiferten sich die Vertreter der verschiedenen Meinungen so sehr, dass sie sogar tätlich aufeinander losgingen und sich gegenseitig wegen Beleidigung ihrer doch so unbezweifelbaren Intelligenz verklagen wollten.

Nicht lange, und es gab sogar die schönsten Schlägereien und natürlich wieder Anklagen, diesmal wegen Körperverletzung.

Der König, der der Angelegenheit zuerst keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt hatte und den Streit einfach nur lächerlich fand, schickte jetzt aber Soldaten, die endlich wieder Ruhe ins Land bringen sollten.

Die Menschen waren darüber sehr empört, gingen aber dann schließlich doch auseinander, und scheinbar kehrte wieder Ruhe im Land ein.

Aber den Einsatz der Soldaten nahmen die Bürger ihrem König jetzt bitter übel. Er war nun wieder zu ihrem Feind geworden, und in den Stuben wisperten sie, in den Schänken prahlten sie, und bald rotteten sie sich auch wieder auf dem Markt zusammen. Sie schlossen Bünde und vereinigten sich, um ihren brutalen König abzusetzen, der mit so rücksichtsloser Gewalt ihre Unternehmen zur Ruhe gebracht hatte.

“Er ist ein Tyrann!” riefen sie, “man sollte ihn töten.” Und sie machten ein Komplott und zogen sogar das Los, wer sein Leben auslöschen sollte.

Da erging wieder ein großes lautes Lachen über den See, — und den Anwohnern graute es.

Flüsternd erzählten sie einander davon, und wieder lähmte eine große Angst das ganze Volk. Sogar die mutigen Soldaten der Schutztruppe, die der König aufgestellt hatte, um sein Leben vor Attentätern zu schützen, zitterten wie zu früh geschorene Schafe.

Ab diesem Zeitpunkt war niemand mehr gut. Jeder misstraute dem Anderen und alles erstarrte, wenn das Lachen wieder den See bewegte.

Die große Waage – Märchen zum Nachdenken

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Die große Waage - Märchen zum Nachdenken - Es war einmal ein wirklich guter König, der hatte in seinem Land aber einen bösen Zauberer, welcher es ihm schwer machte, ein guter und gerechter Herrscher zu sein.

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Autor: N. N.

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