Deutigkeit der Symbole

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Deutigkeit der Symbole – R.M.F – Alltagspsychologie 

Kein leichtes Unterfangen ist es, die Sprache der Symbole in die Sprache des Verstandes zu übertragen. Es ist, als wollte man die Töne der Musik mit Händen greifen.

Wir geben zu, dass die Symbolik selten eindeutig ist, dass sie oft Konträres zugleich bezeichnen kann, wie denn zum Beispiel bei uns Schwarz, bei manchen anderen Völkern dagegen Weiß die Farbe der Trauer ist, und im mittelalterlichen Frankreich die Könige sogar in Rot trauerten.

Aber ist durch solche Mehrdeutigkeit der Symbole auch die symbolische Beziehung aufgehoben?

Das hieße behaupten, es könne auch keine logisch brauchbare Lautsprache geben, weil zum Beispiel die Folge der beiden Laute ’s‘ und ‚i‘ im Italienischen ‚ja‘, im Französischen ‚doch‘ oder ‚wenn‘, im Englischen ’sehen‘, im Chinesischen ‚Richter, ‚Tod‘, ‚zärtlich‘, ‚Westen‘ und noch mehr, im Deutschen den Imperativ von sehen, ferner vom persönlichen Fürwort die dritte Person Singularis, die dritte Person Pluralis und die Höflichkeitsform der zweiten Person Singularis und Pluralis bezeichnen kann, so dass schon Mark Twain verwundert fragte, warum die Deutschen den beiden armen Buchstaben so viele Bedeutungen aufpackten.

Und was hat das kurze Wort ‚Gott‘ oder seine Übersetzungen schon alles bezeichnet: die armseligen Augenblicksgötter neuerer Zeit, Götter primitiver Völker und den düsteren Jahve, der keine anderen seinesgleichen neben sich dulden wollte, den liebevollen Vater des Bergpredigers von Galiläa oder den Gott, von dem Faust dem harmlosen Gretchen erzählt, den er auch Glück, Herz oder Liebe nennen könnte, und für den er im Grunde überhaupt keinen Namen hat, keinen Namen, der nicht Schall und Rauch wäre!

Wir erkennen, dass auch die Worte Symbole sind, denen man nur künstlich annähernde Eindeutigkeit aufzwingt, obwohl ihnen jedes Individuum daneben ein wenig einen eigenen Sinn unterschiebt.

Näher läge es, die Sprache der Symbole mit der Musik zu vergleichen, wenn nicht auch die Musik selbst schon Symbolik wäre, vieldeutige und doch verständliche Symbolik.

Ist es ein Einwand gegen die Gefühlswirkung der Tonarten, dass das gleiche C-Moll zuweilen düstere Pracht, zuweilen leidenschaftliche Glut, zuweilen sogar burleske Heiterkeit ausdrückt, ja, dass man bei demselben Komponisten alle drei Stimmungen in dieser Tonart ausgedrückt findet, und dass er es doch für ganz unmöglich erklären würde, eines dieser Werke in eine andere Tonart zu setzen?

Mit dem Verstand ist keine symbolhafte Beziehung restlos zu fassen, und doch kann auch der Verstand nicht ihr Dasein und ihre Bedeutung leugnen, ja, er kann sogar die symbolischen Beziehungen, die freilich in der Regel im Unterbewussten und im Gefühlsleben keimen, bis zu gewissem Grad verständlich machen.

Das ist es, was hier versucht wird zu erklären. Wir blicken hinein in die bunte, vielförmige Welt der Dinge um uns herum, wir durchwandern die Räume unserer Wohnungen, die Straßen unserer Städte, die Landschaften, in denen wir leben, wir sehen ab von den praktischen Zwecken, denen all das zu dienen hat, wir fragen nur, in welchen Beziehungen das alles zur Seele der Menschen steht, die es hervorgebracht haben.

Denn das Eine zeigt sich alsbald: die Erklärung aus nutzhaften Zwecken, die rationale Erklärung, reicht nicht aus, um Entstehung und Art dieser Dinge begreiflich zu machen; denn allzu viel ist an ihnen, was scheinbar nutzlos, ja nutzwidrig ist und doch nicht bloß zufällig da sein kann.

Dazu nämlich passt all das zu merkwürdig zusammen; wir spüren in den verschiedenartigsten Dingen unserer Umwelt allzu deutlich, dass sie in eine Atmosphäre getaucht sind, die man mit den Augen nicht sehen kann, dass ein gemeinsamer ‚Stil‘ sie alle vereinigt, der aus gemeinsamer Quelle fließen muss, und diese Quelle kann nur die (menschliche) Seele sein.

Man kann einem einzelnen Symbol gegenüber zweifeln, welchen seelischen Tatbeständen es entkeimt: mehrere Symbole zusammen jedoch geben in der Regel mit fast eindeutiger Sicherheit Sinn und Wesen der Symbolik zu erkennen.

Es grenzt fast ans Mystische, wieweit sich in einer Linie oder in einer Melodie der ganze Charakter eines Künstlers entschleiern kann. Greifbar wird das jedoch erst, wenn man viele Melodien oder viele Linien zusammen nimmt.

Wohl liegt in jeder Melodie Mozarts, in jedem Ornament Berninis ihr ganzer Charakter, aber deutlich wird das erst sichtbar, wenn wir das Gemeinsame aufzeigen können, das in allen ihren Werken zutage tritt.

Es ist eine schlechte Graphologie, die aus herausgerissenen Zügen den Charakter deuten will: eine feine Schriftkunde blickt stets auf das Ganze der Handschrift, in dem das Einzelne erst Sinn erhält.

Dann aber künden uns die Symbole auch Beziehungen, die kein Verstand zu erfassen vermag.

Deutigkeit der Symbole – R.M.F – Alltagspsychologie 

Deutigkeit der Symbole

Deutigkeit der Symbole - R.M.F - AlltagspsychologieKein leichtes Unterfangen ist es, die Sprache der Symbole in die Sprache des Verstandes zu übertragen. Es ist, als wollte man die Töne der Musik mit Händen greifen.

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Autor: R.M.F

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