Der Mantel – 2 von 2 – Novelle

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Der Mantel – 2 von 2 – Novelle – Gogol

Wo der Beamte lebte, der die Gesellschaft gab, das weiß ich leider nicht genau zu sagen; mein Gedächtnis lässt mich jetzt oft im Stich, und Petersburgs Häuser und Straßen gehen alle in meinem Kopf so durcheinander, dass ich mich oft schwer darin zurechtfinde. Nur so viel weiß ich zu sagen, dass er im besten Viertel wohnte, also nicht sehr nahe von Akaki Akakiewitsch.

Zuerst musste dieser wohl noch durch öde Gassen mit spärlicher Beleuchtung schreiten, doch in dem Maße, als er sich der Wohnung des Gehilfen näherte, wurden die Straßen lebhafter, bewohnter und besser beleuchtet. Blitzschnell eilten Fußgänger an ihm vorbei, er sah schön gekleidete Frauen, die Herren trugen Biberkragen, das Auge begegnete hier nur ganz selten den hölzernen Bauernschlitten mit dem durchlöcherten Boden, hingegen flogen elegante Kutscher mit himbeerfarbenen Sammetmützen, lackierten Schlitten mit Bärendecken durch die Straßen, und die Kufen und Räder knirschten am Schnee.

Für Akaki Akakiewitsch war das alles neu; schon seit vielen Jahren war er abends nicht auf der Straße gewesen. Neugierig blieb er vor einem hell erleuchteten Laden stehen und sah darin ein Bild, eine hübsche Frau darstellend, die sich den Schuh auszieht und so ihr Bein sehen lässt; hinter ihr steckt ein Herr mit Backenbart und Fliege unter der Lippe den Kopf zur Tür hinein.

Akaki Akakiewitsch schüttelte den Kopf und lächelte und ging weiter. Und warum lächelte er? Weil er hier einer ihm ganz und gar fremden Welt zum ersten Mal begegnete, für die auch ihm das Gefühl nicht ganz fehlen konnte. Oder dachte er so wie alle anderen Beamten: »Diese Franzosen! Die verstehen das!?« Vielleicht dachte er auch das nicht. Ach, wir vermögen ja dem Menschen nicht in die Seele zu blicken und zu wissen, was er denkt.

Endlich erreichte er das Haus. Der Gehilfe lebte auf großem Fuß, die Treppe war erleuchtet, die Wohnung im zweiten Stock. Im Vorzimmer sah Akaki Akakiewitsch eine ganze lange Reihe Galoschen. Mitten unter ihnen dampfte ein Samowar. An den Wänden hingen die Mäntel, einige darunter mit Biberkragen oder Sammetaufschlägen. Hinter der Wand hörte man Lärm und Worte, die plötzlich klar und deutlich wurden, da sich die Tür öffnete und ein Diener heraustrat mit leeren Teegläsern, Sahne und einem Korb mit Zwieback auf der Tablett.

Die Gäste waren also schon einige Zeit beisammen und hatten das erste Glas Tee schon getrunken. Akaki Akakiewitsch ging, nachdem er seinen Mantel eigenhändig an die Wand gehängt hatte, ins Zimmer, und vor seinen Augen glänzten im Nu die Kerzen, die Beamtenuniformen, die Pfeifen und Kartentische, und seine Ohren waren betäubt vom Lärm des Gespräches und des Stuhlrückens.

Voller Scheu blieb er in der Mitte des Zimmers stehen und versuchte zu überlegen, was er denn weiter jetzt tun sollte. Doch kaum hatten ihn seine Kollegen bemerkt, als sie ihn mit großem Geschrei umringten und gleich auch hinaus ins Vorzimmer stürzten, um den Mantel noch einmal zu besichtigen.

Akaki Akakiewitsch war nicht wenig verlegen, doch konnte er in seiner Einfalt nicht anders als sich freuen, da er sah, dass alle diesen Mantel priesen. Es versteht sich von selber, dass sie seinen Mantel sowie auch ihn sogleich stehen ließen und sich an die Whisttische setzten. Alles, der Lärm, das Reden, die Menge Leute, war für den Titularrat wie ein Traum, und er wusste nicht, wie ihm sei und wohin er mit den Händen und Füßen und überhaupt mit dem ganzen Körper sollte.

Endlich setzte er sich an einen Whisttisch, sah bald in die Karten, bald von den Spielern dem oder jenem ins Gesicht, begann zu gähnen und fühlte, dass er sich langweile, um so mehr, als schon lange die Zeit gekommen war, da er zu Bett zu gehen pflegte. So wollte er sich verabschieden, doch das ließen sie nicht zu, er sollte noch mit ihnen ein Glas Champagner zu Ehren des neuen Mantels trinken.

Nach einer Stunde wurde auch das Abendessen serviert: Suppe, kalter Kalbsbraten, Pastete, Kuchen und Champagner. Akaki Akakiewitsch musste zwei Gläser Champagner mittrinken. Wenn er auch nach diesen fühlte, dass im Zimmer die Heiterkeit zunehme, so konnte er dennoch nicht vergessen, dass es schon zwölf Uhr und längst Zeit für ihn sei, nach Hause zu gehen. Damit sie sich aber nicht wieder etwas ausdachten, um ihn zurückzuhalten, ging er ganz leise und unbemerkt aus dem Zimmer und suchte nach seinem Mantel.

Nicht ohne Mitgefühl sah er diesen am Boden liegen, und so schüttelte er ihn erst durch, nahm jedes Federchen weg, zog ihn an und ging hinaus und die Treppe hinunter auf die Straße. Einige kleine Branntweinläden, diese unvermeidlichen nächtlichen Sammelpunkte für die Türsteher und ähnliche Leute, waren noch offen, andere, die geschlossen waren, ließen dünne Lichtstrahlen durch alle Türritzen und bewiesen damit, dass sie noch nicht leer wären und Bediente hier ihren Klatsch fortsetzten und über die Herrschaft zu Gericht säßen.

Akaki Akakiewitsch ging in heiterer Seelenstimmung, plötzlich war er sogar ganz von selber hinter einem Dämchen her, die wie ein Blitz an ihm vorbeigeschossen war und deren Körper ihm so merkwürdig beweglich vorkam. Doch blieb er bald zurück und ging wieder langsam weiter und war selber ganz erstaunt, wie er so plötzlich in den Trab gekommen wäre.

Bald zogen sich vor ihm jene langen, öden Straßen hin, die schon bei Tage uns düster zu stimmen vermögen. Jetzt schienen sie noch tiefer und einsamer; die Laternen kamen immer seltener, immer spärlicher wurde hier anscheinend das Öl ausgebracht. Schon kamen die Häuser und Zäune aus Holz. Nirgends eine Seele. Alles Licht kam vom Schnee auf der Straße, finster kauerten die niedrigen Hütten mit den geschlossenen Fensterläden.

Akaki Akakiewitsch kam jetzt dorthin, wo eine Straße einen schier endlosen Platz durchschnitt, man konnte die Häuser gegenüber nicht mehr sehen, der Platz glich einer grauenhaften Wüste. Weit, Gott weiß wo, leuchtete ein schwaches Feuer in einer Bude, als welche in einem Kreis von Licht zu stehen schien. Akaki Akakiewitschs gute Laune war weg. Er betrat den Platz nicht ohne ein gewisses Grauen, als ahnte sein Herz Böses.

Er sah sich um und zurück – das Meer lag um ihn. »Besser nicht umsehen,« dachte er und ging mit geschlossenen Augen weiter, und als er sie wieder öffnete, um zu sehen, wo er denn wäre, sah er vor seiner Nase Leute stehen mit Bärten; mehr konnte er nicht mehr unterscheiden. Da wurde es plötzlich dunkel vor seinen Augen, und er spürte einen Schlag auf seiner Brust. »Das ist ja mein Mantel,« rief einer von den Männern und packte den Titularrat am Kragen.

Akaki Akakiewitsch wollte nach der Wache schreien, als ihm ein Mann eine riesige Faust in den Mund stieß und rief: »Schrei nur!« Akaki Akakiewitsch fühlte, dass sie ihm den Mantel von den Schultern rissen und ihm eins mit den Knien versetzten, so dass er nach vorn in den Schnee fiel und nichts mehr von sich wusste. Nach einiger Zeit kam er zu sich und stand auf, doch war niemand mehr da. Er spürte, dass der Boden eiskalt und er ohne Mantel sei, und er wollte rufen, doch seine Stimme erreichte nicht einmal das andere Ende des Platzes.

In seiner Verzweiflung lief er schreiend über den ganzen Platz bis zur Bude. Der Wachtposten stand, auf seine Hellebarde gestützt, da und sah anscheinend nicht ohne Neugierde zu, wer zum Teufel mit solchem Geschrei auf ihn zugelaufen komme. Akaki Akakiewitsch schrie mit erstickter Stimme ihn an, dass er schlafe und gar nicht sehe, wie man die Leute vor seinen Augen beraube. Der Wachtposten bestand darauf, dass er nichts gesehen hätte, zum mindesten nicht mehr, als dass zwei Menschen ihn mitten am Platz stehengelassen hätten, er habe gemeint, es wären Freunde; der Herr sollte nur, statt ihn hier ganz umsonst anzuschreien, morgen zur Polizei gehen, dort werde man schon nach dem Diebe fahnden.

Akaki Akakiewitsch kam in vollständiger Unordnung zu Hause an; sein Haar, ohnehin nur mehr noch spärlich an der Schläfe und im Nacken, war zerzaust; die Seite, die Brust und die Hosen waren mit Schnee bedeckt. Seine alte Wirtin hörte ihn diesmal anders als sonst an der Tür klopfen, sprang eilig aus dem Bett und lief, nur mit einem Strumpf, ihm die Tür zu öffnen, während sie ihr Hemd keusch an die Brust hielt; doch ließ sie dieses gleich los, da sie den Titularrat in seiner traurigen Verfassung erblickte.

Und als sie nun vernahm, worum es sich handle, schlug sie die Hände zusammen und meinte, er müsse zum Polizeihauptmann, der Polizeileutnant sei eine Schlafmütze, mache Versprechungen und ziehe die Sache nur hinaus; sie kenne den Hauptmann, weil Anna, die Estin, die früher bei ihr in der Küche gewesen sei, jetzt bei ihm als Amme diene; auch sehe sie ihn selber öfters, wenn er am Haus hier vorbeifahre, im übrigen gehe er jeden Sonntag in die Kirche, sage sein Gebet und sehe dabei alle Leute sehr freundlich an, er sei jedenfalls nach allem, was man beobachten konnte, ein guter Mensch.

Akaki Akakiewitsch hörte ihr zu und ging, ohne ein Wort zu sagen, in sein Zimmer – wie er dort die Nacht verbracht hat, kann sich jeder denken, der sich an die Stelle eines anderen zu versetzen imstande ist. Am nächsten Morgen machte er sich gleich zum Polizeihauptmann auf. Man sagte ihm dort, der Polizeihauptmann schlafe. Er kam um zehn Uhr wieder: er schläft noch. Um elf Uhr hieß es, er sei nicht zu Hause.

Akaki Akakiewitsch kam um die Mittagsstunde – doch die Schreiber wollten ihn jetzt nicht einmal hereinlassen und mussten erst wissen, was ihn herbringe und was überhaupt geschehen sei, so dass Akaki Akakiewitsch endlich, wohl das erste Mal in seinem Leben, Mut bewies und in abgerissenen Sätzen erwiderte, er müsse den Polizeihauptmann persönlich sprechen, sie sollten es nur wagen, ihn nicht hereinzulassen, er komme aus dem Ministerium in einer dienstlichen Angelegenheit, er würde über sie alle, wie sie da wären, Beschwerde führen, und sie würden dann das Weitere schon sehen.

Dagegen konnten die Schreiber nichts mehr erwidern, und einer ging hinaus, den Polizeihauptmann zu holen. Dieser hatte nun eine ganz sonderbare Art, den Bericht entgegen zu nehmen. Statt auf die Hauptsache, den Raub des Mantels, einzugehen, fragte er Akaki Akakiewitsch, warum er so spät nach Hause gegangen sei und ob er nicht vielleicht gar in einem verrufenen Hause gewesen sei? so dass Akaki Akakiewitsch ganz verlegen wurde und hinaus eilte, ohne zu wissen, ob die Angelegenheit nun ihren Weg gehen werde oder nicht.

Er ging nicht ins Amt (das einzige Mal in seinem Leben); erst am nächsten Tag erschien er wieder dort, bleich, verstört und mit der alten Kapuze, die heute noch trauriger aussah. Die Kunde vom Raub des Mantels rührte wohl die meisten seiner Kollegen – natürlich fehlte es nicht an solchen, die auch diesmal die Gelegenheit nicht vorübergehen lassen wollten, sich über Akaki Akakiewitsch lustig zu machen.

Sie beschlossen auch, eine Kollekte zu veranstalten, doch es kam nur eine Kleinigkeit zusammen, weil sie eben große Auslagen gehabt hatten mit dem Porträt des Direktors und einem Buch, das sie auf Betreiben des Abteilungschefs, einem Freund des Verfassers, kaufen mussten.

Einer von ihnen beschloss, vom Mitleid bewegt, Akaki Akakiewitsch wenigstens mit einem guten Rat beizustehen und meinte, er solle nicht zum Polizeileutnant gehen, denn es könnte vorkommen, dass dieser, um sich beim Hauptmann beliebt zu machen, den Mantel auf die eine oder andere Art finde, dass der Mantel aber trotzdem auf der Polizei liegenbleibe. Nun wäre aber da eine hochstehende Persönlichkeit, an die sollte er sich wenden.

Vor dieser hochstehenden Persönlichkeit erschien also Akaki Akakiewitsch im allerungünstigsten Augenblick, will sagen: höchst ungünstig für sich selber, denn in einem gewissen Sinne kam er der hochstehenden Persönlichkeit ganz gelegen. Die hochstehende Persönlichkeit war in ihrem Kabinett und unterhielt sich sehr angeregt mit einer alten Bekannten und Jugendgespielin, die vor kurzem hier eingetroffen war und die er lange nicht gesehen hatte.

Und gerade in diesem Augenblicke musste auch der Diener melden, dass ein gewisser Baschmatschkin draußen warte. Der General fragte sehr scharf: »Wer?« Die Antwort: »Ein Beamter.« »Er soll warten, ich habe jetzt keine Zeit.« Hier muss ich gleich bemerken, dass die hochstehende Persönlichkeit da ganz einfach log, er hatte Zeit; die beiden hatten längst alles durchgesprochen und schon seit einiger Zeit die Unterhaltung mit leeren Phrasen zu füllen gesucht, wie: »Ja, ja, so war es nun einmal!« oder »Stefan, es geht nicht anders auf der Welt,« einander abwechselnd auf die Schultern klopfend.

Aber trotzdem ließ er den Beamten warten, damit nämlich die Jugendgespielin, die auf dem Dorf lebte, erfahre, wie lange hier die Beamten im Vorzimmer zu warten hätten. Erst nachdem sie sich in den sehr breiten, bequemen Fauteuils satt geredet, vielmehr ausgeschwiegen hatten, fiel der hochstehenden Persönlichkeit wie von ungefähr etwas ein, und er sagte zum Sekretär, der bei der Tür mit Schriften stand: »Draußen, scheint es, steht ein Beamter. Sagen Sie ihm, er kann herein!«

Da er nun das demütige Gesicht des Akaki Akakiewitsch und dessen abgetragene Uniform sah, kehrte er sich ihm zu und schrie ihn ohne weiteres an: »Was wollt Ihr?« Mit seiner schneidenden, harten Stimme, die er zu Hause im Zimmer ganz allein vor dem Spiegel geprobt hatte, eine Woche schon, bevor er seinen jetzigen Posten und den Generalsrang erhalten hatte.

Akaki Akakiewitsch fühlte auch so die gebührende Ehrfurcht, war gleich verwirrt und erzählte, soweit Redefreiheit ihm erlaubt war, dass sein Mantel ganz neu, dass er auf eine ganz unmenschliche Weise beraubt worden wäre, dass er sich jetzt an seine Exzellenz wende, damit seine Exzellenz durch seine Fürsprache etwa … damit er sich in Verbindung setze mit dem Herrn Oberpolizeimeister oder sonst jemandem von der Polizei und auf diese Weise nach dem Mantel gesucht werde.

Seiner Exzellenz erschien nun diese Sprache zu familiär. »Was heißt denn das, mein Herr,« unterbrach er ihn, »kennen Sie nicht die Vorschrift? Wohin sind Sie denn überhaupt gekommen? Wissen Sie nicht, wie man in einem solchen Fall vorzugehen hat? Sie hätten zuerst ein Bittgesuch in der Kanzlei einreichen sollen, so wäre es zuerst in die Hände des Kanzleivorstehers gekommen, dieser hätte es dem Sekretär übergeben, und der Sekretär hat es dann mir auszuhändigen.«

»Ach, Eure Exzellenz,« erwiderte Akaki Akakiewitsch, indem er alles, was er an Mut in seiner Seele barg, herausholte und fühlte, dass er ganz entsetzlich schwitze, »ich war so frei, Eure Exzellenz selber damit zu belästigen, weil die Sekretäre … weil sich auf die Sekretäre doch kein Mensch auf der Welt verlassen kann!«

»Was, was, was?« rief die hochstehende Persönlichkeit. »Woher dieser Geist? Woher solche Gedanken? Welcher Geist des Aufruhrs unter den jungen Leuten gegen ihre Vorgesetzten!« (Die hochstehende Persönlichkeit schien gar nicht zu bemerken, dass Akaki Akakiewitsch schon seine fünfzig Jahre beisammen hatte und dass er nur im Vergleich zu einem Siebzigjährigen etwa noch jung genannt werden konnte.)

»Wissen Sie überhaupt, zu wem Sie reden? Wissen Sie, wer vor Ihnen steht? Wissen Sie das oder nicht, frage ich?« Hier stampfte die Exzellenz mit dem Fuß auf den Boden und schrie so laut, dass sich auch ein anderer als Akaki Akakiewitsch gefürchtet hätte. Akaki Akakiewitsch verging vor Angst, zitterte am ganzen Körper und konnte sich kaum auf den Beinen halten; wenn die Diener ihn nicht gehalten hätten, wäre er zu Boden gesunken; sie trugen ihn wie leblos hinaus.

Die hochstehende Persönlichkeit, zufrieden damit, dass der Erfolg seine Erwartungen übertroffen, ja berauscht von dem Gedanken, dass ein Wort von ihm einen Menschen des Bewusstseins zu berauben vermochte, sah die Freundin von der Seite an, um sich zu vergewissern, wie diese sich dabei benehme, und er sah nicht ohne Vergnügen, dass diese Freundin sich äußerst unbehaglich fühlte und seinerseits auch schon Angst zu spüren begann.

Wie er die Treppe herunter, wie er weiter auf die Straße gekommen sei, daran konnte Akaki Akakiewitsch sich nicht mehr erinnern. Er spürte weder Hand noch Fuß; in seinem ganzen Leben war er noch nicht von einem General angeschrien worden, noch dazu von einem fremden. Auf der Straße wehte der Schnee, Akaki Akakiewitsch ging mit offenem Mund, der Wind blies wie immer in Petersburg von allen vier Seiten, im Nu hatte er sich erkältet, so kam er zu Hause an, ohne die Kraft zu haben, auch nur ein Wort zu sagen. Er fror und legte sich ins Bett.

Am nächsten Tag lag er im Fieber. Dank dem großmütigen, hilfsbereiten Petersburger Klima schritt die Krankheit schneller voran, als man sonst hätte erwarten dürfen, und nachdem der Doktor ihm den Puls gefühlt hatte, fand er nichts anderes mehr zu tun, als ein Rezept zu schreiben, nur damit der Kranke nicht ganz ohne die wohltätige Hilfe der Medizin sei, und erklärte ihm auch, dass er nicht mehr als höchstens zwei Tage werde zu leben haben. Und sich zur Wirtin kehrend, setzte er hinzu: »Und Ihr, Alte, verliert nur keine Zeit und bestellt lieber gleich einen Sarg aus Fichtenholz; einer aus Eiche ist für ihn sowieso zu teuer.«

Hatte Akaki Akakiewitsch diese für ihn so überaus trostreichen Worte gehört oder nicht, haben sie ihn zu erschüttern vermocht, bedauerte er jetzt sein sorgenreiches, erbärmliches Leben – niemand vermag es zu sagen, denn Akaki Akakiewitsch befand sich die ganze Zeit über im Delirium. Ein Gesicht nach dem anderen ohne Unterbrechung jagte durch sein Gehirn: Petrowitsch erschien ihm, und er bestellte bei ihm einen Mantel, in- und auswendig voll von Fallen gegen die Diebe; diese lagen unter dem Bett, und er schrie nach der Wirtin, sie sollte einen von ihnen unter seiner Bettdecke, wohin dieser schon geraten sei, hervorziehen.

Dann fragte er, warum vor ihm die alte Kapuze hänge, da er jetzt doch einen neuen Mantel besäße; auch schien ihm, er stünde vor dem General und ließ sich herunterreißen und sagte nur immer wieder: Verzeihung, Exzellenz, Verzeihung! Dann wieder fluchte er und nahm so entsetzliche Worte in den Mund, dass sich die Wirtin bekreuzigte; noch nie hatte sie solche Worte aus diesem Mund vernommen, und jetzt folgten diese Flüche stets unmittelbar auf: »Eure Exzellenz«. Später sprach er nur mehr noch ganz sinnloses Zeug, man konnte nur unterscheiden, dass sie alle sich um ein und denselben Mantel drehten. Endlich gab der arme Akaki Akakiewitsch seinen Geist auf.

Weder seine Zimmer noch irgendwelche Sachen darin wurden mit dem staatlichen Siegel versehen, denn erstens hatte er keine Erben und zweitens hinterließ er nur sehr wenig und zwar: ein Bündelchen mit Gänsefedern, ein Buch Amtspapier, drei Paar Socken, zwei bis drei abgerissene Hosenknöpfe und dann die dem Leser bekannte Kapuze. Wem das alles blieb, weiß Gott; ich gestehe, dass ich mich auch weiter darum nicht gekümmert habe.

Sie trugen Akaki Akakiewitsch heraus und begruben ihn. Und Petersburg blieb nun ohne Akaki Akakiewitsch, als wie wenn er niemals in dieser Stadt gelebt hätte. Mit ihm verschwand und verbarg sich für ewig ein Geschöpf, das keines Menschen Schutz genossen hatte, niemandem teuer und für niemand von irgendwelchem Interesse und nicht einmal die Aufmerksamkeit eines Naturforschers auf sich zu ziehen imstande war, als welcher es ja nicht einmal verschmäht, eine gemeine Fliege aufzuspießen und unter dem Mikroskop zu betrachten.

Ergeben hatte er den Hohn seiner Kollegen ertragen und stieg, ohne irgendeine außerordentliche Tat verrichtet zu haben, ins Grab hinab. Doch auch er ist einmal, ganz kurz vor seinem Lebensende, im Licht gestanden, und der Mantel hatte für einen Augenblick sein armseliges Leben reich gemacht, und dann fiel ihn das Unglück an, nicht anderes als es die Mächtigen der Erde anfällt.

Einige Tage nach seinem Tod wurde aus dem Ministerium ein Diener in sein Quartier geschickt mit dem Befehl, sofort zu erscheinen, der Vorstand will es; doch kam der Amtsdiener ohne ihn zurück mit der Antwort, Akaki Akakiewitsch könne nicht mehr kommen. Auf die Frage: warum? erwiderte er: »Darum, er ist tot; vor vier Tagen haben sie ihn begraben.«

So erfuhren sie im Amt den Tod des Akaki Akakiewitsch, und am nächsten Tag saß schon ein neuer an seiner Statt; dieser war viel größer und schrieb die Buchstaben bei weitem nicht mehr in so gerader Linie, sondern eben viel schiefer.

Doch wer kann sich vorstellen, dass hier noch nicht alles von Akaki Akakiewitsch gesagt ist, dass dieser vielmehr verurteilt war, noch einige Tage fortzuleben nach seinem Tode, gleichsam zum Ersatz dafür, dass sein Leben so unbemerkt geblieben war. Es hatte sich jedenfalls so zugetragen, und unsere nüchterne Erzählung nimmt jetzt ganz unerwartet ein phantastisches Ende.

In Petersburg entstand plötzlich das Gerücht, dass in der Umgebung der Kalinkinbrücke sich nachts ein Gespenst zeige, es gleiche einem Beamten, der so tue, als ob er einen Mantel suchte, den man ihm genommen hätte, und nun von allen Schultern, ohne Unterschied des Ranges und Berufes, in der Meinung, es sei sein eigener, alle Mäntel reiße, ob diese nun mit Katzen-, Biber-, Fuchs-, Nerz- oder Bärenfell oder auch nur mit Watte gefüttert wären.

Ein Ministerialbeamter sah mit eigenen Augen das Gespenst und erkannte in ihm sofort Akaki Akakiewitsch, und er bekam davon einen solchen Schrecken, dass er auf und davon stürzte, das Gespenst nicht genauer betrachten konnte und nur sah, wie dieses ihm mit dem Finger drohte.

Von allen Seiten liefen Klagen ein, dass nicht nur Titular-, sondern auch Hofräte von einer tüchtigen Erkältung befallen wären, weil ihnen der Pelz von den Schultern gerissen worden wäre. Die Polizei machte Anstalten, des Gespenstes tot oder lebendig habhaft zu werden und hatte den Beschluss gefasst, dieses aufs strengste, anderen zur Warnung, zu bestrafen, doch blieb jede Bemühung ohne Erfolg.

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Bewertung: 4 von 5.
Der Mantel
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Der Mantel - 2 von 2 - Novelle - Gogol - Wo der Beamte lebte, der die Gesellschaft gab, das weiß ich leider nicht genau zu sagen; mein Gedächtnis lässt mich jetzt oft im Stich, und Petersburgs Häuser und Straßen gehen alle in meinem Kopf so durcheinander, dass ich mich oft schwer darin zurechtfinde.

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Autor: Nikolai Gogol

Bewertung des Redakteurs:
4

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