Unterscheidung · Das Wahre und das Falsche · Hegel & Goethe
Am 16.10.1827 war Georg Wilhelm Friedrich Hegel bei Goethe in Weimar. Goethe schätzte Hegel persönlich sehr, auch wenn einige seiner Philosophie entsprossenen Früchte ihm nicht sonderlich mundeten.
Goethe gab Hegel zu Ehren an diesem Abend einen Tee, wobei das Gespräch auf das Wesen der Dialektik kam.
»Es ist im Grunde nichts weiter«, sagte Hegel, »als der geregelte, methodisch ausgebildete Widerspruchsgeist, der jedem Menschen innewohnt, und welche Gabe sich als groß erweist in der Unterscheidung des Wahren und Falschen.«
»Wenn nur«, fiel Goethe ein, »solche geistigen Künste und Gewandtheiten nicht häufig missbraucht und dazu verwendet würden, um das Falsche wahr und das Wahre falsch zu machen!«
»Dergleichen geschieht sehr oft wohl«, erwiderte Hegel, »aber nur von Leuten, die geistig krank sind.«
»Da lobe ich mir«, sagte Goethe, »das Studium der Natur, das eine solche Krankheit nicht aufkommen lässt! Denn hier haben wir es mit dem unendlich und ewig Wahren zu tun, das jeden, der nicht durchaus rein und ehrlich bei Beobachtung und Behandlung seines Gegenstandes verfährt, sogleich als unzulänglich verwirft.«
»Auch bin ich gewiss, dass mancher dialektisch Kranke im Studium der Natur eine wohltätige Heilung finden könnte.«