Über- und Individuelles Leben

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Über- und Individuelles Leben – R.M.F – Alltagspsychologie

Einem gewichtigen Einwand noch müssen wir hier begegnen, der sich angesichts der Tatsache, dass wir als letztes Wertkriterium alles menschlichen Handelns und Denkens das »Leben« hinstellen, erheben muss. Geraten wir doch scheinbar in unlösbaren Konflikt mit der anderen Tatsache, dass alle große Ethik und Religion gerade dem Tod die höchste Würde zu leihen bestrebt war, dass man immer wieder gelehrt hat, nur der gewinne sein Leben, der es dahin zu geben wisse für eine große Sache, ja dass man nicht nur im Tod sich opfern müsse für edle Sachen, sondern dass nur das das wahre Leben sei, das sachlich orientiert wäre.

Alles das erkennen wir an und sind weit davon entfernt, eine Weltanschauung egoistischen Genießertums, eine »Wohllebensphilosophie«, zu lehren; im Gegenteil, bereits unsere bisherigen Darlegungen mussten zeigen, dass wir nicht in Verlüstelung und egoistischer Vereinzelung den Wert des Lebens sehen: wir betonen vielmehr mit allem Nachdruck, dass das Leben sich zwar individualisierend betrachten lässt, dass jedoch daneben das Leben eine überindividuelle Macht ist, die auf alle Individuen in der vielfältigsten Weise übergreift. Wir betonten gleich eingangs, dass der Mensch in der Isolierung, wie wir ihn zunächst beleuchteten, eine reine Abstraktion ist, dass wir nur aus methodischen Gründen ihn vorläufig so betrachteten. Wir weisen nun jetzt mit allem Nachdruck darauf hin, dass fast alle Triebe des Menschen nur in ihrem einen Pol in seinem individuellen Ich verwurzelt sind, dass sie aber fast alle in die Außenwelt und die Mitwelt des Ichs hinaus streben.

Indem wir uns fürchten oder bereichern, indem wir lieben und hassen, ja indem wir uns ernähren und fortpflanzen, sind wir niemals in unseren Tätigkeiten auf das Ich allein beschränkt, sondern stehen in engster Beziehung mit außerichlichen Wesenheiten, so dass wir sagen können, das Ich braucht mehr zum Leben als das Ich, es ist Ich überhaupt nur, indem es mit dem Nicht-Ich in Beziehung steht, dem Nicht-Ich, das sich zusammensetzt einerseits aus anderen Individualitäten und Gruppen von solchen und andererseits der unbelebten Welt der Dinge und Geschehnisse, die alle zusammen das ausmachen, was wir die »Außenwelt« nennen, und was doch stets für unser Leben unentbehrlich ist, ja einen wesentlichen Faktor unseres Lebens bildet.

Haben wir aber erst verstanden, dass das Leben nicht bloß Sache des Ichs ist, dass das Ich, wie es fremden Lebens bedarf, auch fremden Ichen dient, dass das Leben überhaupt ein überindividuelles Ganzes ist, dass man das Leben des Einzelmenschen nur versteht, wenn man es auch in solchen Zusammenhängen sieht, dann verliert auch das Dilemma, das wir berührten, sein drohendes Gesicht für uns.

Dann verstehen wir, warum das Individuum nicht der Sinn des Welt sein kann, und warum sein Tod nicht der Übel größtes ist, ja dass oft genug und mit Recht gefordert wird, dass das Individuum sein Leben opfere für das Leben einer Gesamtheit, dass man das Leben nur gewinnt, indem man es einsetzt für Werte, die außerhalb dieses individuellen Lebens liegen. Nicht dass das Individuum dauere, ist der Wille des Lebens, sondern dass der Strom des Lebens überhaupt flute, wachse und immer reichere Formen hervor bringe.

So kommen wir auch von unserer Lebenslehre aus zum Verständnis der merkwürdigen Tatsachen, dass man das Leben opfern solle für Werte, die dem Leben in gewissem Sinn übergeordnet sind, für Dinge und Ideen, die selbst leblos sind. So weiht der Künstler sein Leben, oft bis zum körperlichen und seelischen Zusammenbruch, der Schöpfung von steinernen Statuen oder mit Farben bestrichener Leinwand; so weiht der Forscher sein Leben der Entdeckung begrifflicher Formeln oder der Ausgrabung uralter Mumien und Särge; so dient der Beamte dem Staat in treuer Pflichterfüllung, damit eine Ordnung herrsche, eine Organisation bestehe, die letzten Endes aus Satzungen, Rechtsregelungen und Machtbefugnissen besteht, die selber nicht lebendig sind, aber doch zum Leben gehören.

Das alles ist kein Widerspruch gegen das Lebensprinzip; denn da das Leben zu seinem Bestehen zahlloser nichtlebendiger Dinge bedarf, so können auch diese nichtlebendigen Dinge wieder lebensfördernd und lebensteigernd wirken, gehören also selbst in den Bereich des Lebens. Zugegeben, dass zuweilen der Zusammenhang mit dem Leben sich lockert, dass sich der Fleiß des Forschers auf wertlose Dinge richtet, dass der Künstler tote Werke hervorbringt, dass der Staat zur lebensfeindlichen Maschine erstarrt: aber warum sind solche Verirrungen »wertlos«? Weil sie den Kontakt mit dem Leben verloren haben!

Der »Wert«, gewiss dem individuellen Leben übergeordnet, ist es doch nicht, im Gegenteil, das »Leben« in jenem hohen, alles übergreifenden Sinn ist der mütterliche Boden, von dem alle Gebilde der Menschen ihre Kraft und ihre Würde erhalten müssen, und in diesem Sinn sind wir berechtigt, im »Leben« das letzte Prinzip alles Handelns und Denkens zu sehen.

Über- und Individuelles Leben – R.M.F – Alltagspsychologie

Über- und Individuelles Leben

Über- und Individuelles Leben – R.M.F – Alltagspsychologie - Einem gewichtigen Einwand noch müssen wir hier begegnen, der sich angesichts der Tatsache, dass wir als letztes Wertkriterium alles menschlichen Handelns und Denkens das »Leben« hinstellen, erheben muss

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Autor: R.M.F

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