77 · Soziale Bedeutung der Entselbstung

Soziale Bedeutung der Entselbstung · Alltagspsychologie

Die im letzten Kapitel behandelten Tatsachen haben das gradlinige Bild des Lebens, das wir zunächst entwarfen, wohl stark kompliziert und vervielfältigt, aber sie heben es nicht auf.

Schien es uns zunächst und lässt sich auch vielfach erweisen, dass sich das ICH in Gesten und Symbolen mit eindeutiger Notwendigkeit einen Ausdruck schafft, so lernten wir zuletzt verbreitete Lebensformen kennen, in denen jene Eindeutigkeit aufgehoben, jene Notwendigkeit durchbrochen scheint.

Aber es scheint bloß so, und zwar darum, weil das ICH nicht so einfach und einheitlich ist, wie wir zunächst annahmen.

Die scheinbare Widersprüchlichkeit liegt nicht so sehr im Ausdruck und der Symbolik selbst als in dem sich ausdrückenden und sich symbolisierenden ICH, das zwar einen dominierenden und relativ dauernden Charakter haben kann, in dem jedoch stets eine Menge von Unter- und Gegenströmungen vorhanden sind, die sich auch Ausdruck und Symbolik verschaffen, und oft solche, die den normalen Äußerungen entgegengesetzt sind.

Mit anderen Worten, wir sind nicht immer wir selbst, das, was wir für unser wahres Selbst oder unsere Persönlichkeit halten, sondern innerhalb unseres ICH wirken Mächte, die wir, als unserem Selbst entgegengesetzt, fremd, ja feindlich empfinden, und die dieses Selbst ausschalten möchten, sei es zugunsten fremder ICH-Vorstellungen, sei es durch Aufhebung aller ICH-Grenzen überhaupt, sei es durch innere Umgestaltung des Selbst.

Das alles ist nicht bloß ästhetisches Spiel, obwohl es oft als solches betrieben wird, sondern soziale Notwendigkeit.

Denn das Leben als Gemeinschaftsleben der Menschen untereinander ist nicht möglich bei starrer Behauptung einer exklusiven ICH-Position, sondern erfordert mannigfachste Anpassungen, die nur möglich sind dadurch, dass das ICH bis zu gewissem Grad sich seiner selbst entäußert.

Unser ICH muss elastisch sein, muss sich anpassen und fremde, vor allem überindividuelle Strebungen des Lebens in sich aufnehmen.

Soziale Gemeinschaft ist etwas anderes als Summierung von monadenhaft abgeschlossenen ICH-en, sie fordert Überwindung der ICH-Grenzen, dass wir eingehen in WIR-Verbindungen, dass wir uns hinein versetzen in fremde Du-Welten, ja, dass wir unpersönliche Träger überpersönlicher Mächte werden.

Soziale Bedeutung der Entselbstung · Alltagspsychologie · Monade

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Autor: R.M.F

Bewertung des Redakteurs:
4

Wer sich nicht selbst befiehlt, bleibt immer Knecht.

Johann Wolfgang von Goethe