Gesinnung und Diktatur – Hermann Hesse

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Gesinnung und Diktatur – Hermann Hesse – Gesellschaft

Viele Male habe ich zugesehen, wie ein Saal voll Menschen, eine Stadt voll Menschen, ein Land voll Menschen von jenem Rausch und Taumel ergriffen wurden, bei dem aus den vielen Einzelnen eine Einheit, eine homogene Masse wird.

Ich habe viele Male zugesehen, wie alles Individuelle erlischt und die Begeisterung der Einmütigkeit, des Einströmens aller Triebe in einen Massentrieb Hunderte, Tausende oder Millionen mit einem Hochgefühl erfüllt, einer Hingabelust, einer Entselbstung und einem Heroismus, der sich anfänglich in Rufen, Schreien, Verbrüderungsszenen mit Rührung und Tränen äußert, schließlich aber in Krieg, Wahnsinn und Blutströmen endet.

Vor dieser Fähigkeit des Menschen, sich an gemeinsamen Leid, gemeinsamem Stolz, gemeinsamem Hass, gemeinsamer Ehre zu berauschen, hat mein Individualisten- und Künstlerinstinkt mich stets aufs heftigste gewarnt.

Wenn in einer Stube, einem Saal, einem Dorf, einer Stadt, einem Land dieses schwüle Hochgefühl spürbar wird, dann werde ich kalt und misstrauisch, dann schaudere ich und sehe schon das Blut fließen und die Städte in Flammen stehen, während die Mehrzahl der Mitmenschen, Tränen der Begeisterung und Ergriffenheit in den Augen, noch mit dem Hochrufen und der Verbrüderung beschäftigt ist.

Gesinnung und Diktatur – Hermann Hesse – Gesellschaft – Essay

Gesinnung und Diktatur
Gesinnung und Diktatur

Gesinnung und Diktatur – Hermann Hesse – Gesellschaft - Viele Male habe ich zugesehen, wie ein Saal voll Menschen, eine Stadt voll Menschen, ein Land voll Menschen von jenem Rausch und Taumel ergriffen wurden, bei dem aus den vielen Einzelnen eine Einheit, eine homogene Masse wird.

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Autor: Hermann Hesse

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