Die Rose von Homers Grab

96

Die Rose von Homers Grab – Hans Christian Andersen – Märchen

In vielen Liedern des Orients erklingt die Liebe der Nachtigall zu der Rose. In den schweigenden, sternklaren Nächten bringt der geflügelte Sänger seiner duftenden Blume eine Serenade dar.

Nicht weit von Smyrna, unter den hohen Platanen, wo der Kaufmann seine belasteten Kamele treibt, die stolz ihre langen Hälse erheben und schwerfällig über eine Erde stampfen, die heilig ist, sah ich eine blühende Rosenhecke. Wilde Tauben flogen zwischen den Zweigen der hochstämmigen Bäume, und die Flügel der Tauben glänzten, wenn ein Sonnenstrahl darüber hin glitt, als seien sie aus Perlmutter gemacht.

In der Rosenhecke war eine Blüte von allen die schönste, und für sie sang die Nachtigall von ihrem Liebesschmerz, aber die Rose war stumm, nicht ein Tautropfen lag, wie eine Träne des Mitleidens, auf ihren Blättern, sie neigte sich auf ihrem Zweig über einige große Steine.

»Hier ruht der Erde größter Sänger!« sagte die Rose, »über seinem Grab will ich duften, meine Blätter will ich darauf verstreuen, wenn der Sturm sie mir abstreift. Der Ilias‘ Sänger wurde zu Erde in dieser Erde, aus der ich sprieße!«

»Ich, eine Rose von Homers Grab, bin zu heilig, um für eine armselige Nachtigall zu blühen!«

Und die Nachtigall sang sich zu Tode!

Ein Kameltreiber kam mit seinen beladenen Kamelen. Sein kleiner Sohn fand den toten Vogel und beerdigte ihn in Homers Grab; und die Rose bebte im Wind. Der Abend kam. Die Rose faltete ihre Blätter dichter zusammen und träumte.

Sie träumte, es wäre ein herrlicher Sonnentag. Eine Schar fremder Menschen kam her, sie hatten eine Pilgerreise zu Homers Grab gemacht. Unter den Fremden war ein Sänger aus dem Norden, aus der Heimat der Nebel und Nordlichter. Er brach die Rose, presste sie in einem Buch und nahm sie so mit sich nach einem anderen Weltteil hinüber, mit nach seinem fernen Vaterland.

Und die Rose welkte vor Kummer und lag in dem engen Buch, das er in seinem Heim öffnete, und er sagte: »Hier ist eine Rose von Homers Grab.«

Sieh, das träumte die Blume und sie erwachte und zitterte im Wind. Ein Tautropfen fiel von ihren Blättern auf des Sängers Grab.

Da ging die Sonne auf, und die Rose blühte schöner als zuvor. Der Tag wurde heiß, es war ja im heißen Asien.

Da schallten Fußtritte, fremde Menschen kamen, wie sie die Rose im Traum gesehen hatte, und unter diesen Fremden war ein Dichter aus dem Norden.

Dieser brach die Rose, drückte einen Kuss auf ihren duftenden Blütenkelch, und führte sie mit sich in die Heimat der Nebel und der Nordlichter.

Wie eine Mumie ruht nun die Blumenleiche in seiner Ilias, und wie im Traum hört sie ihn das Buch öffnen und sagen: »Hier ist eine Rose von Homers Grab!«

Die Rose von Homers Grab – Hans Christian Andersen – Märchen

Die Rose von Homers Grab
Die%2BRose%2Bvon%2BHomers%2BGrab Andersen 1

Die Rose von Homers Grab - Hans Christian Andersen - Märchen - In vielen Liedern des Orients erklingt die Liebe der Nachtigall zu der Rose. In den schweigenden, sternklaren Nächten bringt der geflügelte Sänger seiner duftenden Blume eine Serenade dar.

URL: https://aventin.de/die-rose-von-homers-grab/

Autor: Hans Christian Andersen

Bewertung des Redakteurs:
4

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

20 − 7 =