Der Kormoran – Jean de La Fontaine

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Der Kormoran – Jean de La Fontaine – Fabel Vertrauen

Ein Kormoran, ein wahrer Wassergeier,
ließ keinen Teich und keinen Weiher
rings in der Nachbarschaft,
den er nicht ausgefischt.

Allein, der Kormoran war alt,
sein Auge schwach, sein Schnabel stumpf,
und kalt sein Blut.

Und da es ihm an Netz und Reusen fehlte,
so quälte bald bitterer Hunger ihn.
Allein die Not gab ihm zum Glück
noch eine Kriegslist ein;
denn Not, sagt die Sentenz, bricht Eisen,
Not macht den Dummen oft zum Weisen.

Es sah einmal der Kormoran
am Ufer einen Krebs spazieren.
»Hör!« spricht er. »Sei so gut mein Alter,
und sag dem ganzen Wasservolke an,
es solle sich beizeiten retirieren (flüchten).
In vierzehn Tagen wolle man den Teich ablassen.«

»So? » Der Krebs eilt, was er kann und schlägt Lärm.
»Was ist zu tun? Wer ratet und wer rettet?«
Zuletzt schickte man zum Kormoran:
»Wisst Ihr es denn gewiss? Und hättet
Ihr keinen Ausweg, keinen Rat?
So helft uns doch!«

»Ich kann euch nichts versagen,
vertraut euch mir!
Ich will euch, eins bei eins,
in meine sichere Wohnung tragen.
Da seid ihr vor dem Blick der Welt,
des Sonnenscheins geborgen.
Wasser gibt’s bei mir in Menge,
so kommt ihr denn mit eins bei eins
zu mir aus eurem Gedränge.«

Das Wasservolk hat eben nicht
in Klugheit schwer geladen,
und spricht mit Freuden ja!
Spricht ja sich zum Ruine!

Der Kormoran, mit heuchlerischer Miene,
schleppt nun seine Beute,
Fisch bei Fisch, zu seinem Weiher hin
und deckt damit auf Jahre seinen Tisch.
Er braucht nur mit dem Schnabel langen,
kein Fischen kann ihm hier entgehn.

Zu spät lernt jedes nun,
betrogen und gefangen:
Man traue nicht dem Wort der Mächtigen.
Sie mögen sich auch noch so gut
und bieder stellen,
sie sehn die Kleinen doch als Fische an
und handeln in den meisten Fällen
wie unser alter Kormoran.

Der Kormoran – Jean de La Fontaine – Fabel Vertrauen

Der Kormoran
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Der Kormoran - Jean de La Fontaine - Fabel Vertrauen - Ein Kormoran, ein wahrer Wassergeier, ließ keinen Teich und keinen Weiher rings in der Nachbarschaft, den er nicht ausgefischt.

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Autor: Jean de la Fontaine

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