Winternacht – Manfred Bieler

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Winternacht – Manfred Bieler – Story – Winter – Nacht

Zerbst lag im Schlaf. Der Schnee reichte bis an die Stadtmauern, wölbte sich über die Nuthe, wo sie am schmalsten war und zerfiel hinter den Toren in die Kettenspuren der Trecker und die Waffelabdrücke der Personenwagen.

Schnee war an den Bürgersteigen zu halbmeterhohen Wällen gehäufelt und schien erst über den Ruinen wieder zu dem zu werden, was der Herrgott mit ihm bei seiner Erfindung vorgehabt hatte: dass er als eine Art Decke für ein Vierteljahr in Anhalt, woanders auch länger oder gar nicht, alles zudecken sollte, was anzusehen beschwerlich und so müde machend war.

Ja, er deckte alles zu, der Schnee. Auch dort, wo die Wagen fuhren, fiel er über Nacht aus den Wolken und deckte alles so lange zu, bis am Morgen die städtische Reinigung kam mit ihrem Pflug.

Unter dem Schnee lagen die Häuser, und in den Häusern waren die Wohnungen der Menschen, die Stuben der Familien und die Ställe fürs Vieh. Das Vieh und die Menschen schliefen nachts, aber viele konnten nicht schlafen, weil sie an den anderen Tag dachten oder überhaupt an die Zukunft, die kommen würde wie die städtische Reinigung mit dem Pflug.

Sie wälzten sich hin und her und um und um, und die dritten lagen auf den Frauen, und wieder andere tranken Schnaps, und manche schliefen auch wie die Menschen anderswo oder wie das Vieh.

Doch viele bewegten sich eben, und es war keine richtige Ruhe unter der Decke, denn selbst die, die schliefen, rührten sich oft im Schlaf, als ob ihnen was auf der Brust oder auf dem Rücken läge wie ein Alpdrücken oder wie Nickert, der Unhold, persönlich. Sie warfen die Schultern herum und träumten.

Lagen sie aber wach und dachten über ihr Leben nach, sahen sie oft den Tod. Nicht dass sie Angst vorm Sterben gehabt hätten. Wohl nur wenige. Sie fürchteten eher das ungute Gefühl, das sie mit hinübernehmen würden, wenn es soweit war. Nicht weil sich keiner ihrer Träume erfüllt hatte – wer erwartete das schon?

Kaum die Träumer, wenn sie träumten, waren ihrem Traum so nah, dass sie ihn fassen konnten. Das war es nicht. Niemand hatte sie schließlich gefragt, ob sie auf diese Welt und nach Zerbst geboren werden wollten – der Wegtritt müsste also einfach sein: ein Atem zu wenig, ein Schritt zu viel, zu weit, zu nah, zu lang, zu kurz, der Raum stülpt in die Zeit, Zeit wird Allgegenwart – ein kostbarer Gedanke.

In den Mythen aller Völker, Völker, die Kontinente beherrschten oder Wälder von der Größe eines Kontinents, Savannen und Steppen, in denen Platz für England wäre, Völker mit Kalifaten, Karawansereien, Stränden und einem Stillen Ozean, gab es Gott, Götter, die Unsterblichkeit. Aber gestern abends sprach ein Mann aus Langenwetzendorf bei Zeulenroda im >>Volkshaus<< und sagte, das sei ein Irrtum. In den Provinzen Anhalt, Thüringen, Sachsen, Brandenburg und Mecklenburg gebe es keinen Gott.

Wohin werden wir blicken, wir Zerbster, wenn wir hinübergehen? Der alte Mann mit dem weißen Bart war tot. Er hatte ausgedient. Er war entlassen worden, nicht einmal in Ehren. Er hatte den Saum seines Mantels angehoben, aus dem die Erde, die Sterne, das Wasser und das feste Land gefallen waren, und war davon gegangen, zu anderen Völkern, weit weg, niemand wusste, wohin.

Also in die Leere würden die Toten blicken, die sich jetzt noch unter der Schneedecke und unter der Bettdecke wälzten. Und so eine Vorstellung machte manche auch sehr unruhig, und unter diesen waren wieder welche, die nicht einmal der Leere ihre Leere glaubten, sondern fürchteten, sie könnte, so leer sie auch war, von gelispelten Trinksprüchen, geschrienen Kommandos, geseufzten Zusagen und gelallten Geständnissen erfüllt sein, und wieder warfen jene sich auf die andere Seite oder betteten den Kopf vom schweißnassen Kissen aufs kühlere Laken.

Zerbst schlief, aber es wälzte sich im Schlaf. Den einen drückte die Liebe, den anderen die Verordnung über den innerdeutschen Handelsverkehr, den dritten das Buntmetallgesetz, den vierten der imaginäre Zeh des im Krieg verlorenen Beins, den fünften die Mitschuld am Einbruch in den Bahnhofskiosk, den sechsten die Schwarzschlachtung eines deutschen Sattelschweins, den siebenten die Erinnerung an einen verratenen Freund, und so drückte es weiter und fort, bis es zehn, hundert, tausend, zwanzigtausend Schläfer drückte, die Kinder eingerechnet.

Nun fingen sie an, die Wolken zu zählen, die über den Himmel ihrer geschlossenen Augen flogen, erst langsam und schwer, dann flüssig und leicht, oder ließen die Schäfchen springen über die Nuthe oder legten die Hände flach neben die Hinterbacken, atmeten durch die Nase ein und durch den Mund wieder aus oder schoben die rechte Faust unters Kissen und hörten dem Schlag ihres Herzens zu oder ließen ein letztes Mal Wasser, klemmten sich das Nachthemd zwischen die Beine und tasteten mit den Füßen nach dem kalten Brett oder beteten das Vaterunser mit dem protestantischen Schluss.

Oder sie sagten einen Schutzengelvers auf oder versuchten, sich an alle Strophen von Schillers >>Lied von der Glocke<< zu erinnern, oder sie multiplizierten kleine mit großen oder große mit großen Zahlen, oder sie zogen die Füße an und wippten mit der Bauchdecke, weil sie hofften, dass ihre Schlaflosigkeit aus vollen Därmen herrührte.

Oder sie kreuzten die Arme über der Brust und stellten sich selber tot, als lägen sie in einem Sarg oder Sarkophag oder wären schon aus Stein wie der Bürgermeister und Magister Schmidt und seine Frau auf dem Heidetorfriedhof, oder sie machten schlapp, machten sich schlaff, dass alles nur noch lag und hing.

Oder sie sangen sich selber ein Wiegenlied, bis sie gegen Morgen, manche auch schon gegen Mitternacht, andere wieder, als es langsam hell wurde, einschliefen, so dass eigentlich erst um fünf herum jener feine Summ- und Schnarchton über der Stadt lag, der die ersehnte Ruhe anzeigte, das verdiente Ende der leidigen Wälzerei, aber schon um halb sechs zog der Pflug der städtischen Reinigung von der Alten Brücke her auf den Markt, in seiner Spur den weißen glatt gewalzten Schnee und die Zukunft.

Winternacht – Manfred Bieler – Story – Winter – Nacht

Winternacht
Winternacht Novelle Manfred Bieler

Winternacht - Manfred Bieler - Story - Winter - Nacht - Zerbst lag im Schlaf. Der Schnee reichte bis an die Stadtmauern, wölbte sich über die Nuthe, wo sie am schmalsten war und zerfiel hinter den Toren in die Kettenspuren der Trecker und die Waffelabdrücke der Personenwagen.

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Autor: Manfred Bieler

Bewertung des Redakteurs:
4

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