Welt Politik und Frieden

Welt Politik und Frieden · Hermann Hesse · Weltgeschichte

Ein Lump, wer sich nicht zu seinem Heimatland bekennt … aber dass man seine Heimat von Herzen lieben kann, ohne auf den Gedanken einer ewigen Zusammenarbeit menschlicher Vernunft und menschlichen Kulturwillens in allen Völkern zu verzichten, das sollte sich am Ende doch von selber verstehen.

Den Leuten der Politik, welche heute Weltpolitik betreiben aus rein ideologisch-eigensüchtigen Programmen heraus, die den Ruf der Menschheit auch jetzt noch nicht vernommen haben: Setzen wir sie doch lieber heute schon vor die Tür als erst, wenn noch mehr Millionen für ihre Dummheit geblutet haben.

Zwei Geisteskrankheiten sind es nach meiner Meinung, denen wir den heutigen Zustand der Menschheit verdanken: der Größenwahn der Technik und der Größenwahn des Faschismus.

Diese Gebrechen geben der heutigen Welt ihr Gesicht und ihr Selbstbewusstsein. Widerstand gegen diese beiden Welt-Krankheiten ist heute die wichtigste Aufgabe und Rechtfertigung des Geistes auf Erden.

Wir können uns eine lebenswerte Zukunft in der Welt nur vorstellen in der Atmosphäre einer irgendwie friedlich-föderalistisch geeinten Menschheit. Aber wir sind nicht einmal reif dafür und in der Lage, eine solche Lebensform in unserem Europa zu schaffen.

Alle Welt-Gewitter gehen vorüber, und die Größe und Macht der Herrscher und Generäle auch, darauf muss und kann man vertrauen.

Beim Betrachten der Weltgeschichte ist der einzige Trost die Einsicht in die Kurzlebigkeit dessen, was gerade am heftigsten nach Dauer und Verewigung trachtet. Viele der größten Machtansammlungen der Welt haben nicht länger gehalten als ein gutes Paar Schuhe.

Viele Male habe ich zugesehen, wie ein Saal voll Menschen, eine Stadt voll Menschen, ein Land voll Menschen von jenem Rausch und Taumel ergriffen wurden, bei dem aus den vielen Einzelnen eine Einheit, eine homogene Masse wurde.

Alles Individuelle erlischt dabei und die Begeisterung der Einmütigkeit, des Einströmens aller Triebe in einen Massentrieb erfüllt Hunderte, Tausende oder Millionen mit einem Hochgefühl, einer Hingabelust, einer Entselbstung und einem Heroismus, der sich anfänglich in Rufen, Schreien, Verbrüderungsszenen mit Rührung und Tränen äußert, schließlich dann aber in Krieg, Wahnsinn und Blutströmen endet.

Vor dieser Fähigkeit des Menschen, sich an gemeinsamem Leid, gemeinsamem Stolz, gemeinsamem Hass, gemeinsamer Ehre zu berauschen, hat mich mein Individualisten- und Künstlerinstinkt stets aufs heftigste gewarnt.

Welt Politik und Frieden · Hermann Hesse · Weltgeschichte

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Welt Politik und Frieden · Hermann Hesse · Weltgeschichte · Ein Lump, wer sich nicht zu seinem Heimatland bekennt.

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Autor: Hermann Hesse

Bewertung des Redakteurs:
4

Manche Leute wären frei, wenn sie zu dem Bewusstsein ihrer Freiheit kommen könnten.

Marie von Ebner-Eschenbach