Weihnachten eines Kellners – Heinrich Böll

Weihnachten eines Kellners – Heinrich Böll
Weihnachten eines Kellners 

Weihnachten eines Kellners – Heinrich Böll 


Ich weiß nicht, wie es hat geschehen können; schließlich bin ich kein Kind mehr, bin fast fünfzig Jahre und hätte wissen müssen, was ich tat – und hab’s doch getan, noch dazu, als ich schon Feierabend hatte und mir eigentlich nichts mehr hätte passieren können. Aber es ist passiert, und so hat mir der Heilige Abend die Kündigung beschert.

Alles war reibungslos verlaufen: Ich hatte beim Dinner serviert, kein Glas umgeworfen, keine Soßenschüssel umgestoßen, keinen Rotwein verschüttet, mein Trinkgeld kassiert und mich auf mein Zimmer zurückgezogen, Rock und Krawatte aufs Bett geworfen, die Hosenträger von den Schultern gestreift, meine Flasche Bier geöffnet, hob gerade den Deckel von der Terrine und roch: Erbsensuppe. Die hatte ich mir beim Koch bestellt, mit Speck, ohne Zwiebeln, aber sämig, sämig. Es würde zu lange dauern, wenn ich es Ihnen erklären wollte: Meine Mutter brauchte drei Stunden, um zu erklären, was sie unter sämig verstand.

Na die Suppe roch herrlich, und ich tauchte die Schöpfkelle ein, füllte meinen Teller, spürte und sah, dass die Suppe richtig sämig war – da ging meine Zimmertüre auf, und herein kam der Bengel, der mir beim Dinner aufgefallen war: klein, blass bestimmt nicht älter als acht, hatte sich den Teller hoch füllen und alles, ohne es anzurühren, wieder abservieren lassen.

Truthahn und Kastanien, Trüffeln und Kalbfleisch, nicht mal vom Nachtisch, den doch kein Kind vorübergehen lässt, hatte er auch nur einen Löffel gekostet, ließ sich fünf halbe Birnen und ‘nen Eimer Schokoladensoße auf den Teller kippen und rührte nichts, aber auch nichts an und sah doch dabei nicht mäklig aus, sondern wie jemand, der nach einem bestimmten Plan handelt.

Leise schloss er die Tür hinter sich. Was ist denn das? fragte er. Das ist Erbsensuppe, sagte ich. Die gibt es doch nicht, sagte er freundlich, die gibt es doch nur in dem Märchen von dem König, der sich im Wald verirrt hat. Ich hab’s gern, wenn Kinder mich duzen; die Sie zu einem sagen, sind meistens affiger als die Erwachsenen. Nun sage ich, das ist Erbsensuppe. Darf ich mal kosten? Sicher, bitte ,sagte ich, setz dich hin.

Nun er aß drei Teller Erbsensuppe, ich saß neben ihm auf meinem Bett, trank Bier und rauchte und konnte richtig sehen, wie sein kleiner Bauch rund wurde, und während ich auf dem Bett saß, dachte ich über so viel nach, was mir inzwischen entfallen ist; zehn Minuten, fünfzehn, eine lange Zeit da kann einem schon viel einfallen, auch über Märchen, über Erwachsene, über Eltern und so. Schließlich konnte der Bengel nicht mehr, ich löste ihn ab, aß dann den Rest von eineinhalb Teller während er auf dem Bett neben mir saß.  

Vielleicht hätte ich nicht in die leere Terrine blicken sollen, denn er sagte: Mein Gott, jetzt habe ich dir alles aufgegessen. Macht nichts, sagte ich, ich bin noch satt geworden. Dann fragte ich ihn: Bist du zu mir gekommen, um Erbsensuppe zu essen? Nein, ich suchte nur jemand der mir helfen kann, eine Kuhle zu finden; ich dachte, du wüsstest eine. Kuhle, Kuhle, dann fiel mir’s ein, zum Murmelspielen braucht man eine, und ich sagte: Ja, weißt das wird schwer sein hier im Haus irgendwo eine Kuhle zu finden. Können wir nicht eine machen, einfach eine in den Boden des Zimmers hauen?

Ich weiß nicht, wie es hat geschehen können, aber ich hab’s getan, und als der Chef fragte: Wie konnten Sie das tun?, wusste ich keine Antwort. Vielleicht hätte ich sagen sollen: Haben wir uns nicht verpflichtet unseren Gästen jeden Wunsch zu erfüllen, ihnen ein harmonisches Weihnachtsfest zu garantieren? Aber ich hab’s nicht gesagt, ich hab’ geschwiegen. Schließlich konnte ich nicht ahnen, dass seine Mutter über das Loch im Parkettboden stolpern und sich den Fuß brechen würde, nachts, als sie betrunken aus der Bar zurückkam. Wie konnte ich das wissen? Und das die Versicherung eine Erklärung verlangen würde, und so weiter, und so weiter.

Haftpflicht, Arbeitsgericht und immer wieder: Unglaublich, unglaublich. Sollte ich ihnen erklären, dass ich drei Stunden, drei geschlagene Stunden mit den Jungen Kuhle gespielt habe, dass er immer gewann, und sogar von meinem Bier getrunken hat – bis er schließlich todmüde ins Bett fiel? Ich hab’ nichts gesagt, aber als sie mich fragten, ob ich es gewesen bin, der das Loch in den Parkettboden geschlagen hat, da konnte ich nicht leugnen, nur von der Erbsensuppe haben sie nichts erfahren, das bleibt unser Geheimnis.

Fünfunddreißig Jahre im Beruf, immer tadellos geführt. Ich weiß nicht, wie es hat geschehen können, ich hätte wissen müssen, was ich tat, und hab’s doch getan: Ich bin mit dem Aufzug hinunter gefahren, hab’ Hammer und Meißel geholt, bin mit dem Aufzug wieder rauf gefahren, hab’ ein Loch in den Parkettboden gestemmt. Schließlich konnte ich nicht ahnen, dass seine Mutter über das Loch im Parkettboden stolpern würde, als sie nachts um vier betrunken aus der Bar zurückkam. Offen gestanden, ganz so schlimm finde ich es nicht, auch nicht, dass sie mich rausgeschmissen haben. Gute Kellner werden überall gesucht.

Weihnachten eines Kellners – Heinrich BöllStory

Autor*in: Heinrich Böll

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    Ich weiß nicht, wie es hat geschehen können; schließlich bin ich kein Kind mehr, bin fast fünfzig Jahre und hätte wissen müssen, was ich tat – und hab’s doch getan, noch dazu, als ich schon Feierabend hatte und mir eigentlich nichts mehr hätte passieren können. Aber es ist passiert, und so hat mir der Heilige Abend die Kündigung beschert.

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