Sonne und Mond · Märchen

Sonne und Mond · Märchen aus Kanada · Nordamerika

In uralten Zeiten lebte einst ein altes Mütterchen, das hatte eine allerliebste Enkelin bei sich, die das schönste Mädchen war, das die Sonne je gesehen hatte. Als diese zum jungfräulichen Alter herangereift war, fragte sie einst ihre Großmutter, ob es denn außer ihr keine Menschen mehr auf der Welt gebe.

»Nein«, erwiderte die Alte; »früher lebte die ganze Erde voll Männer und Frauen, doch da sie alle einen sehr schlechten Lebenswandel führten, so ließ sie der Große Geist durch einen bösen Manitu vernichten. Hätte ich zu jener Zeit nicht über ungewöhnlich mächtige Medizinkräfte verfügt, so wären wir beide auch nicht mehr am Leben.«

Das klang doch der Enkelin ein bisschen zu kurios, und sie dachte bei sich selbst: Wenn sich meine Großmutter gerettet hat, so sind gewiss auch noch mehr dem Untergang entronnen. Sie nahm sich daher vor, die Welt zu bereisen und nachzusehen. Darauf machte sie sich zehn Paar Moccassins, füllte ihre Taschen mit Lebensmitteln und ging fort in die Fremde. An jedem Abend zog sie ihre Beinkleider ab und ließ sie zurück zur Großmutter gehen, damit sie dieser ihre Erlebnisse erzählen konnten.

Am Morgen des zehnten Tages kam die Jungfrau in eine große Hütte, die aus zwölf Zimmern bestand, in denen sich aber niemand befand, weil, wie es schien, die Eigentümer auf die Jagd gegangen waren. Sie setzte sich darauf ruhig dicht neben die Tür und wartete bis zum Abend, wo der Reihe nach zwölf Brüder hereinkamen, von denen jeder seinen besonderen Platz einnahm.

Erst der zehnte bemerkte die Jungfrau, ergriff sie an der Hand, führte sie an seinen Platz und sagte: »Mein liebes Mädchen, ich freue mich, dass ich dich gefunden habe, denn ich bin’s herzlich satt, noch weiterhin meine Moccassins zu nähen, und hoffe, dass du mir diese Arbeit abnehmen wirst.«

Das Mädchen war’s zufrieden, heiratete ihn und erfreute ihn nach einem Jahr durch die Geburt eines Knäbleins, das aber leider schon nach dem dritten Tag wieder starb, worüber der Vater sich so sehr grämte, dass er ebenfalls starb. Danach heiratete die Witwe den jüngsten Bruder, der auch gleich starb, und so heiratete sie alle nach der Reihe bis zum ältesten.

Da dieser sie jedoch nicht liebte, wurde sie täglich trauriger und nahm sich zuletzt vor, den Ort ihres Kummers heimlich zu verlassen. Ihre Hütte war nach Art der Medizinhütten gebaut; sie hatte den Eingang auf der östlichen und den Ausgang auf der westlichen Seite. Durch letzteren floh sie. Sie zog den Türpfosten aus der Erde, kroch mit ihrem Hund in das Loch und verschwand so spurlos. Der Pfosten nahm danach seine alte Stelle wieder ein.

Die Frau kam zuletzt ans Ende der Welt, das weit im Osten liegt. Dort saß Menabuscho und fischte. »Mein Großvater«, sagte sie zu ihm, »ein mächtiger Geist quält und verfolgt mich.«

Doch der Alte antwortete erst, nachdem sie dies noch zweimal wiederholt hatte. »Du störst mich«, sagte er. »Es ist sonst kein mächtiger Geist auf der Welt als ich; geh nur getrost weiter.« Dabei zeigte er nach Westen in die Luft.

Sie folgte und stieg in die Höhe.

Ihr Gemahl, der inzwischen manche tränenreiche Nacht durchwacht hatte, hatte sie nach allen Richtungen gesucht, aber nirgends – weder in der Luft noch auf der Erde – eine Spur von ihr gefunden.

Doch als er zuletzt alle Pfosten seines Wigwams aus der Erde zog, fand er, dass sie beim westlichen Ausgang durch eine Höhle entwischt war. Gleich eilte er ihr nach und kam ebenfalls zum fischenden Menabuscho, den er dreimal nach seiner Frau fragte. Aber der Alte stellte sich taub und gab ihm keine Antwort.

Der Jäger schrie immer lauter, wurde sogar recht grob, bis sich dann Menabuscho ärgerlich umdrehte und ihm entgegnete: »Es ist allerdings eine Frau diesen Weg gekommen, aber dir gehört sie nicht!«

Als er dies hörte, setzte er gleich seine Verfolgung fort, und Menabuscho rief ihm nach: »So sollst du deiner Frau nachlaufen, solange die Erde steht, und sollst von den Menschen Gischiguhk (der Tagmacher) genannt werden.«

Die Frau – der Mond – kam bald darauf wieder zum Alten zurück und bedankte sich für ihre glückliche Rettung. Dabei sagte sie ihm mit liebenswürdiger Wichtigkeit heimlich ins Ohr, dass sie noch eine gut erhaltene Großmutter zu Hause habe, die sich recht famos zu seiner Frau eignen würde.

Schmunzelnd legte darauf Menabuscho seine Angel nieder, ging schnurstracks hin zur Alten und heiratete sie. Aus ihrer Verbindung entsprangen die Menschen.

Jene Frau wurde späterhin Tibikdschisis oder die Sonne der Nacht genannt. Die zwölf Brüder sind die Monate, die bei ihrer Berührung mit Tibikdschisis der Reihe nach sterben.

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Autor: Märchen aus Kanada

Bewertung des Redakteurs:
4

Vergiss nicht man benötigt nur wenig, um ein glückliches Leben zu führen.

Marc Aurel