Nichtstun – Ernst Penzoldt – Leben

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Nichtstun – Ernst Penzoldt – Leben

Du fragst mich, was ich so den ganzen Tag tue. Nichts! Davon bin ich von früh bis spät vollauf in Anspruch genommen. Es bleibt mir kaum Zeit, etwas anderes zu tun. Ich lebe, das ist alles.

Meine Uhr ist stehengeblieben. Es muss wohl Sand ins Werk gekommen sein. Aber ich brauche sie hier nicht. Ohne Uhr hat man immer Zeit. Denn die Zeit richtet sich nicht nach der Uhr. 

Manchmal eilt die Zeit schon, manchmal verweilt sie aber auch. Sie ist aus ähnlichem Stoff gemacht wie der Wind. Was ist die Zeit? Ihre Dauer richtet sich einfach gesagt nach unserer Liebe.

Bei schönem Wetter bin ich den ganzen Tag am Strand, in den Dünen, im Wasser, im Wind und unter unserem freien Himmel. Bei den Elementen also, aus denen Du und ich und übrigens auch die anderen Menschen alle geschaffen worden sind.

Irgendwo, wenn nicht hier, sind die Menschen geschaffen worden. Hier findet sich alles, was dazu benötigt wurde: Sand und Lehm für die Gestalt, Wind genug für den Atem, die Sprache und die Seele, Feuchte genug für die Tränen, Bläue genug für die Augen und Steine für das Herz in der Brust.

Die Hügel und die Hänge der Dünen enthalten Formen für Millionen von Geschöpfen. Und das Meer ist voller Gedanken, dunkler und heller, voll Unruhe und unergründlicher Trauer. 

Ich möchte gern dabei sein, wenn Du zum ersten Mal das Meer siehst. Ich kenne es schon lange. Ehe Du auf der Welt warst, kannte ich es schon. Wo warst Du damals?

Wenn ich allein am Strand bin – ich bin ja nicht allein, denn ich lebe, als wäre ich zu zweit -, dann ist die weite weite Welt ganz nahe bei mir.

Es ist alles da […] !

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Nichtstun

Nichtstun - Ernst Penzoldt - Essay - Leben - Du fragst mich, was ich so den ganzen Tag tue. Nichts! Davon bin ich von früh bis spät vollauf in Anspruch genommen. Es bleibt mir kaum Zeit, etwas anderes zu tun. Ich lebe, das ist alles.

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Autor: Ernst Pezoldt

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