Der Eber und die Schafe – John Gay

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Der Eber und die Schafe – John Gay – Fabel – Gewalt und Rache

Einen wilden Eber versetzte seit langem eine Schafherde in Erstaunen, die nahe seinem Wald auf einer Weide lebte.

Da er selbst stolz und unabhängig war und wegen seiner starken Hauer von Tieren und Menschen gefürchtet wurde, konnte er die Sanftmut und Ergebenheit der Schafe nicht verstehen, die ohne Widerstand ihren Herren folgten, sei es, wenn sie abends in ihren Pferch getrieben wurden, am Morgen auf die Weide oder mittags zur Tränke. Auch ließen sie sich genau so fügsam von den Menschen die Wolle scheren oder töten.

Wieder einmal erwartete ein Schaf zitternd, an einen Baum gebunden, den Schlächter, der mit blutigem Messer auf das Tier zukam. Nicht weit davon entfernt stand die ganze Schafherde. Reglos, von Furcht wie gelähmt, sahen sie zu, wie ihr Gefährte getötet wurde.

Die geduldige Herde erregte den Zorn des wilden Ebers so sehr, dass er zu ihnen lief und die wolligen Tiere verhöhnte, um sie zum Widerstand zu reizen:

»Allen Feiglingen soll es wie euch ergehen! Seht doch, dort steht jener, der euch alle morden wird wie dieses Schaf. Mit Händen, die vom Blut purpurn gefärbt sind, zieht er ihm auch noch die warme Haut ab.

Eure hingeschlachteten Widder, der klagende Todesschrei all dieser arglosen, kleinen Lämmer ruft nach Vergeltung!

Oh, Schande über euch sanfte, ergebene Schafe! Niedrig muss ich ein Geschöpf nennen, dem jeder Wunsch nach Rache fern ist!»

»Ich gebe zu«, antwortete ein alter, ehrwürdiger Widder dem Eber, »dass wir sanft und geduldig und ergeben in unser Schicksal sind. Doch glaube nicht, dass nicht auch das sanfteste Geschöpf unter erlittenem Unrecht leidet. Gefühllos sind wir nicht, nur weil uns deine Hauer fehlen, mit denen wir töten könnten gleich jenen, die uns töten.

Sei gewiss, Eber, dass alle, die Gewalttätigkeit üben, durch Gewalttätigkeit leiden müssen. Die Menschen, die uns arme Schafe töten, üben die Vergeltung selbst, die wir wehrlosen Tiere nicht üben können. Mit unseren Häuten sind die Trommeln bespannt, die ihre Söhne zum Kampf rufen.

Dürfen wir nicht zufrieden sein, Eber, mit unserer Rache, wenn für ein totes Schaf Hunderte von Toten auf den Schlachtfeldern bleiben, gemordet im sinnlosen Streit und Zank der Menschen?«

Der Eber und die Schafe – John Gay – Fabel – Gewalt und Rache

Der Eber und die Schafe
Eber und Schafe John Gay Fabel 1

Der Eber und die Schafe - John Gay - Fabel - Gewalt und Rache - Einen wilden Eber versetzte seit langem eine Schafherde in Erstaunen, die nahe seinem Wald auf einer Weide lebte.

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Autor: John Gay

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