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Abstrakte Überwelt der Sprache

Abstrakte Überwelt der Sprache ∘ R.M.F ∘ Alltagspsychologie

Die Sprache ist nicht bloß klingender Ausdruck, nicht bloß hörbare Symbolik dessen, was in unserem Inneren vor sich geht, die Worte strahlen nicht bloß von uns aus, wie das Licht von einer Lampe, nein, sie lösen sich los vom Ich und erhalten eine eigene Existenz.

Worte umspinnen die sinnhaft gegebenen Dinge der Außenwelt mit unsichtbaren Fäden, fangen sie ein wie Spinnen ihre Beute in ihren Netzen, ja saugen ihnen oft genug das Herzblut aus, so dass blutlose Schemen übrig bleiben.

Die Sprache ursprünglich aus dem Ich und seinem Innenleben geboren, wird nicht nur Bezeichnung von Objekten, sie wird selbst etwas Objektives, eine gespenstige Wirklichkeit, »objektiver Geist«. Sie dient nicht mehr dem Ich, das sie hervor gebracht hat, und den Dingen, die sie bezeichnet, sondern macht sich zum Herren beider, indem sie sowohl das Ich wie die Außenwelt in ihre Formen zwingt.

Betrachten wir jetzt die Sprache von dieser Seite, so erscheint sie, die nach der Ich-Seite hin sich in tausend Sonderformen auflöste, als Einheit, eine geistige Macht, die jenseits aller Sondersprachen besteht, wie es jenseits aller Einzelkünstler doch die Kunst, jenseits aller Gemeinschaften den Staat, jenseits aller Glaubensformen, so wechselnd sie auch sein mögen, doch auch die Religion gibt, jeweils mit Gesetzlichkeiten eigener Art.

Wir greifen damit unserer Untersuchung weit voraus, indem wir die Sprache nicht mehr, wie bisher, als Ausdruck und Symbol des Seelenlebens, sondern als ein jenseits alles individuellen Seelentums bestehende Wirklichkeit, als einen objektiven Zweckmechanismus ansehen, dessen Begriffe eine »Geltung« haben und in gewissem Sinn unabhängig davon sind, ob sie im subjektiven Seelenleben von Individuen gedacht werden.

Nehmen wir zum Beispiel die Welt der Zahlen, so sind sie gewiss als psychologische Tatbestände im Bewusstsein von Individuen entstanden, aber sie sind keineswegs rein individuelle, sie sind auch nicht bloß soziale Gebilde, sondern sie sind »objektive Tatbestände mit eigener Gesetzlichkeit«, die sich in der Arithmetik zu einem System zusammenfügen, das jenseits aller individuellen, nationalen und zeitlichen Besonderheiten steht.

Es mag wahr sein, dass ein Buschmann, ein Gymnasiast, ein Professor der Mathematik mit dem Wort »vier« (oder seinen anders sprachlichen Entsprechungen) je ganz andere Beziehungen mitdenken, aber wenn sie die Zahl verwenden, so bestehen für diese Verwendung gewisse Notwendigkeiten, die keineswegs im Willen der jene Zahlen verwendenden Menschen liegen.

Was immer sie bei dem Wort denken mögen, er bleibt doch dabei, dass die Zahl 4 sich zerlegen lässt in 3 und 1 oder in 2 mal 2. Die Zahlen sind geistige Wesenheiten jenseits ihrer subjektiven Verwirklichung im Geist, sie sind als geistige Möglichkeit eine Welt für sich, die sich der konkreten Welt so überordnet, dass wir auf Grund der Zahlenkenntnis diese Welt damit mannigfach beherrschen können, indem wir die diese regelnden »Gesetze« in der Form jener geistigen Wirklichkeit aussprechen, dass wir aber auch zugleich unser Handeln dieser ideellen Wirklichkeit unterordnen.

Was für die Zahlen gilt, gilt in anderem Sinn für alle Begriffe. Auch diese erwachsen aus subjektiven Bedürfnissen, und doch wird in ihnen ein objektiver Tatbestand gefasst, den wir der konkreten Welt überordnen, also dass unser Leben sich mindestens ebenso sehr in der abstrakten Begriffswelt wie in der konkreten Wirklichkeit abspielt.

Wir zeigten bereits am Beispiel der Menschen, dass wir in unseresgleichen keineswegs bloß nur die Individuen sehen, sondern meist nur Typen, ja vielfach nur Menschen schlechthin, das heißt Begriffe.

Und so ist es auch mit aller Wirklichkeit: gehen wir durch einen Wald, so sehen wir Eichen, Buchen oder Tannen, ja Bäume schlechthin, also Gattungen, Typen und Begriffe; das heißt wir leben nicht nur in der konkreten Wirklichkeit, sondern zugleich in einer abstrakten Überwirklichkeit, die keineswegs bloß in unserem Bewusstsein existiert, sondern auch objektive Entsprechungen hat.

Dieser unbezweifelbare Tatbestand hat seinen großartigsten metaphysischen Ausdruck in der »Ideenlehre« Platos gefunden, die da lehrt, es seien nicht die konkreten Dinge die wahre Wirklichkeit, sondern die »Begriffe« beziehungsweise die »Ideen«.

Wir treiben hier nicht Metaphysik, sondern Psychologie. Und demgemäß haben wir festzustellen, dass, einerlei, wie es mit der objektiven Realität oder der reinen Idealität der Begriffe steht, wir nicht nur in der konkreten Welt, sondern zugleich in einer abstrakten Begriffswelt leben.

Und dass diese für uns eine Wirklichkeit ist, ist nur möglich durch die Sprache, kraft deren wir nicht nur konkrete Dinge, sondern auch deren begrifflichen Gehalt, das ihnen innewohnende Gemeinsame bezeichnen. Diese rein begriffliche Sprache strebt mehr und mehr allem sprachlichen Ausdruck zu entsagen, sie verkörpert sich am liebsten in der Schrift und wird »Schriftsprache«.

Am grellsten tritt das in China hervor, wo die Gelehrten sich über gewisse Begriffe nur noch schreibend, nicht mehr sprechend verständigen können. Wir werden später sehen, wie sich die Schriftsprache, die zunächst ein lebensförderndes Hilfsmittel war, sich vom Leben emanzipiert, ja das wichtigste Mittel jener Emanzipation des Geistes vom Leben wird, das zu der lebensentfremdeten, ja lebensfeindlichen Zivilisation führt, die später behandelt wird.

Aus lebendiger Symbolik verblasst die Sprache mehr und mehr zur Allegorik, ordnet sich dem Leben über mit ihrer blutlos gewordenen, kaum mehr gesprochenen, nur noch geschriebenen Schematik, so dass man mit Recht die Zivilisation zuerst als das papierene Zeitalter und heute als das digitale Zeitalter bezeichnen kann, weil früher beschriebenes und bedrucktes Papier, heute das Internet und andere digitale Medien, die Herrschaft über das Leben führen.

Abstrakte Überwelt der Sprache ∘ R.M.F ∘ Alltagspsychologie

Abstrakte Überwelt der Sprache ⋆ AVENTIN Storys
abstrakte ueberwelt der sprache 03 22

Abstrakte Überwelt der Sprache ∘ R.M.F ∘ Alltagspsychologie - Die Sprache ist nicht bloß klingender Ausdruck, nicht bloß hörbare Symbolik dessen, was in unserem Inneren vor sich geht, die Worte strahlen nicht bloß von uns aus, wie das Licht von einer Lampe, nein, sie lösen sich los vom Ich und erhalten eine eigene Existenz.

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Autor: R.M.F

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Myllow
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