Emotionale und geistige Typik

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Emotionale und geistige Typik – Alltagspsychologie 

Mit den beiden Systemen der Affekt- und Geistestypen haben wir eine Möglichkeit gefunden, jeden Charakter in seinen Grundzügen festzulegen, wie wir jeden Ort auf unserem Globus durch seine Einordnung in das Netz der Längen- und Breitengrade bestimmen können.

Spätere Darlegungen werden zeigen, dass sich aus dieser Grundlage heraus auch ermitteln und verstehen lässt, wie sich ein Mensch sein Leben gestaltet, bis in die Einzelheiten seiner Wohnung und Kleidung.

Über das Zusammenwirken der geistigen und affektiven Eigenart des Menschen nun ein paar Beispiele! Haben wir etwa den depressiven Grundcharakter, das heißt, das Beherrschtsein des Wesens durch das Gefühl der Unsicherheit und Ängstlichkeit erkannt, so können wir, wenn wir die geistige Eigenart hinzunehmen, alsbald bestimmen, nach welcher Richtung sich jener Grundaffekt besonders auswirkt.

Eine konkrete Natur wird eingeschüchtert und geängstet vor allem von konkreten Dingen: sie lebt in der Gegenwart, wird nur von unmittelbar wahrnehmbaren Gefahren bedrängt, macht sich aber in der Regel um ferne Zukunft keine Sorgen. So pflegen die meisten Kinder sich nur vor konkreten Gefahren zu fürchten, vor dem, was sie sehen oder hören.

Anders der Fantasiemensch, auf den oft die konkrete Gefahr geradezu beruhigend wirken kann, während er sich vor allerlei künftigen und möglichen Bedrohungen, die seine Fantasie ihm ausmalt, fürchtet.

Der Erinnerungsmensch dagegen fühlt sich vor allem durch das Vergangene bedrückt, er schleppt seine trüben Erfahrungen und Erlebnisse wie eine schwere Last, die ihn niederhält, durch sein Leben, das beherrscht ist von den Affekten der Reue und der Trauer um Verluste.

Oder man nehme einen typischen Erotiker und prüfe nach, auf welche Objekte sich sein Trieb richtet. Ist er ein konkreter Mensch, so unterliegt er ausschließlich und dann in sehr starkem Grad der gegenwärtigen Frau, aber es gilt für ihn: »Aus den Augen, aus dem Sinn!«

Ist er Sinnesmensch im engeren Verstand, so sind es besonders Sinneseindrücke, die Farbe von Haar und Kleid oder der Ton der Stimme, die ihn fesseln. Dagegen gibt es auch Menschen, die am stärksten dann lieben, wenn die Phantasie ihnen eine Geliebte ausmalt, während sie von der Gegenwart der Geliebten geradezu “abgekühlt”werden. Ihre tiefsten erotischen Erlebnisse haben sie in der Vorstellung, in der fantasiemäßig vorweg genommenen Zukunft.

Daneben gibt es Individuen, Erinnerungsmenschen, die erst dann zu lieben vermögen, wenn das Erlebnis der Vergangenheit angehört, die ihr ganzes Leben lang von einem vergangenen Erlebnis in der Erinnerung zehren.

Sehr seltsam ist auch für jeden, der nicht diesem Typus angehört, die “abstrakte” Art zu lieben, in der nicht die konkrete Frau, sondern gleichsam der “Begriff” der Frau geliebt wird, “die” Frau schlechthin, die zuweilen mit der konkreten Wirklichkeit recht wenig gemein hat.

Des Menschen Schicksal ist sein Charakter!

Nur oberflächliche Betrachtung kann annehmen, dass Glück oder Unglück von außen kämen. Was die Außenwelt liefert, ist aber nur Rohmaterial; in unserem Charakter ist vorangelegt, was wir daraus bilden. Wie eine Pflanze aus dem Humus nur die Stoffe entnimmt, die sie zum Aufbau ihrer Gestalt braucht, so wählt der Charakter aus der Fülle der auf ihn einwirkenden Eindrücke aus und baut sich seine Welt nach seinem Wesen.

Man ist gewohnt, in den Schöpfungen großer Künstler den einheitlichen “Stil” zu sehen und diesen wieder auf den Charakter des Schaffenden zurückzuführen. Längst hat man den Aberglauben, den Stil eines Künstlers aus äußeren Einflüssen erklären zu können, fallen gelassen. Das gesamte Schicksal eines jeden Menschen hat “Stil”, und in allem, was er erlebt, wirkt sich sein Charakter aus wie der Charakter Mozarts in seinen Melodien oder der des Rembrandts in seinen Gemälden.

Zugegeben, dass die Verarbeitung des “Rohstoffs” im harten Alltag nicht immer völlig gelingt, dass mehr Schlacken bleiben als im freien Reich der Künste. Aber hat man erst begriffen, welch wunderbare Gesetzlichkeit auch das Alltagsdasein beherrscht, so spürt man sie allerorts am Werk, und die menschlichen Schicksale, die vielleicht zunächst chaotisch und zufällig scheinen, offenbaren sich schließlich als Auswirkungen jenes Wesens, das sich uns in den Grundformen der Affekt- und Geistesstruktur erschließt.

Zusammenhänge der emotionalen und geistigen Typik – Alltagspsychologie – Psychologie

Emotionale und geistige Typik
Emotionale geistige Typik Emotionenrad 1

Emotionale und geistige Typik - Alltagspsychologie - Mit den beiden Systemen der Affekt- und Geistestypen haben wir eine Möglichkeit gefunden, jeden Charakter in seinen Grundzügen festzulegen, wie wir jeden Ort auf unserem Globus durch seine Einordnung in das Netz der Längen- und Breitengrade bestimmen können.

URL: https://aventin.de/emotionale-und-geistige-typik/

Autor: R.M.F

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