Ein Schicksal

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Ein Schicksal - Wolfdietrich Schnurre - Parabel

Ein Schicksal – Wolfdietrich Schnurre – Parabel

Der Regenwurm hatte es satt, Kriegsdienst zu tun, und wurde daher einer Kommission vorgeführt, die feststellen sollte, warum.

„Ich tue niemand etwas zuleide“, sagte der Wurm; „und kommt mal ein Feind, verkrieche ich mich schnell.“

„Das nennen wir Feigheit“, sagte der Geier.

„Verzeihung, Herr Oberst“, sagte der Regenwurm: „Wenn der Feind nun aber ein Traktor ist mit einer Kette von Pflügen im Schlepp, die unsere Felder umgraben; soll ich mich ihm dann entgegenwerfen?“

„Vergiss nicht, mein Sohn, dass du auch uns Mütter beschützt“, sagte die Henne; „schließlich haben wir uns nicht umsonst so freudig von unseren Söhnen getrennt.“

„Verzeihung, gnädige Frau“, sagte der Wurm: „Und was wäre geschehen, hätten Sie Ihre Herren Söhne, womöglich noch freudiger, zu Hause behalten?“

„Bedenke, dass der Himmel der Obrigkeit gegenüber Gehorsam verlangt“, sagte die Krähe.

„Verzeihung, Herr Pfarrer, antwortete der Regenwurm: „Aber doch wohl nur dem, der über der Obrigkeit den Himmel nicht sieht.“

„Dann gehorche ihm doch endlich auch gefälligst!“ schrien schließlich Geier, Krähe und Huhn.

„Verzeihung“, sagte der Wurm, „ich gehorche ja: ich krieche im Staub und lobe den Himmel.“

Hierauf zog sich die Kommission zur abschließenden Beratung zurück.

„Fressen“, sagte der Geier. — „Fressen“, nickte die Henne.

Daraufhin stand die Krähe auf und rief: „Schreiber, drei Teller!“

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Ein Schicksal 5 21

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Autor: Wolfdietrich Schnurre

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