Diogenes mit der Laterne · Gottlieb Konrad Pfeffel · Gedicht
Der Philosoph Diogenes in der griechischen Stadt Athen suchte die Menschen durch sein Beispiel in allen Dingen zur größten Einfachheit zurückzuführen. Er behalf sich darum mit der dürftigsten Kleidung, trank aus einer Scherbe, wohnte in einem Fass und erbat sich von Alexander dem Großen keine höhere Gnade, als dass er ihm aus der Sonne gehe. Bei diesen und ähnlichen Sonderbarkeiten drang er auf die strengste Sittlichkeit und nur nach ihrem inneren Wert ehrte er die Menschen. Nur wenige schienen ihm würdige Menschen zu sein. Voll Bitterkeit ging er darum bei hellem Tag mit brennender Laterne umher, das seltene Gut, den edlen Menschen, zu suchen und zu finden.
Als mit der Leuchte Diogenes,
um einen Menschen aufzuspüren,
durch alle Gassen von Athen
umher zog, stieß er an den Türen
des Tempels der Barmherzigkeit
auf einen Priester: »Herr, eine Gabe!«
rief Diogenes, »nur einen Deut,
dass ich mein schwaches Alter labe.«
»Mein Segen genüge dir, mein Sohn!«
Versetzt der Pfaff und schleicht davon.
Der Pilger trat in einen Laden
voll Spangen, Fächer und Pomaden,
und sprach zu einer schönen Frau:
»Ihr kauft so viel zu euer Schau,
Madam! Wollt ihr nicht auch des Armen,
der bald verhungert, euch erbarmen?«
»Mich jammert, Alter, deine Not;
da! kaufe dir ein Dreierbrot.«
Sie sprach’s, und gab im Augenblicke
dem Krämer zwanzig Silberstücke
für ihres Hundes Halsband hin.
Der Weise kratzt sich an den Haaren
und geht. … Der Prinz von Salamin
kam eben in die Stadt gefahren.
Diogenes lief zu ihm hin
und hing sich an den goldnen Wagen:
»Halt! Sohn der Götter, höre mich!«
»Fort, Schlingel,« hieß es, »packe dich!
Sonst lass ich dich zu Tode schlagen.«
Ein Sklave, der in der Nähe stand,
sprang auf und riss mit edler Hitze
den Alten weg, und seine Hand
warf ihm zwei Heller in die Mütze.
»Ihr Götter!« rief der weise Mann,
»Mehr als ein König geben kann,
gab dieser mir … nun sterb ich gerne.«
Er weinte noch und löschte die Laterne.
Diogenes mit der Laterne – Gottlieb Konrad Pfeffel – Gedicht
Diogenes mit der Laterne
Diogenes mit der Laterne · Gottlieb Konrad Pfeffel · Gedicht · Der Philosoph Diogenes in der griechischen Stadt Athen suchte Menschen.
URL: https://aventin.de/diogenes-mit-der-laterne/
Autor: Gottlieb Konrad Pfeffel
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