Bauer und Boggart · Märchen aus England · Lincolnshire
Es war einmal ein Bauer, der lebte in Mumby, nahe Alford in Lincolnshire. Er hatte einen schönen Hof, aber er überlegte, dass er eigentlich noch zwei Felder mehr gebrauchen könnte. Also kaufte er ein Stück Land und war mit dem Handel zufrieden, denn der Boden war gut.
Am nächsten Tag ging er auf das neue Feld, um sich zu überlegen, was er dort als erstes säen sollte. Plötzlich erschien aus heiterem Himmel ein Boggart (Teufel), ein dichtbehaartes Wesen mit Armen so lang, dass sie ihm bis zum Boden reichten.
»Verschwinde«, rief er dem Bauern zu, »das hier ist mein Land!«
»Das stimmt nicht«, sprach der Bauer, »ich habe es gekauft.«
»Es gehört mir«, rief der Boggart, ballte die Fäuste und machte dabei ein Gesicht, als würde er den Bauern am liebsten erwürgen.
Nun hatte der Bauer doch Angst, sich mit einem so starken und hässlichen Wesen in einen Streit einzulassen, aber er sah nicht ein, weshalb er sein Land, für das er teuer bezahlt hatte, aufgeben sollte. So sagte er zum Boggart und versuchte dabei eine freundliche Miene zum bösen Spiel zu machen:
»Vielleicht können wir einen Vertrag schließen.«
»Ich will dir was sagen«, sprach der Boggart grinsend, »lass uns die Ernte teilen.«
»Einverstanden«, sagte der Bauer, »Was willst du haben? Was über der Erde wächst oder das unter der Erde?«
»Über der Erde«, antwortete der Boggart und meinte, er habe den Bauern schon dran gekriegt.
Der schlaue Bauer aber pflanzte Kartoffeln. Und als der Boggart wieder kam, um seinen Anteil abzuholen, war da nur das verdorrte Kartoffelkraut und der Boggart war sehr sehr sauer deswegen. Er brüllte deshalb laut und mürrisch den Bauern an: »Im nächsten Jahr will ich alles, was unter der Erde wächst, haben!«
In nächsten Jahr pflanzte der Bauer nun Hafer. Und als der Hafer geschnitten war, hatte der Boggart wieder das Nachsehen. Er bekam nur die Stoppeln und die Wurzeln. Zornig war er, mehr als zornig und seine Gesichtsfarbe wechselte von grün nach rot und umgekehrt. Aber Vertrag ist Vertrag! Er hatte gewählt, was unter der Erde wächst, und das hatte er auch bekommen.
Sodann bestimmte der Boggart, was er für einen guten Einfall hielt, und legte fest: »Nächstes Jahr wirst du Weizen säen. Wir werden ihn beide mähen, und jeder darf soviel behalten, wie er gemäht hat.«
Der Boggart wusste nämlich, dass in seinen Armen doppelt soviel Kraft vorhanden war, wie in den Armen des Bauern. Also rechnete er sich aus, viel rascher zu mähen, als es der Bauer überhaupt konnte.
Dem Bauern blieb also nichts anderes übrig, als im nächste Jahr Weizen zu säen. Er befürchtete aber, davon nicht all zuviel zu ernten. Jede Woche besah er sich das Feld, und es schien, als würde es eine sehr gute Ernte werden. Das verdross den Bauern nun sehr, dass ein hässlicher Boggart wohl das meiste davon einfahren würde.
Da gab es aber im Dorf einen klugen alten Mann, der für den Bauern einen guten Rat hatte. Der Bauer rieb sich sogleich die Hände und ging geradewegs zum Schmied, um sich Eisenruten machen zu lassen. Diese steckte er sodann auf die Seite des Feldes, die der Boggart mähen würde.
Die Sonne schien herrlich am Erntetag, der Weizen stand prächtig und der Boggart kam lachend mit seiner Sense über der Schulter des Weges daher. »Ich fange an dem einem Ende an und du am anderen«, bestimmte er.
Beide fingen also an kräftig zu mähen. Der Bauer mähte stetig voran und schwang auch mit seiner Sense weit aus, dem Boggart aber wollte das Mähen einfach nicht gut gelingen. Immer wieder stieß er beim Mähen gegen etwas Hartes und seine Sense wurde rasch stumpf dabei. Der Boggart hielt die Stangen nämlich nur für Unkraut.
»Verdammt starkes Unkraut hier«, schimpfte er und hielt wieder inne, um seine Sense ein weiteres Mal zu schärfen. Aber immer wieder stieß er gegen eine der vielen Eisenruten auf seiner Seite.
Gegen Mittag hatte der Bauer tatsächlich schon die Hälfte des Feldes gemäht, der Boggart aber nur eine kleine Ecke. Die Sonne brannte auf den Acker, und der Boggart wurde immer wütender. Endlich rief er dem Bauern zu: »Hast du eigentlich kein Unkraut auf deiner Seite?«
»Nicht ein einziges«, rief der Bauer, verkniff sich das Lachen und mähte besonnen weiter. Schließlich, nachdem der Boggart an die zwanzig Mal hatte innehalten müssen, gab er auf. Er warf die Sense hin und schrie zum Bauern: »Behalte den Acker. Ich will nichts mehr mit ihm zu tun haben!«
Dabei stampfte der Boggart mit dem Fuß kräftig auf den Boden, die Erde öffnete sich, und er fuhr in das entstandene Loch hinunter und war verschwunden. Das letzte, was der Bauer von ihm noch sah, war ein Büschel schwarzer Haare.
Der Boggart kam nie mehr wieder, um das Land zurück zu fordern. Heute zeigt er sich nur noch ab und zu bei Leuten, die öfters Angst haben, um sie zu erschrecken, aber das ist auch schon alles.
Die Bauern in England sagen heute noch, wenn sie ein Werkzeug verlieren oder wenn etwas stumpf und abgenutzt und nicht mehr zu gebrauchen ist: »Der Boggart hat es geholt.«
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Autor: Märchen aus England
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