Der bunte Vogel – Otto Erich Hartleben

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Der bunte Vogel – Otto Erich Hartleben – Märchen

Das letzte Haus auf der Landspitze, das schon ganz in der Nähe des Leuchtturms lag, bewohnte ein alter graubärtiger Seemann, der von den anderen Seeleuten der Gegend nicht anders als der Weise benannt wurde.

Er hatte sein ganzes Leben stets so klug eingerichtet, dass er jetzt, wo er bereits ein schönes Alter erreicht hatte, einesteils doch noch ein rüstiger und gesunder Mann war und andernteils auch ein gutes Stück als Erspartes hinter sich liegen hatte. So konnte er sich seines Alters ruhig erfreuen.

Frau und Kind hatte er nie gehabt; seine liebste Beschäftigung und sein eigentliches Glück war immer das Denken gewesen. Er sagte sich: Entweder ist eine Frau meinem Denken förderlich, dann ist es unnötig, sie zu ehelichen, denn was ich von ihr gewinnen will, vermag ich auch so mühelos aus ihrem Gespräch zu ziehen — oder aber sie ist meinem Denken nicht förderlich, dann hieße es eine Torheit, sie zur Frau zu nehmen, denn sie könnte mich leicht von meinen Gedanken abbringen und mir mein Glück zerstören.

Sein Glück war es aber, an schönen Tagen, wenn das Meer ruhte, sein Boot zu besteigen und langsam hinauszufahren, ganz allein mit seinen klugen und geliebten Gedanken. Er führte weder Waren an die nächste Küste, noch warf er das Netz nach Fischen aus; er saß still am Steuer und dachte in einem fort.

Da geschah es eines Tages, als die Sonne schon tiefer am Himmel stand und ihre Lichter auf den Wellen lagen wie Goldflitter auf einem dunklen Maskenkleid, dass sich ein großer, doch zierlicher Vogel, etwa von der Gestalt eines Reihers, vorn auf das Schiff des weisen Seemanns niedersetzte. Dieser bemerkte zuerst den Schatten, den der Vogel vor ihm auf den Boden des Schiffes warf, und sah dann auf.

Nach einem langen Nachsinnen, währenddessen er den Vogel unverwandt betrachtete, sagte der Seemann: »Du scheinst mir ein Vogel zu sein, denn du hast zwei Beine und zwei Flügel und bist am ganzen Körper mit Federn bedeckt.«

Der Vogel erwiderte: »Deine Gedanken haben dich zu einer richtigen Erkenntnis geführt, ich bin allerdings ein Vogel und bitte dich, mich gastlich auf deinem Schiff aufzunehmen.«

Der Seemann wunderte sich, dass der Vogel reden konnte, und sprach: »Gern begrüß’ ich dich als meinen Gast. Ich habe bisher noch keine Gelegenheit gehabt, einen Vogel reden zu hören, und vermute daher, dass ein Gespräch mit dir meinem Denken wohl förderlich sein möge. Nur mach ich dich darauf aufmerksam, dass du als ein Gast meines Schiffes dich auch der Ordnung wirst fügen müssen, die auf ihm herrscht und die ich als ein Ergebnis meines vielfältigsten, Jahre, lange Jahre währenden Nachdenkens hochhalten muss.«

Der Vogel nickte mit dem Kopf: »Sprich nur«, sagte er, »was gehört zu dieser Ordnung?«

»Zu ihr gehört, dass man sich nicht auf ein Bein stellt, wie du das tust, denn wollte ich ein Gleiches versuchen, so würde ich alsbald in dem schwankenden Boot umfallen und wohl gar über Bord in das Meer stürzen. Da ich es aber nicht kann, sollst auch du es nicht tun: denn es sieht wie eine Überheblichkeit aus.«

Der Vogel streckte geduldig das zweite Bein hervor und setzte es auf den Schiffsrand: »Weshalb soll ich nicht auch einmal auf zwei Beinen stehen!?«

Nachdem der Seemann den Vogel wieder eine lange Zeit betrachtet und beobachtet hatte, sagte er: »Du hast zwar einen weißen Bauch, wie viele andere Vögel und wie ihn von Natur auch die Menschen meistens besitzen, aber was ich sehr sonderbar finde und keineswegs begreifen kann ist, dass du auf dem Rücken ganz bunt, grün, rot und golden, gefiedert bist, so dass die Sonne sich ordentlich zu freuen scheint, wenn sie auf deinen Flügeldecken blinkt und schillert und einen gelben Saum um deine Gestalt zieht.

Die Menschen, die doch das klügste Geschlecht auf der Erde sind, pflegen sich mit einem schwarzen oder grauen oder braunen oder sonst einem schwach gefärbten Rock zu bekleiden, und die Vögel sind im allgemeinen wenigstens so gescheit, es den Menschen nachzutun. Wenn du nun dahingegen in einem so fremdartig bunten und auffallend scheckigen Aufzug daherkommst, so scheinst du mir damit wider die gemeine Bescheidenheit aller Kreatur gröblich zu verstoßen, und mich dünkt, du tätest besser daran, wenn du solcherlei törichten und hochmütigen Firlefanz von dir legen würdest.

Bedenke wohl, dass selbst der Vogel Strauß, mit dessen Federn doch ein so großer und schwunghafter Handel betrieben wird, nur in zwei oder drei höchst einfachen Farben herumläuft. Bedenke auch ferner, ob es wohl klug oder besonnen ist, so durch sein Äußeres von den anderen hervorzustechen und bald Neid, bald Spott, immer aber eine besondere Aufmerksamkeit auf sich zu lenken!«

Der Vogel riss seinen langen, spitzen Schnabel weit auf — aber ohne ein Wort zu sagen, klappte er ihn wieder zu. Seine kleinen, grauen Augen leuchteten wie vor innerem Vergnügen, er legte den Kopf etwas auf die Seite und blinzelte den alten Seemann freundlich an. Dieser fuhr fort:

»Und ganz besonders verdreht erscheinen mir nun noch diese langen, dünnen, gewundenen Federn, die auf deinem Kopf hin und her schwanken, als wollten sie alles, was fest steht, verhöhnen! Diese wirst du mir jetzt zuallererst einmal schleunigst abschneiden lassen.«

»Meinst du?« fragte der Vogel. »Und was müsste ich dann wohl noch alles tun?«

»Das will ich dir sagen. Ich habe hier einen guten und nützlichen Teer, mit dem ich die Bretter meines Schiffes überziehe, damit sie nicht faulen. Mit dem will ich deine Flügel bestreichen und so ihre leuchtenden Farben auslöschen. Du hast dann die Farbe des Raben — so magst du mir dann auch als Gast auf meinem Schiff bleiben, denn noch manches hätte ich mit dir zu bereden.«

Da sprach der Vogel: »Habe Dank für deinen guten Willen und klugen Rat! Ich bin ein höflicher und friedsamer Vogel und würde mich gewiss gern der Ordnung fügen, die hier auf deinem Schiff und in deinem nachdenksamen Kopf herrscht — wenn ich es nötig hätte und darauf angewiesen wäre. Doch bedarf ich deiner Gastfreundschaft länger nicht mehr. Schon derweilen wir uns so klug miteinander besprachen, habe ich genug gerastet, und zu neuem Flug sind meine Kräfte gesammelt. Lebe wohl!«

Und mit einem übermütigen lauten Schrei dehnte der bunte Vogel seine langen, schimmernden Flügel aus, schwang sich auf und flog in den blauen Abendhimmel hinaus.

Der Seemann war ganz verdutzt. Er wollte dem Vogel noch nachschauen, aber er vermochte es nicht: die Sonne blendete seine Augen.

Dann legte er den Finger an seine Nase, und nachdem er heftig nachgedacht hatte, sprach er zu sich: Merkwürdig, wie leichtfertig doch diese Vögel sind. — Ich denke mir aber, es wird das davon kommen, dass sie fliegen können.

Der bunte Vogel – Otto Erich Hartleben – Märchen

Der bunte Vogel
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Autor: Otto Erich Hartleben

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