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Das Automobil

Das Automobil ⋆ Gustav Meyrink ⋆ Professor und Ingenieur

Sie erinnern sich meiner wohl gar nicht mehr, Herr Professor?! Zimt ist mein Name, Tarquinius Zimt; vor wenigen Jahren noch war ich Ihr Schüler in Physik und Mathematik —

Der Gelehrte drehte die Visitkarte unschlüssig hin und her und heuchelte verlegen eine Miene des Wiedererkennens.

— und da ich gerade durch Greifswald komme, wollte ich die Gelegenheit, Ihnen einen Besuch abstatten zu können, nicht versäumen —

(Einige Minuten verstrichen in peinlichem Stillschweigen.)

— — ehüm — — — nicht versäumen…

Missbilligend musterte der Professor den Lederanzug des jungen Mannes. Sie sind wohl Walfischfänger? fragte er mit leisem Spott und tippte seinem Besuch auf den Ärmel.

Nein, Automobilist; ich selbst habe die bekannte Automobilmarke »Zimt« — — —

Also Schauspieler! unterbrach ungeduldig der Gelehrte; aber weshalb haben Sie denn früher Physik und Mathematik studiert? Wohl umgesattelt, junger Freund, umgesattelt!? Nun sehen Sie —!

Aber keineswegs, Herr Professor, keineswegs. Im Gegenteil. Sozusagen im Gegenteil! Ich bin Konstrukteur von Automobilen — — von Motoren — von Benzinmotoren, — Ingenieur — —!

Ah, Sie stellen die Fantasiebilder für die Kinematographen zusammen, ich verstehe. Aber das kann man doch nicht Ingenieur nennen!

Nein, nein, ich baue selber Automobile. Oder Kraftfahrzeuge, wenn Ihnen dieses Wort lieber ist. Wir verkaufen jährlich bereits — — —

Ich darf beide Namen, mein lieber Herr Zimt, Automobil und Kraftfahrzeug, nicht gelten lassen; denn weder kann so eine Maschine sich vom Fleck fortbewegen — diese Bedeutung soll doch wohl im Wort Automobil liegen — noch ist aus demselben Grund der Ausdruck Fahrzeug zulässig, sagte der Gelehrte.

Wie meinen Sie das: »kann sich nicht vom Fleck fortbewegen«? Vielleicht nur noch zehn Jahre, und wir werden überhaupt kein anderes Landfuhrwerk mehr benutzen. Fabrik um Fabrik wächst aus dem Boden, und wenn es auch vielleicht in Greifswald noch kein Automobil gibt, so — — —

Sie sind ein Fantast, junger Mann, und verlieren den Boden der Wirklichkeit unter den Füßen! Frönen Sie wohl gar dem Spiritismus? In der Tat wohl das bedauerlichste Zeichen unserer Zeit, immer wieder das Gespenst des Perpetuum mobile unerfreulicher Weise sein hässliches Haupt erheben sehen zu müssen. Rein als ob die Lehrsätze der Physik gar nicht existierten. Traurig, fürwahr sehr traurig!

Und auch Sie, obschon noch vor wenigen Jahren mein Schüler, konnten den klaren, besonnenen Weg unserer Wissenschaft verleugnen, um den schwülen Fieberfantasien roher, gedankenloser Empirie nachzujagen! Nun ja, mag wohl das heutige Treiben der Großstadt erschlaffend auf die Denkkraft unserer Jugend wirken, aber bis zum krassen Aberglauben, bis zur Wahnidee, man könne mittels Benzinmotoren einen Wagen von der Stelle bewegen, ist denn doch ein gewaltiger Schritt. So sollte man wenigstens glauben! Und erregt putzte der Gelehrte seine Brillengläser.

Tarquinius Zimt war fassungslos.

Aber um Gottes willen, Herr Professor! Sie werden doch nicht die Existenz der Motorwagen leugnen wollen. Heute, wo bereits viele Tausende im Verkehr sind! Wo jeder Monat eine Neuerung brachte. Ich selber bin doch mit meinem Automobil, einem fünfzigpferdekräftigen »Zimt«, den ich selber konstruiert und gebaut habe, von Florenz hierher gefahren! — Wenn Sie einen Blick aus dem Fenster werfen wollen, können Sie es vor dem Haustor stehen sehen. Um Gottes willen! Ich sage nur: um Gottes willen!

Junger Freund, omnia mea mecum porto, wie der Lateiner so trefflich sagt. Ich sehe keinen zureichenden Grund, aus dem Fenster zu blicken; und weshalb auch — trage ich doch den alles umfassenden mathematischen Verstand stets in mir. — Dem schwankenden Boden der Sinneswahrnehmung sich anvertrauen? Sagt mir nicht mehr — mehr, als die Sinne je vermögen — die schlichte Formel, die jedes unmündige Schulkind begreift — gewiss sind Sie ihrer noch aus der Studienzeit froh eingedenk! — die Formel: xyz

und so weiter! Nun sehen Sie?

Das hilft nun aber alles nichts, antwortete gereizt der Ingenieur, denn ich selber bin mit meinem Automobil von Florenz bis Greifswald — bis vor Ihr Haus gefahren!

— und wenn selbst die zitierte Formel nicht wäre, fuhr der Gelehrte unbeirrt fort, deren Ergebnis hinsichtlich des sogenannten zylindrischen Zapfens gewiss das noch günstigst Zulässige ist, indem die mit der Verminderung des Umschlingungsbogens der Lagerschale verknüpfte Steigerung der Flächenpressung nicht auf eine Erhöhung von μ hinwirkt und, insoweit sie überhaupt zulässig erscheint, den Aufwand zur Überwindung der Reibung bei φ0 < π / 2 verringert, gäbe es noch eine Reihe wirksamer Einwürfe, deren jeder einzelne die reine Möglichkeit denkbaren Gelingens — —

Aber um Gottes willen, Herr Professor —

Pardon! — — — die reine Möglichkeit denkbaren Gelingens in überaus in die Augen springender Weise entkräften müsste. Wie könnte man, um laienhaft zu sprechen, beispielsweise im Bereich mechanischer Möglichkeiten, der durch die schnell aufeinanderfolgenden Benzingasgemischexplosionen in den Zylindern a, b, c und d stets anwachsenden beträchtlichen Erhitzung und hierdurch resultierenden Ausdehnung und wiederum hieraus sich ergebenden Anpressung an die Zylinderwände bis zur Unbeweglichkeit des metallischen Kolbenmaterials anders als durch immerwährende großmengige Zufuhr mittels ausreichender Kühlung stets neu zu beschaffenden Wasserquantitäten, was wiederum angesichts des verkehrten Verhältnisses des Gewichtes zum Krafteffekt des Motors das Resultat des Versuches im negativen Sinn klar zutage treten lässt, vorbeugen? — Fassen wir ferner — — —

Ich bin von Florenz bis Greifswald gefahren —, warf verbissen der andere ein.

— — fassen wir ferner unter Zugrundelegung der Formel: ins Auge, dass durch Erzitterungen und sonstige der Ruhe des Ganges nachteilige Schwingungen infolge ihrer eigenartigen zur Wachrufung von Massenkräften unliebsame Veranlassung gebende Bewegungen von Maschinenteilen, in diesen, seien sie auch elastisch, fortgesetzt Formveränderungen vor sich gehen müssen, so ergibt sich — — —

Ich bin aber dennoch von Florenz bis Greifswald gefahren!

— — — Formveränderungen vor sich gehen müssen, so ergibt sich — — — —

Ich — bin — aber — von — Florenz bis Greifswald ge—fah—ren!

Der Gelehrte warf einen verweisenden Blick über seine Brille auf den Sprecher. Es könnte mich nichts hindern — gestützt auf zwingende mathematische Formeln —, meinen Zweifel an Ihren Aussagen mit direkten Worten Ausdruck zu verleihen, doch ziehe ich es vor, nach Art der alten Griechen lieber alles Verletzende zu vermeiden, und will bloß, wie schon Parmenides, hervorheben, dass es dem Weisen nicht zukommt, seinen eigenen Sinnen, geschweige denn denen eines Fremden, irgendwelche Beweiskraft einzuräumen.

Tarquinius Zimt dachte einen Augenblick nach, dann griff er in die Tasche und reichte dem Professor schweigend einige Fotographien.

Dieser betrachtete sie nur flüchtig und sagte: Nun, und Sie glauben, junger Freund, durch derlei Lichtbilder von scheinbar in Fahrt befindlichen Automobilen die Gesetze der Mechanik in Misskredit bringen zu können!? — Ich erinnere nur der Ähnlichkeit der Fälle wegen an die Abbildungen animistischer Phänomene durch Crookes, Lombroso, Ochorowicz, Mendelejeff!

Wie genau versteht man heutzutage solche Fotographien durch allerlei Kunstgriffe hinsichtlich des wahren Tatbestandes täuschend zu gestalten. Im übrigen, wusste nicht schon Heraklit, dass nach den Gesetzen der Logik ein abgeschossener Pfeil auf jedem mathematischen Punkt seiner Flugbahn sich in vollkommener Ruhe befindet? Nun, sehen Sie! Und mehr als das — im übertragenen Sinne — können auch im besten Falle Ihre Lichtbilder nichts beweisen.

In den Augen des Ingenieurs glomm eine tückische Freude. Gewiss werden Sie mir als Ihrem ehemaligen, Sie so sehr bewundernden Schüler, hochgeehrter Herr Professor, die Bitte aber nicht abschlagen, sagte er mit heuchlerischer Miene, mein vor Ihrem Haus stehendes Automobil wenigstens anzusehen?

Der Gelehrte nickte gütig, und beide begaben sich auf die Straße.

Eine Menge Menschen umstand den Wagen.

Tarquinius Zimt zwinkerte seinem Chauffeur zu. Ignaz! Der Herr Professor möchte unser Automobil besichtigen, zeigen Sie doch mal die Maschine.

Der Mechaniker, in der Meinung, es handle sich um einen Verkauf des Wagens, begann eine Lobeshymne:

Hundertfünfzig Kilometer können wir mit unserem »Zimt« machen, und von Florenz bis hierher haben wir nicht einen einzigen Defekt gehabt. Wir fahren — —

Lassen Sie das nur, guter Mann, wehrte der Professor überlegen ab.

Der Chauffeur klappte die Haube des Motors auf, dass die Maschine frei lag, und erklärte die Bestandteile.

Wie bringen Sie, Herr Professor, fragte Tarquinius Zimt mit verhaltenem Spott, eigentlich die Tatsache, dass heute von den Fabriken Daimler, Benz, Dürkopp, Opel, Brasier, Panhard, Fiat und so weiter und so weiter Tausende solcher Wagen gebaut werden, mit Ihrer Behauptung, die Maschinen könnten unmöglich funktionieren, in Einklang? Übrigens, Ignaz, lassen Sie den Motor mal angehen!

In Einklang? Junger Freund, ich bin lediglich Fachgelehrter, und so interessant die Lösung dieser Frage einem Psychologen dünken mag, so wenig, ich muss es gestehen, liegt es mir zu wissen am Herzen, aus welchen Gründen wohl diese Fabriken solch anscheinend müssiger Beschäftigung frönen mögen.

Das Schwirren des leerlaufenden Motors unterbrach die Rede des Professors. Die Menschenmenge wich einen Schritt zurück.

Tarquinius Zimt grinste. Also Sie glauben noch immer nicht, dass der Wagen fahren wird, Herr Professor? Ich brauche nur diesen Hebel anzuziehen, die Kuppelung setzt ein, und das Automobil saust mit hundertfünfzig Kilometer Geschwindigkeit dahin.

Der Gelehrte lächelte mild. Oh, Sie jugendlicher Schwärmer! Nichts dergleichen kann sich ereignen. Unter dem Druck der Explosion — die Festigkeit der Kuppelung vorausgesetzt — werden vielmehr augenblicklich die Zylinder a, b und d springen. Mutmaßlich bleibt hingegen der Zylinder c unversehrt nach der Formel — nach der Formel — wie lautet sie doch nur! — — nach der Formel — —

— Los, jauchzte Zimt, los! Fahren sie los, Ignaz!

Der Chauffeur zog den Hebel an.

Da! — Ein lauter, dreifacher Knall — und die Maschine steht still!

Tumult!

Ignaz springt aus dem Wagen. Lange Untersuchung. Da! die Zylinder eins, zwei und vier sind geborsten! Geborsten in einer Weise, wie niemals Zylinder, und wenn Nitroglyzerin in ihnen gewesen wäre, bersten können.

Mit glanzlosem Blick starrt der Professor ins Weite, seine Lippen bewegen sich murmelnd: Warten Sie, nach der Formel — — nach der Formel —

Zimt fasst ihn am Arm und schüttelt ihn — weint fast vor Wut. Es ist unerhört, unglaublich; seit es ein Automobil gibt, ist so etwas noch nicht vorgekommen. Es ist hirnverbrannt. Zum Verstand verlieren. Ich telefoniere sofort um Ersatzzylinder. — Das geht so nicht, Sie müssen sich mit eigenen Augen hier überzeugen, Sie müssen!

Ärgerlich reißt sich der Gelehrte los: Junger Mann, das geht zu weit, Sie vergessen sich. — Glauben Sie wirklich, ich hätte Zeit übrig, Ihren kindischen Versuchen ein zweites Mal beizuwohnen! Sind Sie denn noch immer nicht überzeugt? Danken Sie lieber Ihrem Schöpfer, dass es nicht ärger ausfiel, Maschinen lassen nicht mit sich spaßen. Nun sehen Sie!

Und er eilt ins Haus.

Noch einmal dreht er sich in der Tür um, erhebt abweisend den Finger und ruft zürnend zurück:

Sunt pueri pueri, pueri puerilia tractant.
Knaben sind Knaben, und Knaben machen Knabenhaftes (Dummheiten).

Das Automobil ⋆ Gustav Meyrink ⋆ Professor und Ingenieur

Das Automobil ⋆ AVENTIN Storys
das automobil gustav meyrink 06 22

Das Automobil ⋆ Gustav Meyrink ⋆ Professor und Ingenieur - »Sie erinnern sich meiner wohl gar nicht mehr, Herr Professor?! Zimt ist mein Name, Tarquinius Zimt; vor wenigen Jahren noch war ich Ihr Schüler in Physik und Mathematik —« Der Gelehrte drehte die Visitkarte unschlüssig hin und her und heuchelte verlegen eine Miene des Wiedererkennens.

URL: https://aventin.de/das-automobil-gustav-meyrink/

Autor: Gustav Meyrink

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Myllow
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