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Pulia und der Morgenstern ⋆ Märchen aus Griechenland

Die zweite Frau, die Stiefmutter von Pulia also, gebar nach kurzer Zeit auch und bekam einen Jungen, den nannten sie Morgenstern. Je größer Pulia wurde, desto eifersüchtiger wurde die Stiefmutter auf sie und wollte sie als Sklavin verkaufen und sprach darüber heimlich mit ihrem Mann.

Und Morgenstern hörte, was seine Mutter sagte, und ging hin und verriet es Pulia: »Liebe Pulia, meine Mutter will dich als Sklavin verkaufen, was sollen wir jetzt nur machen?«

Pulia machte sich dann auf und ging zu einer alten Nachbarin, um sie um Rat zu fragen. Und die Alte sagte ihr: »Du musst von ihr fortgehen, mein Mädchen. Wenn sie dich für den Basar kämmt, soll Morgenstern dir die Schleife aus den Haaren reißen. Du musst ihm nachlaufen, und so werdet ihr fortkommen.«

»Deine Stiefmutter wird euch aber verfolgen, dann musst du dieses Messer von dir werfen, und es wird ein Feld daraus, das gar kein Ende nimmt. Deine Stiefmutter wird es jedoch schnell durchqueren und euch einholen.«

»Dann sollst du diesen Kamm von dir werfen, und es wird ein dichtes Dornengestrüpp daraus, und auch das wird sie durchqueren und euch einholen. Dann sollst du dieses Salz ausstreuen, und es wird ein großer See daraus, und deine Stiefmutter wird ihn nicht durchqueren können und wird umkehren.«

So gab sie also den Kindern ein Messer, einen Kamm und das Salz und schickte sie mit guten Wünschen fort.

Wie die Kinder wieder zu Hause waren, fing die Stiefmutter an, Pulia zu kämmen, und sang ihr etwas vor und erzählte ihr einen Haufen Lügen. Da riss Morgenstern ihr die Schleife aus dem Zopf und lief hinaus, Pulia hinterher. Die Stiefmutter lief auch hinterher und wollte sie einholen. Da warf Pulia das Messer der Alten hin, und es wurde ein Feld, das kein Ende hat.

Aber die Stiefmutter durchquerte ganz schnell das Feld und holte sie wieder ein. Da warf Pulia den Kamm der Alten hin, und er wurde ein dichtes Dornengestrüpp. Sie aber durchquerte auch dieses, und Pulia warf das Salz hin, und es wurde ein ungeheuer großer See. Die Stiefmutter wollte ihn durchqueren, konnte es aber nicht.

Da verwünschte sie Morgenstern, der doch ihr eigenes Kind war und sie verleugnet hatte und mit der Stieftochter ging. »Dort, wohin du auch kommen wirst, sollst du Durst verspüren«, sagte sie, »und sollst Wasser trinken. Und in solch ein Tier sollst du verwandelt werden, wie das ist, aus dessen Fußspur du trinkst.«

Wie sie ein gutes Stück gegangen sind, sagt Morgenstern: »Ich habe Durst, Pulia!«

»Geh noch etwas weiter«, sagte sie zu ihm, »dort weiterhin ist die Quelle des Königs, dort kannst du trinken.« Wie sie wieder eine Strecke gegangen waren, sagt Morgenstern: »Ich habe Durst, ich komme um vor Durst!« Und da fand er eine Fußspur von einem Wolf mit Wasser darin und sagte: »Hieraus will ich trinken.«

»Trinke nicht«, sagte sie, »denn dann wirst du ein Wolf und frisst mich.« »Wenn es so ist, trinke ich nicht!« Dann gingen sie und treffen auf die Spur eines Lammes mit Wasser und das Morgenstern sagte: »Hieraus will ich trinken, ich halt es nicht aus, ich komme um vor Durst!«

»Trinke nicht«, sagte Pulia, »denn dann wirst du ein Lamm, und sie werden dich schlachten!«

»Ich muss aber trinken, auch wenn sie mich schlachten«, sagt er. Und er trank und wurde ein Lamm und folgte ihr und blökte: »Bäääh, Pulia, Bäääh, Pulia!«

»Komm zu mir«, sagte Pulia.

Voran also ging Pulia, hinterher das Lämmchen Morgenstern, sie gingen und gingen und kamen an den Brunnen des Königs. Pulia schöpfte Wasser, tränkte das Lämmchen und trank auch selbst. Dort neben dem Brunnen war eine sehr hohe Zypresse, und Pulia bat Gott: »Mein Gott, gib mir Kraft, dass ich auf den Gipfel dieser Zypresse steigen kann!«

Und kaum hatte sie ihren Wunsch gesprochen, befand sie sich schon oben auf der Zypresse, und dort oben, wo sie saß, war ein goldener Thron, und das Lamm blieb unten und weidete.

Nach kurzer Zeit kamen die Diener des Königs und wollten die Pferde tränken, und als sie sich der Zypresse näherten, scheuten die Pferde und zerrissen die Halfter und flohen vor den Strahlen der Pulia, die oben auf der Zypresse glänzte. »Steig herunter«, sagen die Diener zu ihr, »denn die Pferde fürchten sich, Wasser zu trinken.«

»Ich steige nicht herunter«, erwiderte diese, »lasst die Pferde trinken, ich tue ihnen nichts.«

»Steig herunter«, sagten sie wieder. »Ich steige nicht hinunter.«

Da gingen sie zum Königssohn und erzählten ihm alles: »Bei der Quelle, oben in der Zypresse sitzt ein Mädchen, und ihre Schönheit leuchtet, und vor ihren Strahlen scheuen die Pferde und wollen nicht trinken, und wir haben ihr gesagt, sie solle herabsteigen, aber sie will nicht.«

Wie dies der Königssohn gehört hatte, machte er sich auf und ging hin und sagte auch zu ihr, dass sie heruntersteigen solle, aber sie wollte nicht. Dann sagte er es zum zweiten und zum dritten Mal. »Steig herunter, wir fällen die Zypresse, wenn du nicht herunterkommst!«

»Fälle sie nur«, sagte das Mädchen, »ich steige nicht hinunter.« Also holte der Königssohn Männer, die die Zypresse fällen sollten, und immer wenn sie zuschlugen, kam das Lamm, leckte die Zypresse, und sie wurde doppelt so stark wie vorher. Sie mühten sich vergeblich, sie zu fällen, sie vermochten es einfach nicht.

»Geht jetzt alle fort von hier«, sagt der Königssohn in seinem Zorn. Und so gingen alle fort. Da ging er auch voll Kummer zu einer alten Frau und sagte zu ihr: »Wenn du mir das Mädchen von der Zypresse herunterholst, fülle ich dir dein Kopftuch mit lauter Golddukaten.«

»Ich will sie dir wohl herunterholen«, sagte die Alte. Und sie nahm einen Backtrog und ein Sieb und Mehl und ging unter die Zypresse und setzte den Backtrog umgekehrt hin und das Sieb umgekehrt drauf und siebte auf diese Weise. Das Mädchen sah das alles von der Zypresse aus und rief laut: »Andersherum, Frau, das Sieb, nimm andersherum und auch den Backtrog!«

Die Alte wiederum tat so, als ob sie nicht hören könne, und sagte: »Ich höre nicht gut, liebes Mädchen, komm doch herunter«, und siebt wieder falsch herum drauflos.

»Andersherum, Frau, das Sieb, nimm andersherum und auch den Backtrog«, sagte Pulia zu ihr zum zweiten und zum dritten Mal. Und die Alte sagte wieder: »Ich höre nicht gut, liebes Mädchen, komm herunter und zeige es mir, so wirst du Gottes Segen haben.«

So stieg das Mädchen langsam hinab, und als sie daran ging, es der Alten zu zeigen, wie es richtig wäre, trat der Königssohn heraus, der dort verborgen war. Dieser ergriff das Mädchen, setzte sie auf sein Pferd, und fort ging es.

Das arme Lämmchen, das dort unter der Zypresse weidete, fing an zu blöken, und auch Pulia rief: »Mein Lämmchen, mein Lämmchen!« Da sagte der Königssohn zu ihr: »Sei nur nicht böse, ich will dir soviel Lämmer bringen, wie du willst.« Aber wie sollte Pulia darauf hören? »Ich will es mit nichts in der Welt vertauschen«, sagte sie.

Was soll der Königssohn nun machen? Er befahl, dass sie das Lämmchen in die Kammer ins Schloss bringen sollten, und so heiratete er Pulia.

Der König liebte seine Schwiegertochter sehr, aber die Königin beneidete sie, und eines Tages, als der Königssohn fort war zur Jagd, nahm sie ihre Schwiegertochter, wie sie sagte, zu einem kleinen Spaziergang mit in den Garten.

Als sie so spazieren gingen, kamen sie an einen ausgetrockneten Brunnen. Die Schwiegermutter gab ihr einen Stoß und warf sie in den Brunnen.

Das Lamm merkte das aber und begann laut zu blöken. Um diesem das Maul zu stopfen, überlegte die Schwiegermutter, es zu schlachten. Als der Königssohn zurückkam und Pulia nicht sah, fragte er seine Mutter: »Mutter, wo ist meine Braut?«

»Draußen«, antwortete diese, »und es trifft sich gut, denn wir wollen gerade das Lamm schlachten.« Das hörte das Lamm und lief schnell zum Brunnen und rief Pulia zu: »Pulia, sie wollen mich schlachten!«

»Sei still, mein Herzblatt, sie schlachten dich nicht.«

»Sieh, sie wetzen schon die Messer, sie wollen mich greifen und schlachten!«

»Was kann ich tun, mein Herzblatt?« sagte Pulia, »du siehst ja, wo ich bin.« Da ergriffen die Knechte der Königin das Lamm und gingen dran, es zu schlachten. Und als sie das Messer ansetzen wollten, betete Pulia zu Gott und sagte: »Mein Gott, ich bitte um Hilfe, meinen Bruder schlachten sie, und ich sitze im Brunnen!«

Mit einem Mal vermochte sie sich aus dem Brunnen zu schwingen und lief zum Lamm, dem sie gerade den Hals durchschnitten hatten. Sie weinte laut und rief, sie sollten davon ablassen. Aber sie hatten es schon geschlachtet. »Mein Lamm«, sagte sie, jammerte und rief immerzu: »Mein Lamm – mein Lamm!«

Trost fand sie nicht, obwohl der unglückliche Königssohn ihr alle Lämmer der Welt versprach. Sie wollte aber keines. »Mein Lamm, mein Lamm!« rief sie immer nur.

Recht und schlecht brieten die Diener das Lamm und brachten es auf den Tisch. »Kommt alle zum Essen«, sagten sie auch zu Pulia. »Ich habe schon gegessen«, sagte diese, »ich esse jetzt nichts mehr.«

»Komm nur, meine Liebe, komm«, sagte der Königssohn. »Iss nur, ich sagte doch, ich habe schon gegessen.«

Und als die anderen alle ihr Mahl beendet hatten, ging Pulia hin und sammelte alle Knochen, tat sie in einen Krug und begrub ihn im Garten. Am nächsten Morgen sahen sie, dass ein sehr hoher Orangenbaum an jener Stelle entsprossen war mit einer goldenen Orange an der Spitze. Kaum sah das die Hexe, die Schwiegermutter, fing sie an zu schreien: »Ich will die Orange, ich will die Orange!«

Aber als niemand die Orange erreichen konnte, wurde sie so wütend, dass sie selbst anfing hinaufzusteigen. Da wandten sich die Zweige des Baumes gegen sie und drangen ihr geradewegs in die Augen und stachen sie ihr aus.

Pulia hat es alles von ferne gesehen und sagte: »Lasst mich die Frucht herunterholen.« Wie sie sich näherte, neigte sich der Baum von selbst zu ihr hin und sagte: »Greif mich fest, Pulia!«

Und als sie die Orange ergriff, gab es einen lauten Donnerschlag, und sie flog hoch in den Himmel hinauf und sagte: »Leb wohl, lieber Schwiegervater und du, guter Königssohn. Ich kann auf dieser Welt nicht leben. Aus den Händen einer bösen Stiefmutter fiel ich in die Hände einer bösen Schwiegermutter.«

Und seitdem gibt es zwei neue Sternbilder am Himmel, Pulia – das Siebengestirn, und den Morgenstern.

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Autor: Märchen aus Griechenland

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