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Maskerade und Ausdruck

Maskerade und Ausdruck ⋆ R.M.F ⋆ Alltagspsychologie

Kehren wir zurück zum Ausgangsproblem, zur Frage, ob die Tatsache der Maskerade nicht alles aufhebt, was wir über den inneren Zusammenhang zwischen Leib und Seele gesagt haben.

Die Antwort ist bereits zwischen den Zeilen gegeben, doch seien die wichtigsten Punkte nochmals hervorgehoben. Zunächst ist zu betonen, dass der Begriff der Maske für jedes feinere Ohr bereits eine, wenn auch abnorme Beziehung des Ausdrucks zum ICH in sich einschließt.

Wenn jemand beliebige Grimassen schneidet oder sich mit wahllos ergriffenen Kleidungsstücken behängt, so ist das nicht »Maske« im tieferen Sinn: dieser Begriff setzt voraus, dass der in irreführender Absicht gewählte Ausdruck oder das Kostüm zu dem die Maske tragenden ICH sinnvollem Verhältnis, wenn auch dem zweckhafter oder ästhetischer Umkehrung des normalen Ausdrucks, steht, mag dies auch oft nur radikale Annullierung jedes bestimmten Ausdrucks sein.

Jede Maske steht also nicht in zufälligem Verhältnis zu dem sie tragenden ICH, sie ist nur ein in der Absicht der Irreführung gewählter, aber darum kein vollkommen sinnloser Ausdruck, da auch jene Politik der Täuschung im ICH wurzelt. Meist ist es die Beziehung des »Kontrastes«, die die Maske bestimmt.

Das gilt zunächst von allen Nutz-Maskeraden. Wer sich zu bestimmten Zwecken maskiert, trägt eben die Zweck-Absicht so stark in seiner Seele, dass sie allen anderen Ausdruck zurückdrängt, dass also der Ausdruck dieses Zweck-Willens der Ausdruck wenigstens der momentanen wirklichen Verfassung des ICH wird.

Der seinen Stolz durch schmeichlerisches Mienenspiel maskierende Höfling wird wenigstens in diesem Augenblick ganz Schmeichler. Der sich als Mönch verkleidende Mörder trägt doch in seiner Seele den Willen, als Mönch zu wirken: das Kleid ist nicht Ausdruck seines dauernden Wesens, sondern Ausdruck eines ihn momentan beherrschenden Willens zum möglichst starken Kontrast gegen seinen gewöhnlichen Wesensausdruck.

Damit kommen wir an einen zweiten Punkt, der noch tiefer offenbart, dass die Maske keineswegs die Aufhebung jeder Beziehung des Ausdrucks zur Seele ist. Die Seele ist ja niemals totale Einheit, sondern hat die Möglichkeit mannigfacher Spaltung, ja die Möglichkeit, durch Einfühlung sogar fremde ICH-Rollen zu übernehmen.

Es leben in jeder Seele sozusagen viele Individualitäten der Möglichkeit nach, deren jede sich ihren Ausdruck schaffen kann. Das offenbart sich am besten beim Schauspieler, dem übrigens auch nicht alle Rollen gleich liegen, der auch nur solche Masken gut durchführen wird, für die irgendwelche seelischen Voraussetzungen bei ihm bestehen.

Man kann sich auch im Leben nur maskieren in Rollen, für die die seelischen Möglichkeiten vorhanden sind; nur dann wirkt die Maske echt. Gewiss gehen manche Menschen auf einen Maskenball in einem Kostüm, das sie durch Zufall bekommen: man merkt dann jedoch sofort, dass diese Maske zu dem anderen nicht passt. Schon diese Wirkung setzt voraus, dass es echte und unechte Maskeraden gibt, insofern bei der echten Maske eine Beziehung, wenn auch abnormer Art, zwischen ICH und Maske vorausgesetzt wird.

Man hat sogar gesagt, um die Menschen wahrhaft kennen zu lernen, müsse man sie auf einem Maskenball beobachten. Das hat seinen tieferen Sinn darin, dass die Menschen sich als Maske gern den Ausdruck dessen wählen, wozu sie wohl die seelischen Voraussetzungen in sich tragen, ohne im übrigen Dasein sie ausleben zu können.

Das Verhältnis ist eben das des Kontrastes, der ja niemals bloß zufällig ist, sondern eine übergreifende Einheit voraussetzt. Man beobachte seine Bekannten nur bei Maskeraden, und man wird bald diese innere Bezüglichkeit echter Masken erkennen!

Es ist höchst verräterisch, wenn sich ein sozialistischer Stadtrat als »Marineoffizier« oder Damen der Gesellschaft als »Odalisken« maskieren!

Vollends aber wird der scheinbare Widerspruch zwischen wirklichem ICH-Ausdruck und Maske dadurch aufgehoben, dass wenn die Maske nicht dem ICH angepasst ist, die Maske das ICH nötigt, sich seinerseits anzupassen. Die Maske hat zwingende Gewalt über die Seele.

Wer eine Offiziersuniform anzieht, ändert unwillkürlich seine Haltung ihr entsprechend. Oscar Wilde im Zuchthäusler-Anzug war nicht mehr Oscar Wilde: die aufgezwungene Maske war stärker als er, und der Dichter hat nie ihren Einfluss überwunden.

Wo die Maske nicht Ausdruck ist, strebt sie es zu werden.

Es gibt nur zweierlei: entweder wir unterwerfen uns die Dinge, machen sie herrisch zu unseren Symbolen, oder sie unterwerfen uns, machen uns zu ihren Sklaven. Eine Neutralität zwischen ICH und Welt gibt es nicht.

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Autor: R.M.F

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