Hauptarten der Symbole

Hauptarten der Symbole – R.M.F – Alltagspsychologie 

Nicht alle Symbole haben aus gleichen Gründen Symbolwert; es gilt, die besondere Art der Beziehung zwischen Seele und symbolischem Gegenstand aufzuspüren, und man gewinnt dadurch die Möglichkeit einer Klassifizierung der Symbole.

Um es vorwegzunehmen, ein Ding kann Symbol sein, erstens, weil es ein Instrument, zweitens weil es Ziel seelischer Regungen ist, oder drittens, weil es mit solchen Zielen in einer weiteren, sekundären Verwandtschaft steht.

Danach unterscheidet man Instrumental-, Ziel- und Sekundär- oder Assoziationssymbolik.

Instrumentalsymbolik

Gehen wir zunächst vom direkten Ausdruck, der Ausdrucksbewegung, aus, die sich durch Hinzuziehung äußerer Dinge verstärkt, so dass sich der Ausdruck gleichsam in diese hinein verlängert: so haben wir die Gruppe der Instrumental- oder Verlängerungssymbole.

Wir kennen als Geste freundschaftlichen Grußes oder der Anlockung das Winken mit der Hand, Gesten, die sich oft als verstärkender Hilfen eines Fächers oder Schleiers bedienen. Diese Instrumente werden dadurch, dass der Ausdruck sich in sie hinein verlängert, Symbole.

An Stelle der drohenden Faust kann noch wirkungsvoller das drohend geschwungene Schwert treten, ein Nutzgegenstand, der damit Symbol wird und diesen Symbolcharakter auch dann behält, wenn er nicht im drohenden Arm geschwungen wird. Denn das Schwert ist allgemein verständlich ein Symbol kriegerischer Gesinnung. 

In feinsinniger Untersuchung hat man dargelegt, dass all unsere Werkzeuge Verlängerungen unserer Organe sind: die Zange eine Verlängerung der greifenden, der Hammer eine Verlängerung der schlagenden Hand, der fotografische Apparat, das Fernrohr und das Mikroskop Erweiterungen des Auges, Radio und Telefon Erweiterungen des Ohres.

Sie sind es jedoch nicht nur für die Nutzanwendungen jener Organe, sie sind es auch für ihre Ausdruckswerte.

Wenn auf Dürers wundersamem Stich ‚Melancholie‚ die Frauengestalt mit den Adlerflügeln und dem grünenden Lorbeerkranz im Haar, die den faustisch strebenden Menschengeist verkörpert, dem es schier das Harz verbrennt, dass wir nichts wissen können: wenn diese schwermütig blickende Gestalt, hinter der ein geheimnisvolles Licht aufglüht, umgeben ist von Waage und Stundenglas, von Rechentafel und geometrischen Körpern, so fühlt man deutlich den Symbolwert dieser Dinge als wie der Instrumente menschlichen Denkens und Forschens.

Sie sind Verkörperungen der Seele, weil sie ihre Instrumente sind, weil sich nicht nur deren Zwecke, nein auch der Gefühlswert ihrer Strebungen in die Dinge hinein verlängert hat. 

Als Verlängerungssymbol ist auch die Schrift des Menschen anzusprechen, in die hinein sich nicht nur der Zweckwille, nein, sein ganzes Wesen ausdrucksmäßig überträgt, gleichsam ins tote Material hinein verlängert, so dass die Schrift Symbol für den Charakter des Menschen wird.

Und die Gestaltung der Instrumente durch den Menschen zeigt ebenfalls, dass er nicht nur Nutzwirkungen, dass er auch Ausdruck damit anstrebt. Das Blitzen des Schwertes hat geringen Nutzen, aber starken Symbolwert.

Dass früher ein Schild mit drohenden Fratzen bemalt wurde, mag ursprünglich den Nutzen der Schreckform gehabt haben, es wird später objektiver Ausdruck, Symbol.

Im Verlängerungsausdruck wird das Symbol gleichsam einbezogen in die Ausdrucksgeste, im gegenständlichen Symbol dagegen handelt es sich um einen Gegenstand, das heißt das Ziel einer seelischen Regung, das dem Ich gegenübersteht, und das doch auf das Ich, das ihn erstrebt oder meidet, zurück bezogen werden kann als Symbol für jene seelischen Regungen.

Am reinsten tritt der Symbolwert dann heraus, wenn nicht der reale Gegenstand, wenn nur sein Bild Ziel des seelischen Prozesses ist, weil hier die Zweckbeziehung wegfällt. 

Essen oder Trinken eines Menschen kann zunächst als Nutzhandlung gelten; wenn er jedoch seine Zimmer mit Stillleben kulinarischen Inhalts vollhängt, leuchtet der Symbolwert der Dinge stärker hervor, zum Teil deshalb, weil das Bild nicht nur Symbol der seelischen Beziehung, sondern auch Symbol des Gegenstandes, also in doppelter Hinsicht gegenständliches Symbol ist.

In diesem Sinne ist die gesamte Kunst, soweit sie gegenständlich ist, Symbol. Der Inhalt einer Dichtung pflegt symbolisch zu sein für den Charakter des Schöpfers, zuweilen auch für den Charakter des Publikums, das sie begeistert aufnimmt.

Es ist nicht zufällt, es ist tief symbolisch, dass das frühe Mittelalter von ‚Helden lobebären‘ sang; es ist nicht zufällig, sondern symbolisch, wenn das spätere, verbürgerlichte Mittelalter in lehrhafter Spruchpoesie und in derber Realistik schwelgte, oder wenn die galante Zeit auch im Inhalt ihrer Kunst ‚galant‘ war.

Zugegeben, dass stets äußere Faktoren die reine Gegenstandsbeziehung zum Ich durchkreuzen; vorhanden ist sie doch immer, wenn auch mannigfach verkappt und verhüllt. Ja, oft haben wir kaum andere Mittel, unsere inneren Regungen zu erkennen, als dass wir ihre Gegenstandsbeziehungen beachten.

Die Gegenstände erst locken unsere verborgenen Triebe, Sehnsüchte und Gelüste heraus: wollen wir unmittelbar in unsere Seele schauen, so blicken wir hinein wie die Fischer in den dunklen See: erst indem sie eine Angel mit lockendem Köder hineinsenken, bringen sie die Bewohner der Tiefe an die Oberfläche.

Die Gegenstände sind die Köder, auf die hin die Triebe der Seele ihrer Verborgenheit enttauchen, jene werden daher zu Zeichen und Symbolen der Seele.

Um zu erkennen, welche Talente und Fähigkeiten wir haben, müssen wir fragen, welche Gegenstände uns am tiefsten ergreifen, was uns zum stärksten Erlebnis geworden ist.

Nicht indem wir in starrer Selbstschau in unser Inneres blicken, offenbart sich uns unser Charakter, sondern nur in den Gegenständen, auf die unsere Triebe sich richten, den Gegenständen unserer Interessen, Neigungen und Abneigungen.

Wir erkennen unsere Innenwelt nur, indem wir in die Außenwelt schauen, wir verstehen die Außenwelt nur, indem wir sie zurück beziehen auf unsere Seele.

Mathematisch gesprochen ist unsere Umwelt eine Funktion unserer Seele, weil nur das zu unserer Umwelt gehört, was Ziel unserer seelischen Regungen, Symbol der Seele ist.

Assoziationssymbolik

Die Symbolwirkung greift jedoch weit über die konkrete Gegenstandsbeziehung hinaus, oft genügt eine nur entfernte Verknüpfung mit einem konkret begehrten Gegenstand, um dritten Gegenständen Symbolkraft zu leihen.

Nicht nur die Geliebte selbst hat innere Beziehungen zum Ich, auch ihr Halstuch oder Schmuck, die Blumen, die sie hegt, die Landschaft, in der sie Erholung sucht.

Ich bezeichne diese Art der Symbolik als ’sekundäre oder Assoziationssymbolik‘. Freilich ist es oft ungeheuer schwer, die Fäden sichtbar zu machen, die einen Gegenstand auf solchen Umwegen symbolhaft an das Ich knüpfen, oft laufen jene Fäden unentwirrbar durcheinander. Oft ist es Ähnlichkeit, oft nur zufällige räumliche oder zeitliche Verbindung. 

Die Fantasie arbeitet auf seltsamen Zickzackwegen, um die Dinge mit dem Ich zu verknüpfen. Oft gelingt es auch feinsten Analysen nicht, die verschlungenen Knäuel der Verbindungsfäden zu enthüllen, die einen Gegenstand an die Seele knüpfen.

Eine verstandesmäßig kaum fassbare Stimmungsgemeinschaft kann Gegenständen Symbolwert geben. An Stelle des wirklichen Gegenstandes tritt nur ein Teilphänomen, das sinnhaft oder gefühlsmäßig stark beeindruckend wirkt. Darin stehen vor allem die Farben voran, denen man seit alters her stärkste Symbolwerte zuschreibt.

Hier und da treten die Verknüpfungsfäden noch deutlich zutage: dass das Weiß die Farbe der Reinheit, der Unschuld, der jungfräulichen Zartheit ist, dass das Grün die Farbe aufkeimender Hoffnung, des Friedens in der Natur jenseits der staubigen Stadt, dass das Rot die Farbe des kriegerischen Mutes ist, lässt sich noch leidlich eindeutig verstehen: oft genug aber verwirren sich die Fäden so, dass alle diese Farben das Gegenteil bedeuten können.

Was die Farbe an sich an Symbolwerten birgt, überträgt sich auch auf farbige Gegenstände: Edelsteine, Metalle, Blumen, wobei hinzukommt, dass man den Blumen einfühlend auch eine Seele verleiht, die nicht nur auf ihren farbigen Eigenschaften beruht, sondern auch ihrer ‚Gestalt‘, ihrer ‚Haltung‘, ihrem ‚Verhalten‘ wegen, wenn man so sagen darf.

So wird uns das Veilchen nicht seiner Farbe halber, sondern seines verborgenen Vorkommens wegen zum Symbol der Bescheidenheit, die Eiche ob ihres knorrigen Stammes wird zum Symbol der Kraft, des Trotzes, des Stolzes, das Immergrün zur Pflanze der Unsterblichkeit.

Der Symbolwert der Dinge beruht nicht nur auf Gefühlen, die wir den Dingen gegenüber haben, oft auch auf solchen, die wir nur einfühlen in die Dinge. Kraft dieser Einfühlung werden vor allem auch Tiere Symbole der Seele, und es gibt in vielen Kulturen eine fast zur Wissenschaft gewordene Tiersymbolik.

Je länger die Verknüpfungsfäden sind, um so schwieriger ist die Deutung, zumal jedes Ding viele Seiten hat, wobei oft schwer zu enträtseln ist, an welcher davon die Verknüpfungsfäden angesponnen sind.

Im wachen Leben werden diese Assoziationen noch einigermaßen kontrolliert: im Traum jedoch, dem Nachttraum wie dem Dichtertraum, schwinden solche Hemmungen, und Beziehungen, die dem Tagesbewusstsein verborgen sind, werden lebendig.

Die meisten Träume sind hochsymbolisch, und darauf beruht ihre Bedeutung für den Seelenkenner, dass sich in solchen symbolischen Verkappungen seelische Tendenzen ans Licht wagen, die sonst völlig im Dunkel bleiben.

Im Traum werden die unterbewussten Mächte unserer Seele frei: was wir fürchten und begehren, was wir lieben oder hassen, verrät sich im Traum in symbolischer Gestalt, und es ist die Kunst des Traumdeuters, die verborgenen Verbindungsfäden sichtbar zu machen.

Wenn der Joseph der Bibel seinen Brüdern von seinem Traum erzählt: „Mir deuchte, wir banden Garben auf dem Feld, und meine Garbe richtete sich auf und stand; und eure Garben umher neigten sich vor meiner Garbe“, so offenbart sich darin zunächst nur sein Ehrgeiz und sein Stolz. Aber insofern solch starke Triebe sich zu verwirklichen streben, kann ein derartiger Traum auch die Zukunft weissagen.

Was an Tagesbewusstsein sich nicht zu offenbaren wagte, verkappt sich hinter dingliche Symbole. Noch tolleres Spiel treibt die Symbolik im Wahnsinn.

Verknüpfungssymbole

Wir leuchten damit hinein auch in die Motivation, die uns Verknüpfungssymbole wählen heißt. Diese treten dann ein, wenn die volle Wirklichkeit entweder nicht erreichbar ist, oder wenn sie verborgen oder nur angedeutet bleiben soll.

Gott als Gegenstand des Glaubens steht jenseits aller realen Erfassung: deshalb werden auch sein Haus, sein ‚Wort‘ (Bibel), oder das Kreuz Symbol für ihn und die Beziehung des Menschen zu ihm.

In symbolischer Form dürfen sich seelische Beziehungen äußern, die sonst sorglich versteckt werden. Es gilt als geschmacklos, in direkten Worten mit der Gunst seines Herrschers zu prahlen; trägt man aber im Orden ein Symbol dieser Gunst zu Schau, wird das nicht als Prahlerei empfunden.

Die Keuschheit verbietet einem jungen Mädchen, sein erotisches Werben offen zu zeigen: in konventioneller Verknüpfungssymbolik aber, durch lockende Kleidung, durch Blumen im Haar oder berauschende Parfüms kann es ungestraft geschehen.

Eben deshalb, weil die Verknüpfungssymbolik nicht streng eindeutig ist, sind ihre Ausdrucksmöglichkeiten auch so reich und frei. Wir können aber aus den Symbolen seelische Tiefen erschließen, die sich niemals in direktem Ausdruck offenbaren würden. 

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Autor: R.M.F

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