Der Treuhänder und der Eid · Aesop Fabel · Wahrheit und Lüge
Ein Händler in einer Stadt in Griechenland, der auch als Treuhänder tätig war, hatte einmal von seinem Freund eine Menge Geld zur Verwahrung genommen und trachtete danach, ihn zu betrügen.
Als der Freund nun eines Tages sein Geld zurück forderte, leugnete dieser vehement, jemals von ihm Geld bekommen zu haben. Dem Mann blieb folglich nichts anderes übrig, als den Händler zur Eidesleistung vor Gericht zu bringen.
Der Händler aber scheute sich vor Gericht zu gehen und war gerade dabei in die Ferne zu flüchten, als er am Stadttor angelangt einen lahmen Mann erblickte, der ebenfalls die Stadt verlassen wollte. Diesen fragte er nebenbei, wer er denn sei und wohin denn sein Weg führe.
Als der Angesprochene erwiderte, er sei Horkos, der Gott des Eides, und sei just hinter einem Meineidigen her, fragte er weiter, wie oft er denn so in die Stadt zu kommen pflege. »Alle dreißig, manchmal auch nur alle vierzig Jahre«, war die Antwort.
Da zögerte der Händler nicht länger, kehrte sofort wieder um und legte gleich am nächsten Tag vor Gericht den Eid ab, dass er nie und nimmer Geld vom Freund in Empfang genommen habe.
Da aber war Gott Horkos augenblicklich wieder zur Stelle und deckte den Meineid auf.
Als der Händler dann zu Kerker verurteilt wurde, beschuldigte er Gott Horkos noch der Lüge, denn dieser hätte ja behauptet, nur alle dreißig oder vierzig Jahre in die Stadt zu kommen, und jetzt lasse er ihn nicht einmal einen Tag straflos sein.
Horkos aber fiel dem Sprecher sofort ins Wort: »Du solltest wissen, wenn mir einer gar zu lügnerisch wird, dann komme ich für gewöhnlich noch zur selben Stunde!«
Lehre: Der Wahrheit ist kein Termin gesetzt und Lügen haben kurze Beine.
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