Das eherne Tor · Märchen

Das eherne Tor · Märchen zum Nachdenken

Das eherne Tor · Im fernen Land Akram wurden am gleichen Tag zwei Knaben geboren. Der eine, Josef sein Name, wuchs im Haus eines wohlhabenden Bauern heran und alles stand ihm zu Diensten.

Der andere Junge, Hans sein Name, war der Sohn des Schulmeisters. Jener unterrichtete die Kinder des Dorfes. In der Schule war Hans immer sehr fleißig und versuchte aus all den Büchern, die er zum Lesen fand, die Welt kennen zu lernen.

Josef, der Sohn des Bauern hingegen, glänzte in der Schule meist mit Abwesenheit. Er schikanierte lieber auf dem Hof das Gesinde herum.

Hans hingegen stopfte sich mit Wissen voll, nicht um damit vor seinen Kameraden etwa zu prahlen, sondern einfach aus lauter Freude, immer wieder etwas Neues zu entdecken.

Dabei vergaß er aber auch mitunter seine häuslichen Pflichten. Das währte aber nur solange, bis ihn die Mutter wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholte.

Hans erkannte, dass seine Mutter eigentlich recht hatte und dass man nicht nur für sich selbst auf dieser Welt lebe. Deshalb änderte er auch seinen Wandel und versuchte, zuerst zu helfen, wo es Not tat und dann erst seinen Wissensdurst zu befriedigen.

Dabei erkannte er auch, dass nicht nur Bücher Erfahrungen vermitteln, sondern das Leben selbst ihm einen reichen Schatz zu schenken bereit ist.

So ungleich die beiden Buben auch waren, so befreundeten sie sich doch. Einer fand im anderen nämlich das, was ihm selbst fehlte. Nach Vollendung des achtzehnten Lebensjahres beschlossen sie sodann, in die Welt hinaus zu wandern, um ihr Glück zu finden.

Jeder hatte von zuhause ein schweres Bündel mitbekommen, das schleppten sie auf ihrem Rücken mit. So gelangten sie nach einigen Tagen an den Rand eines finsteren Waldes und bevor sie ihn durchschritten, machten sie eine kurze Rast.

Plötzlich stand vor ihnen im Moos ein kleiner Wicht, der sich mit der Hand langsam seinen langen Bart strich und sie beobachtete. Dann griff er in seine Rocktasche und schenkte jedem von ihnen einen kleinen Schlüssel. Ehe sie ihn aber noch etwas fragen konnten, war er schon wieder verschwunden.

»Was soll ich mit dem Schlüssel da ohne die dazu gehörige Schatulle anfangen?« murrte der Bauernsohn und warf das Geschenk achtlos weg.

Hans aber betrachtete den kunstvoll geschmiedeten kleinen Schlüssel und meinte: »Wer weiß, wozu man ihn einmal brauchen kann«, verwahrte ihn sorgfältig auf und rief dem Zwerg noch ein »Dankeschön« hinterdrein.

Anschließend durchquerten sie den Wald und kamen auf einer Anhöhe an eine Kreuzung. Hier vereinbarten sie, sich zu trennen. Ein jeder solle fortan seinen eigenen Weg finden. Hans entschied sich für den rechten Pfad, Josef wandte sich dem linken zu.

Dann nahmen sie herzlich voneinander Abschied und gelobten sich Treue. Es war aber der Glücksberg, den die beiden erreicht hatten und den ein jeder von einer anderen Seite her nun erklimmen sollte.

Josef, der da meinte, alles hätte sich nach seinem Willen zu bewegen, stürmte behände voran, so gut das eben mit dem schweren Bündel auf dem Rücken ging, sah nicht rechts noch links, stolperte im Lauf der Jahre über viele Steine und musste oft unübersehbaren Felsbrocken ausweichen.

Das erzürnte ihn schließlich immer mehr, er begann zu fluchen und sein Bündel kam ihm auch immer schwerer vor. Langsamer schritt er nun voraus, am Ende kam er gerade noch mit größter Anstrengung voran.

Endlich erblickte er weit von sich entfernt ein großes Tor, das aus Erz geschmiedet war und wunderbar im Sonnenschein glänzte. Nun konnte seinen Gang nichts mehr aufhalten. Er hatte ein Ziel, auf das er zusteuerte.

Dann schien es ihm, als winke eine weiß gekleidete Person, die ihn aufforderte doch etwas zu verschnaufen. Doch nichts konnte ihn mehr aufhalten. Stolz kämpfte er sich weiter, bis er vor dem ehernen Tor stand.

Aufatmend warf er sein Bündel ab, das ihm schier unerträglich schwer geworden war, und wollte durch das Tor schreiten. Daran hinderte ihn jedoch ein donnerndes »Halt«.

Verwundert sah er auf und gewahrte einen ehrfurchtgebietenden Engel, der ihn streng, aber dennoch gütig, fragte: »Wo hast du den Schlüssel? Ohne ihn wird sich kein Tor öffnen!«

Nun fiel es ihm wie Schuppen von den Augen, und er erinnerte sich an den Zwerg und an den Schlüssel, den er vor vielen Jahren geschenkt bekommen und für wertlos befunden hatte. Aufschluchzend brach er fast zusammen. Jedoch der Engel verhieß ihm:

»Du darfst den Schlüssel suchen und wenn du ihn gefunden hast wiederkommen. Dann wird dir aufgetan.«

Halb am Boden zerstört ergriff Josef wieder sein Bündel und schlich von dannen. Jetzt aber blickte er aufmerksamer um sich und bemerkte, wie viele Menschen den Pfad vor ihm schon bestiegen hatten. Er sah auch, dass einige von denen auch schon früher umgekehrt waren, vom weißen Helfer daran erinnert, dass sie den Schlüssel bräuchten.

Reuevoll wandte er sich wieder dem Wald zu, wo er das kostbare Geschenk mutwillig von sich geworfen hatte. Das war ein schwerer Gang, und doch schien es ihm, dass sein Bündel etwas leichter geworden wäre.

Unterdessen hat auch Hans von seiner Richtung her den Glücksberg erstiegen. Ebenso gab es hier Gestein und Felsen. Weil er aber mit offenen Sinnen wanderte, entdeckte er bald manch schöne Blume dazwischen, freute sich an Wind und Sonne und mancherlei munterem Getier.

Neben ihm kletterten etliche andere Wanderer den steilen Pfad hinauf, einige überholten ihn rasch, neidlos sah er ihnen hinterdrein. Auch ihm winkte eine weiß gekleidete Person, anzuhalten, und er folgte willig dessen Rat. Auch sichtete er sein Bündel um es zu erleichtern und entnahm für den Aufstieg Unbrauchbares.

Wundervoll erleichtert nahm er seinen Weg wieder auf und mit großen Schritten ging es weiter.

Da hemmte noch etwas anderes sein Vorwärtsstreben. Eine müde Frau war in einen Graben gefallen und kam mit ihrer Bürde nicht mehr hoch. Liebevoll fasste er nach ihr, hob sie auf und stützte sie ein gutes Stück des Weges, bis sie es alleine wieder schaffte.

Das hatte ihm viel Zeit geraubt, die ihn seinem Ziel hätte rascher näherbringen können. Er ließ sich aber nicht verdrießen, freute sich geholfen zu haben und siehe da, mit einem Mal war sein Bündel wieder etwas leichter geworden.

Das ging so fort, bis er von weitem ebenso das eherne Tor im Sonnenlicht leuchten sah. Auch den weißen Engel erblickte er dort und näherte sich ihm ehrfurchtsvoll und voller Vertrauen. Der sprach zu ihm:

»Wo hast du den Schlüssel?«

Freudig zog Hans den kleinen und schön verzierten Schlüssel aus der Rocktasche und wies ihn vor. Da war dieser plötzlich zu einem prächtig großen Schlüssel herangewachsen. Der Engel klopfte damit drei Mal ans Tor und sofort taten sich die beiden Flügel auf.

Jetzt war der Blick frei in ein großes weites Land, Blüten der Schönheit schwebten auf zarten Stängeln und Früchte der Wahrheit funkelten in grünem Laub. Kurz, es war ein Herz erhebendes Bild.

Da sah er auf der anderen Bergseite seinen ehemaligen Wandergenossen und Jugendfreund, wie er traurig und schwer belastet sich abmühte, den einst so leichtsinnig verschmähten Schlüssel wiederzufinden.

Fragend sah er den Engel an. Der nickte ihm unmerklich zu, und Hans wandte sich von der Herrlichkeit ab und machte sich auf den Weg zu Josef. Er half ihm unaufdringlich und bescheiden bei der Suche nach seinem Schlüssel, und nach geraumer Zeit fanden sie ihn auch und Josef hielt ihn wieder in seinen Händen.

Dieses Mal aber hielt Josef den Schlüssel dankbar fest und bewahrte ihn auch sicher auf.

Hans und Josef kehrten sodann zurück zum Tor und das Land des Glücks nahm sie freudig auf. Sie verließen das Land vereinzelt nur, wenn es galt, Menschen in Not hilfreich zur Seite zu stehen.

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Autor: N. N.

Bewertung des Redakteurs:
4

Wie herrlich ist es, dass niemand eine Minute zu warten braucht, um damit zu beginnen, die Welt langsam zu ändern.

Anne Frank