Abgesichert zur Sicherheit

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Abgesichert zur Sicherheit – Ephraim Kishon – Satire

Nach einem Flug, der fast ausschließlich aus Luftlöchern bestand und uns lebhaft an unsere Kanalüberquerung erinnerte, landeten wir in New York.

Onkel Harry und Tante Trude erwarteten uns am Flughafen und fielen uns gerührt um den Hals.

»Wie war der Flug?« fragte Tante Trude.

»Frag mich nicht«, antwortete meine Frau. »Über dem Ozean sind wir in ein fürchterliches Unwetter geraten. Wir dachten schon, dass wir es nicht überleben.«

»Moment«, sagte Onkel Harry. »Habt ihr denn keine Lebensversicherung?« — »Ja.« — »Also. Wozu die Aufregung?«

Dazu muss man wissen, dass Onkel Harry, seit er die amerikanische Staatsbürgerschaft erworben hat, ein Musteramerikaner geworden ist und alles versichert, was sich irgendwie versichern lässt. Buchstäblich alles. Hier liegt das Geheimnis seines sicheren Auftretens, seiner inneren Spannkraft, seiner Vitalität. Er ist jetzt 59 Jahre alt, der Onkel Harry – aber wenn man ihn so sieht, mit seinem lebhaft gemusterten Sportjackett, seiner farbenfrohen Krawatte und seinem blitzenden Gebiss: man würde ihn höchstens für 65 halten.

»Wovor soll ich mich noch fürchten?« fragte Onkel Harry. »Ich habe eine Lebensversicherung über 300.000 Dollar abgeschlossen, die alles einschließt: natürlichen Tod, gewaltsamen Tod, Tod durch Selbstmord, tödlicher Unfall, Wahnsinn, Entführung, Kerker. Also?«

Stolz führte er uns durch sein Häuschen in einem der uniformen Villenvororte New Yorks. Die Zentralheizung hatte ihn 15.000 Dollar gekostet, die Garage mit der Gleittür, die sich automatisch öffnet und schließt, 10.000 Dollar. Wie viel ihn die Möbel gekostet haben, weiß ich nicht mehr. An den Wänden hingen ein paar alte niederländische Holzschnitte, sehr schöne Stücke aus der 3000-Dollar-Schule; sie waren auf 18.000 Dollar gegen die etwaige Entdeckung versichert, dass es sich um Fälschungen handelte.

Auch die Bibliothek erfreute sich einer kostspieligen Versicherung gegen Feuer, Vergilbung und Stockflecken. Die Versicherung des atemberaubenden Ausblicks vom Fenster bezog sich auf Erdbeben, Tornados und fliehende Büffelherden. Und die Vögel im Garten konnten fröhlich zwitschern, weil sie wussten, dass sie gegen Rinderwahnsinn, Papageienkrankheit und Jagdfalken versichert waren.

»Meine Frau hab ich auf 170.000 Dollar versichert« flüsterte Onkel Harry mir ins Ohr. »Anders wär’s nicht rentabel gewesen. Ich musste ja schon 30.000 Dollar in die Scheidung von ihrem ersten Mann investieren…«

Abgesichert zur Sicherheit – Ephraim Kishon – Satire

Abgesichert zur Sicherheit
Abgesichert zur Sicherheit Ephraim Kishon 1

Abgesichert zur Sicherheit - Ephraim Kishon - Satire - Nach einem Flug, der fast ausschließlich aus Luftlöchern bestand und uns lebhaft an unsere Kanalüberquerung erinnerte, landeten wir in New York.

URL: https://aventin.de/abgesichert-zur-sicherheit-ephraim-kishon/

Autor: Ephraim Kishon

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