50 · Uniformen der geistigen Typen

Uniformen der geistigen Typen · Alltagspsychologie · R.M.F

Nicht nur die Affekttypen, auch die Geistestypen prägen ihre Eigenart in der Kleidung aus und, ohne dass die emotionale Symbolik dadurch aufgehoben werden würde, macht sich daneben, ja durch jene hindurch schimmernd, auch die Uniformierung nach geistigen Besonderheiten geltend.

Konkrete Menschen bringen ihre stärkere Sinnesempfänglichkeit und Sinnesfreudigkeit auch in ihrer Kleidung zum Ausdruck. Sie lieben Farbe, schöne Form, Duft und weiche oder sonst dem Tastgefühl angenehme Stoffe

Daher pflegen alle Menschen, die nicht von der Gedanken Blässe angekränkelt sind, sinnhafte Reize in ihrer Kleidung wirken zu lassen: Naturvölker, Bauern, Kinder gefallen sich in bunter Kleidung, und es wäre falsch, die Farbenfreudigkeit unserer Frauen nur auf das Konto der Werbung zu setzen.

Es ist eine durchaus unberechtigte Eitelkeit der Männer, wenn sie glauben, die moderne Frau schmücke sich in erster Linie für sie; in der Regel weiß die Frau, dass der Mann recht stumpfe Augen hat und dass ihre Geschlechtsgenossinnen weit mehr Interesse an ihrer Kleidung nehmen als Männer.

Der heutige Mann gehört durchschnittlich zum abstrakten Typus, der Farben überhaupt kaum mehr wahrnimmt. Untersuchungen in psychologischen Laboratorien stellen eine erschreckende Sinnesstumpfheit beim Durchschnitts-Mann fest.

Kein Wunder, dass der Mann auch fast immer Grau in Grau daher kommt. Gelehrte sind auch früher schon in solcher Tracht gegangen; heute in unserer intellektuell gewordenen Zeit hat jedoch das theoretische Grau auch breite Bevölkerungsschichten ergriffen.

Zur Farblosigkeit kommt in der modernen Herrentracht auch noch die nüchterne Sachlichkeit, eine völlig unorganische Form, die die natürliche Körpergestalt ganz versteckt, Arme und Beine in unorganische Röhren zwängt, gerade Linien (man denke an die Bügelfalten) hinein bringt, und nur mathematische Vernünftigkeit übrig lässt.

An Stelle der individuell lebendigen Buntheit der Kleidung des konkreten Menschen tritt das Kostüm, das zum Schema, fast möchte man sagen zum Begriff, zur geometrischen Figur (Zylinder) geworden ist.

Nur schwach kommen gegen die Herrschaft des abstrakten Geistestypus andere auf. Der Erinnerungsmensch, der in der Vergangenheit lebt, prägt seine Neigung zur Vergangenheit in einem Haften an unmodischen Formen aus, der Fantasietypus dagegen wagt es, weit hergeholte Formen wenigstens anklingen zu lassen.

Der Fantasie-Mensch liebt fantastische Krawatten, Fantasiewesten, ungewöhnliche Stoffe wie Samt oder Seide, abenteuerliche Hüte, kurz, alles das, was man als Künstlertracht anspricht, die aber auch bei fantasievollen Nichtkünstlern zuweilen anzutreffen sind.

In der Fantastik der Farben und Linien, so schüchtern sie sich auch heraus wagt, liegt eine Rebellion der Fantasie gegen die nüchterne Vernünftigkeit der Bürgertracht.

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Autor: R.M.F

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