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Mal was anderes

Mal was anderes · Kurt Kusenberg · Schausteller Clown

Es war eine sehr steife Familie. Vielleicht lag es daran, dass sie sich gleichsam vorschriftsmäßig zusammensetzte: ein Mann, eine Frau, ein Sohn, eine Tochter ach, Unsinn, daran lag es nicht, sondern das Steife steckte ihnen im Blut.

Sie lächelten immer fein, aber sie lachten nie; sie benahmen sich wie bei Hofe und kannten kein derbes Wort. Hätte einer von ihnen gerülpst, so wären sicherlich die anderen ohnmächtig nieder gesunken

Abgezirkelt verging ihnen der Tag. Beim Mittagessen betraten sie ganz kurz vor zwölf den Speisesaal, jeder durch eine andere Tür, und stellten sich hinter ihren Stühlen auf. Zwischen dem sechsten und dem siebten Schlag der Uhr nahmen sie Platz. Der Tisch war überaus vornehm gedeckt. über der weißen Spitzendecke lag, um diese zu schonen, eine Glasplatte, und bei jedem Gedeck standen drei geschliffene Gläser, obwohl nie Wein getrunken wurde, nur Wasser.

Die Mutter trug beim Essen einen Hut auf dem Kopf. Dem Vater traten ein wenig die Augen hervor, weil sein hoher, steifer Kragen ihn würgte, doch daran hatte er sich gewöhnt. Jeden von ihnen drückte irgendetwas, und irgendetwas war zu eng oder zu hart; sie mochten es eben nicht bequem haben.

Das Folgende aber begab sich nicht beim Mittagessen, sondern beim Abendbrot. Draußen, vor den Fenstern, spürte man den Mai; im Speisesaal spürte man ihn nicht. Kurz vor acht Uhr betraten sie den Raum und stellten sich hinter ihre Stühle, um zwischen dem vierten und fünften Schlag Platz zu nehmen. Doch was war das?

Der Sohn stand nicht hinter seinem Stuhl, er war unpünktlich, er fehlte. Jetzt schlug die Uhr. Man setzte sich. Der Diener brachte die Suppenschüssel. Eisige Luft umwehte den Tisch, aber niemand sprach ein Wort, die Mahlzeiten wurden schweigend eingenommen.

Sollte man es glauben? Noch immer war der Sohn nicht erschienen! Der Vater und die Mutter tauschten einen Blick und schüttelten den Kopf. Als die Tochter das sah, bangte ihr für den Bruder. Stumm löffelten die drei ihre Suppe.

Und jetzt, wahrhaftig, jetzt trat er durch die Tür, der achtzehnjährige Sohn, als sei nichts vorgefallen. Niemand schaute zu ihm hin, keiner bemerkte seine seltsame, gewitternde Miene. Was bedeutete sie Aufruhr oder Spott? Im nächsten Augenblick beugte sich der Sohn nieder, setzte die Handflächen auf den Boden, schnellte die Beine hoch und stand kopfunten. So, in dieser würdelosen Stellung, marschierte er auf den Tisch zu.

Wo und wann er es gelernt hatte, auf den Händen zu gehen, blieb unerfindlich. Es änderte auch nichts an dem unglaublichen Vorgang. Die drei am Tisch hörten auf, ihre Suppe zu löffeln, und starrten den Jüngling an; er musste den Verstand verloren haben! Ja, so schien es und doch wieder nicht, denn als der junge Mann bei seinem Stuhl angelangt war, ließ er sich wieder auf die Füße fallen, nahm Platz und aß von der Suppe.

Eigentlich wir sagten es schon wurde bei Tisch nicht gesprochen, aber als der Diener abgeräumt und das Hauptgericht gebracht hatte, tat der Vater seinen Mund auf und fragte: «Was soll das?»

Der Sohn zuckte die Achseln, lachte trotzig und sprach: «Mal was anderes!»

Es waren nur drei Worte, aber sie fuhren wie ein Donnerschlag auf die übrigen nieder. Der Vater, die Mutter und die Tochter blickten ganz betäubt, und selbst wenn es erlaubt gewesen wäre, bei Tisch zu sprechen, hätte keiner ein Wort hervorgebracht.

Mal was anderes! Schlimmeres konnte nicht ausgesprochen werden in einem Haus, welches so streng das Herkommen einhielt, denn es ging ja gerade darum, dass nichts sich änderte, dass alles genau so getan wurde, wie man es festgelegt hatte. Und dann die grobe, fast unflätige Ausdrucksweise! «Mal etwas anderes» hieß das in einem Kreise, der sich einer sorgfältigen Sprache befleißigte.

Man aß und trank Wasser, mehr Wasser als sonst, aus verhaltener Erregung. Der Sohn tat, als merke er von alledem nichts.

Der Vater blickte auf den Tisch nieder. Wie es in ihm aussah, ließ sich denken das heißt: genau wusste man es selbstverständlich nicht, denn das Innere eines Menschen ist sehr geheim und bisweilen überraschend. Wer zum Beispiel hätte das erwartet, was jetzt geschah?

Es begann damit, dass der Vater, obwohl er mit dem Essen fertig war, die Gabel in den Mund steckte und sie mit den Zähnen festhielt. Dann nahm er eines der geschliffenen Gläser und stellte es vorsichtig auf den Gabelgriff. Die Gabel schwankte ein wenig, doch das Glas blieb stehen.

Sechs starre Augen verfolgten des Vaters Treiben. Der nahm jetzt ein zweites Glas und versuchte, es auf das erste zu setzen. Fast wäre es ihm gelungen, aber eben nur fast, und so stürzten beide Gläser auf den Tisch und zersprangen.

Verlegen, aber durchaus nicht betreten, schaute der Vater in die Runde. Er hörte die Frage hinter den stummen Lippen und gab eine Erklärung ab. «Mal was andres!» sagte er.

Zum ersten Mal an diesem Tisch begab es sich, dass die Mutter und die Tochter einen Blick wechselten. Was er ausdrückte, war schwer zu sagen, sicherlich ein Einverständnis aber welcher Art? Vielleicht war es auch kein Einverständnis, denn was die Tochter nun beging, konnte unmöglich der Mutter recht sein.

Das junge Ding mehr als fünfzehn Jahre zählte es nicht hob plötzlich die Hände zum Kopf und löste die aufgebundenen Haare, dass sie über die Schultern fluteten. Nicht genug damit, nahm das Mädchen ein Messer und schnitt sich vom Hals zur Brust die Bluse auf: es kam ein schöner Ausschnitt zustande schön, weil er von den Brüsten etwas sehen ließ. «Mal was anderes!» sprach die Tochter.

Jetzt blickten alle die Mutter an. Was würde sie sagen, was würde sie tun! Nichts sagte sie, doch sie tat etwas. Sie griff nach der Glasplatte, die auf dem Tisch lag, und hob sie empor. Hei, wie glitt und stürzte da alles herunter, Schüsseln, Teller, Gläser, wie zerschellten sie lustig am Boden! Die Mutter jedenfalls fand es lustig, und als sie laut lachte, lachten die drei mit. «Mal was anderes!» rief die Mutter, von Heiterkeit geschüttelt, und schlug sich auf die Schenkel. «Mal was anderes!» johlten die anderen.

Von nun an war kein Halten mehr. Wir können nicht aufzählen, was die übermütigen alles anstellten; nur einiges sei berichtet.

Sie sprangen über die Stühle, beschmierten die Bilder an der Wand mit Senf und rollten sich in den Teppich ein. Sie spielten Haschen, wobei viele Gegenstände zerbrachen, tanzten wild auf dem Tisch herum, und als der Diener das Dessert brachte, rissen sie ihm das Tablett aus der Hand und warfen es durch die Fensterscheiben.

Die hereinströmende Mailuft machte sie vollends toll: sie schrien laut und schlugen Purzelbäume. Anfangs war der Diener sehr erschrocken; dann aber stürzte er sich in das närrische Treiben.

Gegen neun Uhr, als es zu dunkeln begann, erscholl draußen plötzlich Musik. Alle liefen ans Fenster und blickten hinaus. Da stand eine kleine Gruppe von Schaustellern, die ankündigen wollten, dass am nächsten Abend eine Vorstellung stattfinde. Die Gaukler waren offensichtlich eine Familie: Vater, Mutter, Sohn und Tochter, genau wie die Familie im Fenster. Welch hübscher Zufall!

«Heda!» rief der Vater im Fenster dem Vater auf der Straße zu, als das Musikstück geendet hatte. «Wollt Ihr nicht mit uns tauschen?» Und da der Andere nicht sogleich begriff: «Ich meine, wollt Ihr dieses Haus haben samt allem, was darin ist, und uns dafür Eure Habe überlassen? Es ist mir ernst damit uns zieht es auf die Straße, in die Ferne».

Die Schauspieler berieten sich und meinten dann, man müsse den Fall aushandeln. «Ja, kommt nur herauf!» rief der Vater im Fenster. Misstrauisch betraten die Gaukler das vornehme Haus, schüchtern schoben sie sich in den Speisesaal. Doch als man ihnen kräftig die Hand schüttelte und nachdrücklich erklärte, das Anerbieten sei wirklich ernst gemeint, fassten sie allgemach Vertrauen.

Nun wurden sie rasch einig, die beiden Familien. Im Nu wechselten sie die Kleider und das Dasein. Ein wenig drollig sahen die feinen Leute ja in dem verwegenen Aufputz aus; doch waren sie glücklich. Nur der Diener weinte, denn er wäre gerne mitgezogen, aber er musste unbedingt zurückbleiben, damit der Tausch vollkommen sei und es den Hausbesitzern nicht an Bedienung mangle.

«Mal was anderes!» bettelte er und warf sich sogar auf die Knie, doch es half ihm nichts.

«Wir lassen dir vier neue Gesichter zurück», sprach der Hausherr im Fortgehen. «Das ist Abwechslung genug».

«Mal was anderes!» sangen die neuen Schausteller im Chor, als sie auf der nächtlichen Straße fortzogen, und winkten denen im Fenster. Der Sohn blies die Trompete ganz leidlich, die Tochter spielte hübsch auf der Ziehharmonika und der Vater zupfte besessen seine Gitarre. Nur die Mutter wusste mit der großen Trommel noch nicht so richtig umzugehen.

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Autor: Kurt Kusenberg

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