Der Uhrmacher von Chioggia – Zeit und Leben – Geschichte

In einer Gasse nahe dem Kanal von Chioggia, wo die Fischerboote im Morgenlicht schaukeln und die Möwen über den Dächern streiten, lebte ein alter Uhrmacher namens Matteo. Sein Laden war so schmal, dass zwei Kunden gleichzeitig kaum Platz fanden. An den Wänden tickten hundert Uhren, und keine zeigte dieselbe Zeit wie die andere.

„Das ist doch Unsinn“, sagten die Leute. „Ein Uhrmacher, dessen Uhren sich nicht einig sind!“

Matteo lächelte nur. „Alle gehen genau“, sagte er. „Sie gehen nur nicht gleich.“

Eines Herbstes kam ein junger Mann in den Laden, Lorenzo, ein Kaufmann aus Padua, der es immer eilig hatte. Er trug eine Taschenuhr, die stehen geblieben war, und er schaute dabei ungeduldig auf die Wanduhr, dann auf die nächste, dann auf die dritte.

„Sie zeigen alle etwas anderes“, sagte er gereizt. „Wie soll ich da wissen, wie spät es ist? Ich habe einen Termin in der Stadt, und mein Schiff wartet nicht.“

„Dann sagt mir, was Ihr wissen wollt“, antwortete Matteo, während er die Taschenuhr öffnete. „Wie spät es ist? Oder wie viel Zeit Euch bleibt?“

Lorenzo stutzte. „Ist das nicht dasselbe?“

„Beinahe nie.“

Der Alte zeigte auf eine große Uhr mit dunklem Holzgehäuse. „Diese hier geht nach der Sonne. Sie sagt Euch, wann der Tag am hellsten ist.“ Dann auf eine kleine, silberne. „Diese geht nach dem Hafen. Sie sagt Euch, wann die Flut kommt, und die Fischer verlassen sich darauf mehr als auf jede Glocke.“ Er deutete weiter, auf eine Uhr mit einem gesprungenen Zifferblatt. „Und diese ging, als meine Frau starb. Sie ist an diesem Tag ein wenig stehen geblieben und seither ihrer Zeit ein Stück hinterher. Ich habe sie nie berichtigt.“

Lorenzo sagte nichts.

„Die Zeit, junger Freund“, fuhr Matteo fort, „ist nicht ein einziger Fluss, auf dem wir alle im selben Boot sitzen. Sie ist eher wie das Meer hier: Es gibt Strömungen, die schneller sind, und Buchten, in denen das Wasser fast stillsteht. Ein Kind erlebt einen Nachmittag als eine Ewigkeit. Ein alter Mann erlebt ein Jahr als einen Atemzug. Beide haben recht, und keine Uhr kann beide zugleich erzählen.“

„Und was sagt dann die Uhr in meiner Tasche?“, fragte Lorenzo, nun leiser.

„Sie sagt, wann Ihr Euch mit anderen treffen könnt. Das ist ein großes Geschenk, vergesst es nicht. Ohne diese gemeinsame Zeit gäbe es keine Märkte, keine Hochzeiten, keine Schiffe. Aber sie sagt nichts darüber, ob Ihr gut lebt.“

Er schloss das Gehäuse, zog die Feder auf, und die Taschenuhr begann wieder zu schlagen. Dann reichte er sie zurück und bat nicht um Geld.

„Ihr schuldet mir nichts“, sagte er. „Aber setzt Euch einen Augenblick. Nur so lange, wie die Sonnenuhr dort braucht, um einen Fingerbreit zu wandern.“

Lorenzo wollte widersprechen, sein Schiff, sein Termin. Doch etwas in der Stimme des Alten hielt ihn zurück. Er setzte sich auf den kleinen Schemel neben der Tür. Draußen rief ein Fischer seinen Fang aus, ein Kind lachte, irgendwo klapperte ein Fensterladen. Das Ticken der hundert Uhren, erst ein wirres Durcheinander, wurde allmählich zu etwas anderem: zu einem Regen, zu einem Herzschlag, zu einem Atem.

Als Lorenzo schließlich aufstand, war weniger Zeit vergangen, als er befürchtet hatte, und doch kam es ihm vor, als hätte er einen ganzen Tag gerastet.

Er erreichte sein Schiff gerade noch rechtzeitig. Doch sagt man in Chioggia, er sei von da an jedes Jahr im Herbst zurückgekehrt, nicht, um etwas zu kaufen, sondern um einen Augenblick auf dem Schemel zu sitzen und der Uhr mit dem gesprungenen Zifferblatt zuzuhören.

Als Matteo starb, fand man in seiner Werkstatt keine einzige Uhr, die dieselbe Zeit zeigte wie die andere. Aber man sagt, wer lange genug in dem leeren Laden stand, habe dennoch gespürt, dass alle zusammen etwas richtig machten.

Zum Nachdenken: Welche Zeit zählst du gerade, die der Glocken oder die deines eigenen Herzens?

Der Uhrmacher von Chioggia – Zeit und Leben – Geschichte zum Nachdenken

Der Uhrmacher von Chioggia
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Der Uhrmacher von Chioggia - Zeit und Leben - Geschichte - In einer Gasse nahe dem Kanal von Chioggia, wo die Fischerboote im Morgenlicht schaukeln und die Möwen über den Dächern streiten, lebte ein alter Uhrmacher namens Matteo.

URL: https://aventin.de/der-uhrmacher-von-chioggia/

Autor: K.I.

Bewertung des Redakteurs:
4

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