Die Augen des ewigen Bruders – Stefan Zweig – Legende

Die Legende »Die Augen des ewigen Bruders« von Stefan Zweig erzählt vom edlen Inder Virata, dessen Streben nach einem selbstlosen und sündenfreien Leben durch seine Zeit als Krieger, Jäger, oberster Richter, Gefängniswärter und Diener geprägt war.

Ursprung und Schuld: Die Tötung des Bruders
Virata ist als Krieger und Edler am Hofe des Königs Rajputas berühmt für seinen Mut und seine Tapferkeit. In einer Schlacht tötet er jedoch unwissentlich seinen eigenen Bruder.

Diese Tat wird zum Wendepunkt seines Lebens: Er erkennt, dass jeder, der einen Menschen tötet, seinen eigenen Bruder tötet – ein Gedanke, der ihn fortan nicht mehr loslässt.

Dies wird symbolisiert durch die immer wieder auftauchenden »Augen des Bruders», die Virata als Vorwurf und Mahnung in den Gesichtern anderer zu erkennen vermag.

Suche nach Sühne und Veränderungen:
Vom Schuldgefühl getrieben, schwört Virata deshalb ab, weiter Gewalt auszuüben, und lehnt das Amt des obersten Heerführers ab. Stattdessen übernimmt er nun die Rolle des obersten Richters an, entscheidet aber immer gegen die Todesstrafe, da er Blutvergießen ablehnt.

Selbst als Richter wird er von Zweifeln geplagt: Hat er wirklich immer gerecht geurteilt? Schließlich zieht er sich auch hier zurück, um einen Weg der Wahrheit zu suchen – erst als Gefängniswärter, dann als einfacher Diener und schließlich geht er in die Einsamkeit.

Stern der Einsamkeit:
Eines Tages musste Virata ins Dorf gehen um einen Toten zu bestatten. Eine Frau blickte ihn dabei hasserfüllt an. Diese Augen erinnerten ihn wieder an die Augen des getöteten Bruders und er erkunditgte sich nach dem Grund ihres Zorns.

Ihr Mann, der die Familie ernährt hatte, war Virata in die Einsamkeit gefolgt, so dass ihre drei Kinder beinahe verhungert wären. Sie warf ihm vor, ihren Mann verführt und damit Schuld auf sich geladen zu haben. Ihr Mann hätte die Familie hilflos zurück gelassen, um sein eigenes Heil unter Gleichgesinnten zu suchen.

Viratas Leben:
In allen Rollen also – ob als Jäger, Krieger, Richter, im Gefängnis oder als Ackerbauer des Rats – erblick Virata das Zeichen der Schuld. Immer wieder trifft ihn der Blick jener Augen: So merkt er, dass er auch als Teil eines Systems, das Gewalt oder Ungerechtigkeit verursacht, ebenso Mitschuld trägt, selbst wenn er dabei passiv bleibt.

»Auch die Tatenlosigkeit ist eine Tat« – dieser Gedanke prägt weiter sein Handeln.

Virata erkannte, dass wahrer Frieden nicht in äußerem Tun oder Nichttun stattfindet, sondern nur im selbstlosen Dienen an der ganzen Menschheit.

Virata starb als einfacher Hüter der Hunde, fern vom Ruhm, ohne jemals den quälenden, ewigen Blick des Bruders vergessen zu haben.

Aber auch die Menschen hatten ihn vergessen. Nur die Hunde heulten zwei Tage und zwei Nächte lang, dann vergaßen auch sie Virata, dessen Name weder in der Chronik des Herrschers noch in den Büchern der Weisen verzeichnet ist.

Fazit:
Virata erlangte als Krieger, Richter und Ratgeber zwar große Höhepunkte in seinem Leben und war der Überzeugung, für die Menschen ein Vorbild und Wohltäter zu sein. Im ganzen Land war er bekannt und berühmt wegen seiner Unparteilichkeit und Gerechtiggkeit.

Als ihm aber bewusst wurde, dass all seine Taten auch leidvolle Wirkungen auf andere Menschen haben, zog er sich als Asket in die Einsamkeit zurück. Aber auch sein Leben als Asket hatte Auswirkungen auf andere, das musste er endlich erkennen.

Es gelang ihm nicht, sein Leben so zu führen, dass all sein Tun bzw. Nichttun das Leben seiner Mitmenschen nicht irgendwie beeinflusst hätte.

Die Augen des ewigen Bruders – Stefan ZweigLegende

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