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In der Tiefseekugel – Charles William Beebe

In der Tiefseekugel · Charles William Beebe · Kosmos Meer & Welt

Bei 747 Meter kam für den Bruchteil einer Sekunde ein sehr großer dunkler, aber nicht undeutlicher Umriss eines Fisches vor meinen Blick, und bei 762 Meter zuckte eine zierliche Rippenqualle vorbei.

Unvermittelt machte der große Fisch kehrt, und ich sah seinen vollständigen schattenähnlichen Umriss, der durch das äußerste Ende des Scheinwerferstreifens glitt. Sechs Meter hat er mindestens gemessen, und tief gebaut ist er auch gewesen. Der ganze Fisch war einfarbig, und ich konnte nicht einmal ein Auge oder eine Flosse wahrnehmen.

Für die meisten meiner Zeitgenossen würde dies Seeungeheuer vermutlich die beachtlichste Merkwürdigkeit der Forschungsfahrt darstellen. An Gestalt zeigte er ein langes tiefes Eirund. Er schwamm anscheinend ganz mühelos, und er kehrte nicht zurück. Das ist alles, was ich über ihn aussagen kann.

Wenn auch seine ungewöhnliche Größe mich sehr erregte, dass ich über 100 Meter lang ständig angestrengt nach Spuren desselben Fisches oder aber seiner Genossen Ausguck hielt, so vergaß ich ihn doch im Licht (in buchstäblicher Bedeutung des Wortes) kleinerer, aber deutlicherer und nicht minder eigenartiger Tiere.

Worum es sich bei dem großen Tier gehandelt hat, vermag ich nicht zu sagen. Zuerst möchte ich wohl auf einen kleinen Wal oder Grind tippen. Diese Vermutung ist gar nicht so abwegig. Wir wissen ja, dass den Walen eine besondere chemische Anpassung des Blutes eigen ist, die es ihnen ermöglicht, eineinhalb Kilometer und mehr zu tauchen und dann wieder heraufzukommen, ohne zu zerspringen.

Die Kleinigkeit von 747 Meter wäre also gar nichts für einen ähnlich ausgerüsteten Wal gewesen. Oder es war, was freilich weniger wahrscheinlich ist, ein Walhai, von dem man Exemplare kennt, die eine Länge von zwölf Metern erreichen.

Den nächsten Fisch von ungewöhnlicher Größe sahen wir bei 884 Meter. Er war nicht ganz 90 Zentimeter lang, ziemlich schlank, mit vielen leuchtenden Flecken am Körper und einem verhältnismäßig großen, blassgrünen, halbmondförmigen Licht unter dem Auge.

In seiner Nähe schwammen fünf Laternenfische, die sich von allen anderen, die ich gesehen hatte, unterschieden. Sie bewegten sich so langsam, dass ich mich vor ihrem Verschwinden vergewissern konnte, dass sie zur Gattung Lampadena gehörten.

In 923 Meter Tiefe kamen wir dann langsam zu Ruhe, und ich wusste, dass es nicht weiter gehen würde. Die Trosse an der Winde oben waren schon fast ganz ausgestreckt.

Vor ein paar Tagen noch war mir das Wasser in 760 Meter Tiefe schwärzer erschienen, als man sich träumen kann. Doch jetzt empfand ich es als schwärzer den schwarz. Es kam mir vor, als ob alle künftigen Nächte in der oberen Welt vergleichsweise nur als Grade von Zwielicht gelten dürften. Ich konnte nie wieder das Wort »schwarz« mit Überzeugung gebrauchen.

Ich schaute hinaus und beobachtete ein gelegentliches vorüberziehendes Licht. Zum ersten Mal wurde mir deutlich, dass das sogenannte Glimmleuchten, mit dem wir an der Oberfläche vertraut sind, hier völlig fehlte. Dort wird ein ganz gewöhnlicher Fisch infolge der Rückstrahlung der Lichter unzähliger winziger Tiere und Pflanzen, die im Wasser schweben, beim Einherschwimmen leuchtend.

Hier aber besteht jedes Licht für sich selbst und ist unmittelbar von der Willkür des Besitzers abhängig. Ein Riesenfisch konnte am Fenster vorbei stieben und doch, wenn er keine Beleuchtung besaß, ungesehen bleiben.

Meine Augen passten sich diesen Tiefen derart an, dass ich mich gar nicht irren konnte. Das Pechschwarz des Wassers wurde nur durch Funken und Blitze und stetig glühende Lampen von ansehnlichem Durchmesser unterbrochen, von verschiedensten Farben und von unendlicher Mannigfaltigkeit, was Größe und Anordnung anbelangt.

Die gelegentlichen flüchtigen Schutzwolken der Garnelen hoben sich darum um so stärker als ungewöhnliche Erscheinungen heraus und haben mit dem in Rede stehenden Vorgang nichts zu tun.

Wenn das Oberflächenlicht hauptsächlich von Leuchttierchen und einzelligen Pflanzen ausgestrahlt wird, so ist die Erklärung seines Fehlens hier in der Tiefe ganz leicht, denn alle Oberflächenformen dieser Gruppe sind viel, viel weiter oben bereits ausgestorben.

Eine zweite Merkwürdigkeit, die mir auffiel, als ich zusammengerollt in bald einem Kilometer Tiefe in der Tiefseekugel saß, war das Unvermögen unseres kräftigen Scheinwerferlichts, irgendwelche Tiere herbeizulocken.

Einige flüchteten bei seinem Aufblitzen, andere erschienen gänzlich unbetroffen. Doch nicht ein einziger Ruderfüßer oder Wurm oder Fisch ließ sich im Strahlenkegel häuslich nieder oder drängte sich ans Steuerbordfenster, dem das Licht entquoll.

Wir ließen manchmal den kleineren Scheinwerferstreif drei Minuten hintereinander an. Das Plankton, das in allen Teilen des Strahlenkegels reichlich vorhanden war, hatte also genügend Zeit, seinen Einfluss zu verspüren und entsprechend zu reagieren.

Der Ursache hierfür muss weit eingehender nachgespürt werden, als ich es habe tun können. Ein Umstand, der hier zu erwähnen ist, ist zweifellos nicht nur das Fehlen des Wechsels von Tag und Nacht, sondern die ewige Abwesenheit allen Lichtes außer dem tierischen.

Selbst in dieser völligen Schwärze empfand ich die Reinheit des Wassers, sein Freisein von Sinkstoffen und Trübung. Wir waren ja zehn Kilometer vom Land und 1500 Meter vom Meeresgrund entfernt. Es gab also keine Zerstreuung des Lichtes, keine Höfe, keine Brechung. Wenn sich Funken oder größere Lichter bewegten, waren sie so deutlich, als ob sie regungslos stehen würden.

Die Rückstrahlung aber war spürbar, etwas auf das Auge oder auf die Haut von einem unterhalb des Auges oder seitlich aufleuchtenden Lichtträger her, oder aber auf mein Gesicht, wenn eine Garnele dicht davor zerplatzte.

Ab und zu fühlte ich ein leichtes Zittern und ein anscheinendes Lockerwerden der Trosse. Man meldete mir von oben, es seien nur noch etwas ein Dutzend Törns der Trosse auf der Spule übrig, und eine volle Hälfte der Trommel zeige ihren Holzkern. Wir hätten 923 Meter Tiefe erreicht, und ob wir heraufkommen wollten? Das wollten wir dann auch.

Immer wenn ich unter die letzten Lichtstrahlen versinke, strömen mir Bilder und Gleichnisse zu. Doch wirklich würdig und dem Geist für immer verhaftet bleibt nur ein Gedanke:

Vergleichbar diesem wundersamen Reich der Tiefe ist einzig der nackte Raum selbst, weit draußen jenseits des Luftmeeres zwischen den Sternen, wo das Sonnenlicht sich an keinen Staub und Abfall der Erdenluft zu klammern vermag, wo die Schwärze des Raums, die leuchtenden Planeten, Kometen, Sonnen und Sterne wirklich nahe verwandt der Welt des Lebens sein müssen, wie sie dem Auge des ehrfurchtsvoll erschauernden Menschleins im freien Meer in 900 Meter Tiefe erscheint.

In der Tiefseekugel · Charles William Beebe · Kosmos Meer & Welt · Novelle

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In der Tiefseekugel · Charles William Beebe · Kosmos Meer & Welt · Bei 747 Meter kam für den Bruchteil einer Sekunde ein sehr großer dunkler Umriss zum Vorschein.

URL: https://aventin.de/in-der-tiefseekugel-charles-william-beebe/

Autor: Charles William Beebe

Bewertung des Redakteurs:
4

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