Die blaue Blume – Novalis

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Die blaue Blume – Novalis – Kurzgeschichte

Die Eltern lagen schon und schiefen, die Wanduhr schlug ihren einförmigen Takt und vor den klappernden Fenstern sauste der Wind. Abwechselnd wurde das Zimmer hell vom Schimmer des Mondes. Der junge Mann lag unruhig auf seinem Bett, und dache an den Fremden und seine Erzählungen.

»Nicht die Schätze sind es, die ein so unaussprechliches Verlangen in mir geweckt haben«, sagte er zu sich selbst. »Fern ab liegt mir alle Habsucht: aber die blaue Blume sehne ich mich zu erblicken. Sie liegt mir unaufhörlich im Sinn, und ich kann nichts anderes denken. So ist mir noch nie zumute gewesen. Es ist, als hätte ich geträumt, oder ich wäre in eine andere Welt hinüber geschlummert. Denn in der Welt, in der ich sonst lebte, wer hätte da sich um Blumen gekümmert, und gar von einer so seltsamen Leidenschaft für eine Blume. Das habe ich noch nie gehört.

Wo nur der Fremde eigentlich herkam? Keiner von uns hat je einen ähnlichen Menschen gesehen. Ich weiß auch nicht, warum ich von seinen Reden so ergriffen worden bin. Die anderen haben ja das nämliche auch gehört, und keinem ist so etwas geschehen wie mir. Auch kann ich nicht von meinem wunderlichen Zustand reden! Es ist mir so wohl, wenn ich an die Blume denke und dann befällt mich ein so tiefes, inniges Treiben. Das kann und wird keiner verstehen. Ich glaube fast, ich wäre im Wahnsinn, wenn ich nicht so klar und hell sehen und denken könnte. Mir ist seitdem alles viel klarer und bewusster.

Ich hörte einst von alten Zeiten reden, wie die Tiere, Bäume und Felsen noch mit den Menschen gesprochen haben. Mir ist gerade so, als wollten sie augenblicklich wieder anfangen zu reden, und als könnte ich es ihnen direkt ansehen, was sie mir sagen wollten. Wohl wird es noch viele Worte geben, die ich nicht kenne und weiß. Wüsste ich mehr, so könnte ich auch viel besser alles begreifen. Sonst tanzte ich gerne, jetzt denke ich viel lieber an die Musik selbst.«

Der Jüngling verlor sich allmählich in süßen Fantasien und entschlummerte. Dann träumte er von unbekannten Fernen und wilden unbekannten Gegenden. Er wanderte über Meere mit unbegreiflicher Leichtigkeit. Er sah wunderliche Tiere, lebte mit mannigfaltigen Menschen zusammen, bald im Krieg, in wildem Getümmel oder in stillen Häusern. Auch geriet er in Gefangenschaft und in schmählichste Not.

Alle diese Empfindungen stiegen bis zu einer nie gekannten Höhe in ihm auf. Er durchlebte ein unendlich buntes Leben. Er starb und er kam wieder. Er liebte bis zur höchsten Leidenschaft und er war dann wieder von seiner Geliebten ewig getrennt. Endlich gegen Morgen, wie draußen die Dämmerung anbrach, wurde es stiller in seiner Seele, klarer und bleibender wurden die Bilder.

Es kam ihm vor, als ginge er allein in einem dunklen Wald. Endlich gelangte er zu einer kleinen Wiese, die am Hang eines Berges lag. Hinter der Wiese erhob sich eine hohe Klippe, an deren Fuß er eine Öffnung erblickte, die der Anfang eines in den Felsen gehauenen Ganges zu sein schien. Der Gang führte ihn gemächlich eine Zeit lang fort, bis zu einer großen Erweiterung, aus dem ihm schon von weitem ein helles Licht entgegen glänzte.

Wie er hinein trat, wurde ihm ein mächtiger Strahl gewahr, der wie aus einem Springquell bis an die Decke des Gewölbes stieg und oben in unzählige Funken zerstäubte, die sich unten in einem großen Becken sammelten. Der Strahl glänzte wie entzündetes Gold. Nicht das mindeste Geräusch war zu hören. Eine heilige Stille umgab das herrliche Schauspiel.

Er näherte sich dem Becken, in dem unendlich viele Farben wogten und zitterten. Auch die Wände der Höhle waren mit dieser Flüssigkeit überzogen, die nicht heiß, sondern kühl war und ein mattes, bläuliches Licht von sich warfen. Er tauchte seine Hand in das Becken und benetzte seine Lippen. Es war, als durchdringe ihn ein geistiger Hauch und er fühlte sich innigst gestärkt und erfrischt.

Ein unwiderstehliches Verlangen ergriff in sich zu baden, er entkleidete sich und stieg in das Becken. Es kam ihm vor, als würde ihn eine Wolke des Abendrots umfließen. Eine himmlische Empfindung durchströmte sein Inneres. Mit inniger Wollust strebten unzählige Gedanken sich in ihm zu vermischen.

Neue, nie gesehene Bilder entstanden, die wieder ineinander flossen und zu sichtbaren Wesen um ihn wurden. Jede Welle des lieblichen Elements schmiegte sich wie ein zarter Busen an ihn. Die Flut schien eine Auflösung reizender Mädchen, die an dem jungen Mann sich augenblicklich verkörperten.

Berauscht vor Entzücken und jedes Eindrucks voll bewusst, schwamm er scheinbar nach dem leuchtenden Strom, der aus dem Becken in den Felsen hinein floss. Eine Art von süßem Schlummer befiel ihn, in welchem er unbeschreibliche Begebenheiten träumte und woraus ihn eine andere Erleuchtung weckte.

Er befand sich nun auf einem weichen Rasen am Rand der Quelle, die in die Luft hinaus quoll und sich darin zu verzehren schien. Dunkelblaue Felsen mit bunten Adern erhoben sich in einiger Entfernung. Das Tageslicht, das ihn umgab, war heller und milder als das gewöhnliche. Der Himmel war schwarzblau und völlig rein.

Was ihn aber mit voller Macht anzog, war eine hohe lichtblaue Blume, die zunächst an der Quelle stand, und ihn mit ihren breiten glänzenden Blättern berührte. Rund um sie her standen unzählige Blumen in allen Farben, und ein köstlicher Geruch erfüllte die Luft. Er sah nichts als die blaue Blume, und betrachtete sie lange mit unnennbarer Zärtlichkeit.

Endlich wollte er sich ihr nähern, als sie sich auf einmal zu bewegen und zu verändern anfing. Die Blätter wurden noch glänzender und schmiegten sich an den wachsenden Stängel. Die Blume neigte sich ihm zu und die Blütenblätter zeigten einen blauen ausgebreiteten Kragen, in welchem ein zartes Gesicht schwebte.

Sein süßes Staunen wuchs mit der sonderbaren Verwandlung, als ihn plötzlich die Stimme seiner Mutter weckte, und er sich in seinem Zimmer, das schon von der Morgensonne vergoldet war, wiederfand. Er war noch zu entzückt, um über diese Störung unwillig zu sein. So bot er seiner Mutter ein freundliches »Guten Morgen« und erwiderte herzlich ihre mütterliche Umarmung.

Die blaue Blume – Kurzgeschichte von Novalis – Story

Die blaue Blume
Die blaue Blume Kurzgeschichte Novalis 1

Die blaue Blume - Novalis - Kurzgeschichte - Die Eltern lagen schon und schiefen, die Wanduhr schlug ihren einförmigen Takt und vor den klappernden Fenstern sauste der Wind. Abwechselnd wurde das Zimmer hell vom Schimmer des Mondes. Der junge Mann lag unruhig auf seinem Bett, und dache an den Fremden und seine Erzählungen.

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Autor: Novalis

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